Pakistan und Afghanistan, die eine rund 2.600 Kilometer lange, schwer kontrollierbare Gebirgsgrenze teilen, stehen nach Monaten relativer Ruhe erneut vor einer Eskalation. Zuletzt häuften sich wieder grenzüberschreitende Angriffe und Zwischenfälle entlang der Grenze. Droht nun ein offener Krieg?
Pakistan hat Luftangriffe auf die afghanische Hauptstadt Kabul und andere Städte geflogen und den "offenen Krieg" erklärt, nachdem Taliban-Stellungen an der pakistanischen Grenze angegriffen wurden. Damit eskalierte die Gewalt zwischen den Nachbarn zum zweiten Mal seit Oktober.
Der pakistanische Verteidigungsminister Khawaja Asif sagte, die Geduld Islamabads mit der Taliban-Regierung in Afghanistan sei nach den grenzüberschreitenden Angriffen vom Donnerstagabend "am Ende".
Nach Angaben des pakistanischen Militärs wurden im Rahmen der Operation Ghazab lil Haq ("Gerechter Zorn") 133 Taliban-Kämpfer getötet. Zudem wurden Militäreinrichtungen in Kabul und der strategisch wichtigen Stadt Kandahar angegriffen, wo Taliban-Führer Hibatullah Akhundzada residiert.
Der Sprecher der afghanischen Taliban-Regierung, Zabihullah Mudschahid, bestätigte die pakistanischen Angriffe auf drei Provinzen und erklärte, man habe mit Vergeltungsangriffen auf pakistanische Militärstellungen begonnen. Das Verteidigungsministerium in Kabul erklärte, acht seiner Soldaten seien getötet worden.
Was hat die jüngste Krise ausgelöst?
Die Taliban starteten am Donnerstagabend "groß angelegte Offensivoperationen" gegen pakistanische Stellungen entlang der Durand-Linie, wie Mudschahid es formulierte.
Die Taliban erklärten, die Angriffe seien eine Vergeltung für die pakistanischen Luftangriffe vom 21. Februar, bei denen in den Provinzen Nangarhar, Paktika und Chost nach Angaben der afghanischen Taliban mindestens 18 Menschen getötet wurden.
Nach pakistanischen Angaben richteten sich diese Angriffe gegen Lager der Extremistengruppen Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP) und des so genannten Islamischen Staates in der Provinz Khorasan.
Pakistanische Kampfflugzeuge schlugen am Freitag gegen 1:50 Uhr Ortszeit in Kabul ein, gefolgt von einem zweiten Angriff, wie es aus der afghanischen Hauptstadt hieß. Nach den Angriffen eröffneten Flugabwehrkanonen das Feuer.
Pakistan gab an, Verteidigungseinrichtungen der afghanischen Taliban getroffen zu haben, darunter das Hauptquartier einer Brigade in Kabul, ein Korps- und ein Brigade-Hauptquartier in Kandahar sowie Taliban-Stellungen in Paktia.
Nach Angaben des pakistanischen Informationsministeriums trafen die Angriffe auch Gebiete in der pakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkhwa.
Kabul gab an, Drohnenangriffe gegen militärische Ziele in Pakistan durchgeführt zu haben. Pakistan bestritt derweil, dass irgendwelche Posten erobert oder beschädigt worden seien.
Unterdessen haben pakistanische Streitkräfte Berichten zufolge mehrere Grenzposten eingenommen und die pakistanische Flagge gehisst.
Was sind die Wurzeln des Konflikts?
Im Zentrum des Streits steht der Vorwurf Pakistans, die Taliban würden Kämpfern der Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP) in Afghanistan Rückzugsräume bieten. Von dort aus verübe die Gruppe Angriffe auf pakistanisches Gebiet.
Die Taliban herrschten in Afghanistan bereits in den 1990er-Jahren und wurden nach der US-geführten Intervention 2001 gestürzt. In den folgenden Jahren zogen sich Taliban-Kämpfer in Grenzregionen zwischen Afghanistan und Pakistan zurück. 2007 schlossen sich mehrere militante Gruppen zur TTP zusammen, die oft als "pakistanische Taliban" bezeichnet wird.
Die TTP bekämpft den pakistanischen Staat und hat wiederholt Anschläge auf Sicherheitskräfte und staatliche Einrichtungen verübt. Nach Angaben der Konfliktbeobachtungsstelle ACLED nahm die Gewalt 2025 deutlich zu.
Auch wenn die TTP organisatorisch von den afghanischen Taliban getrennt ist, gibt es ideologische und persönliche Verbindungen. Islamabad sieht darin ein gravierendes Sicherheitsrisiko und wirft der Taliban-Regierung vor, nicht konsequent gegen die TTP vorzugehen.
Zusätzlich verschärfen andere bewaffnete Gruppen die Lage, insbesondere in den Grenzprovinzen Khyber Pakhtunkhwa und Belutschistan. Ein weiterer Konfliktpunkt ist die rund 2.600 Kilometer lange Durand-Linie: Afghanistan erkennt die Grenze bis heute nicht formell an und kritisiert, dass sie paschtunische Siedlungsgebiete zerschneide.
Wie hängt die Eskalation mit Indien zusammen?
Einige Beobachter sehen die aktuelle Zuspitzung nicht nur als Reaktion auf Sicherheitsprobleme, sondern auch als Teil eines regionalen Machtkonflikts. In Islamabad wächst demnach der Eindruck, Kabul rücke politisch näher an Neu-Delhi heran.
Pakistans Vorgehen könne deshalb auch als Warnsignal an die Taliban verstanden werden: Eine Vertiefung der Beziehungen zu Indien werde als Bedrohung gesehen, zumal Pakistan gleichzeitig mangelnde Rücksicht auf eigene Sicherheitsinteressen beklagt.
Der pakistanische Verteidigungsminister Asif sprach auf X von Afghanistan als "Kolonie Indiens" und erklärte, die Geduld Pakistans sei erschöpft. Die Taliban-Regierung wies die Vorwürfe zurück und betonte, sie strebe gute Beziehungen zu den Nachbarn an. Afghanisches Territorium werde nicht gegen andere Staaten genutzt.
Sie bezeichnete den Konflikt Pakistans mit der TTP als interne Angelegenheit und erklärte, man unterstütze die Gruppe nicht.
Seit der Rückkehr der Taliban an die Macht 2021 hat Pakistan nach eigenen Angaben wiederholt Ziele in Afghanistan aus der Luft angegriffen. Zudem kam es seit dem Abzug der US-Streitkräfte zu zahlreichen Zwischenfällen und Gefechten entlang der Grenze zwischen pakistanischen und afghanischen Kräften.
Ein von Katar vermittelter Waffenstillstand nach schweren Zusammenstößen im Herbst 2025 hielt zunächst weitgehend. Dennoch gab es weiterhin vereinzelte Schusswechsel. Mehrere Gesprächsrunden blieben bislang ohne formelle Einigung.