Seit fast 40 Jahren bestimmte Ayatollah Ali Chamenei über den Iran - mit harter Hand. Im Alter von 86 Jahren wurde der Kleriker bei einem Luftangriff auf seine Residenz in Teheran getötet. Wer war der Mann und wie kam er an die Macht?
Ali Chamenei war einer der wenigen internationalen Politiker, der während seiner Amtszeit keine Auslandsreisen unternahm. Und er gab nie Interviews - weder iranischen noch ausländischen Medien. Kritische Iran-Kenner erklären, Chamenei sei nicht bereit gewesen, irgendjemand gegenüber Rechenschaft abzulegen.
Von Beginn der Revolution in Iran an stand er an der Spitze der Macht und übernahm nach dem Tod von Ruhollah Chomeini, dem Gründer der Islamischen Republik Iran, die Führung des Landes. Ali Khamenei hatte das letzte Wort in der Außenpolitik, und seine Feindseligkeit gegenüber den USA machte es jedem iranischen Beamten unmöglich, sich eine Wiederaufnahme der politischen Beziehungen zwischen Teheran und Washington vorzustellen.
Familie und Kindheit von Ali Chamenei
Sayyed Ali Chamenei wurde am 29. April 1918 in Mashhad geboren.
Sein Vater hieß Javad und wurde in Najaf geboren, aber als Kind zog er mit seiner Familie zuerst nach Täbris. Dort studierte Javad Chamenei Religionswissenschaften und siedelte dann nach Maschhad um. Der Vater starb im Juli 1985 an einem Herzinfarkt.
Ali Chameneis Mutter wurde "Khadija Mirdamadi" genannt. Sie starb am 15. August 1988, am selben Tag, an dem ihr Sohn offiziell der Oberste Führer des Iran wurde.
Ali Chamenei war das zweite Kind der Familie. Er hatte drei Brüder namens Mohammad, Hadi und Hassan sowie eine Schwester namens Badri, die Ehefrau des oppositionellen 2022 verstorbenen Sheikh Ali Tehrani.
Der zweite Oberste Führer der Islamischen Republik begann sein Religionsstudium in Maschhad und studierte kurz am Seminar in Najaf, kehrte aber weniger als ein Jahr später nach Mashhad zurück und studierte dann am Seminar von Ghom. Damals war er Schüler von Hossein Ali Montazeri, einem Professor, der viele Jahre später auf Geheiß seines ehemaligen Schülers in dessen Dienste geholt wurde.
In diesen Jahren begann Ali Chamenei, sich für politische Themen zu interessieren. Nach dem Referendum des Schahs 1963 wurde Ali Chamenei von Ayatollah Milani beauftragt, Ruhollah Chomeini in Ghom Berichte über die öffentliche Meinung in Maschhad zu überbringen. Es war Ali Chameneis erster politischer Kontakt mit Ruhollah Chomeini.
Ungefähr zu dieser Zeit wurde Ali Chamenei zum ersten, aber nicht zum letzten Mal verhaftet. Vor dem Sieg der Revolution wurde er wegen seiner Opposition zum Schah wiederholt inhaftiert und wohl auch in Haft gefoltert.
Dennoch setzte Ali Chamenei seine regierungsfeindlichen Aktivitäten fort. Später wurde er nach Jireff und Iranshahr im Süden des Iran verbannt.
Einen Monat vor der Revolution 1979 wurde er von Ruhollah Chomeini zum Mitglied des Revolutionsrates ernannt, zu dem neben ihm auch Akbar Hashemi Rafsanjani, Mohammad Beheshti, Morteza Motahari, Mohammad Javad Bahonar und Abdolkarim Mousavi Ardabili gehörten. Diese Mitgliedschaft markierte den Beginn von Ali Chameneis einflussreicher Rolle in der Regierung.
Nach dem Sturz des Schahs
Nach dem Sturz der Regierung des Schahs übernahm der Revolutionsrat die Rolle der Gesetzgebung im neuen politischen System Irans. Der Rat wurde später mit der Übergangsregierung zusammengelegt, doch nach der Abdankung von Mehdi Bazargan übernahm der Interims-Ministerpräsident de facto die Verwaltung des Landes.
Aber das war erst der Anfang von Chameneis Aufstieg. In der Zeit, als Mehdi Chamran Minister war, wurde er zunächst zum Stellvertreter des Verteidigungsministers ernannt und leitete gleichzeitig die Islamische Revolutionsgarde. Chamenei kam bei den ersten Wahlen zur Versammlung des Islamischen Staates als Vertreter eines Wahlkreises in Teheran ins Parlament.
Aber eine seiner vielleicht wichtigsten Rollen in der Islamischen Republik war seine Ernennung zum Freitagsimam in Teheran durch Ruhollah Chomeini. Bis zum Ende seiner Amtszeit blieb er Imam Juma von Teheran, und während dieser Zeit hielt er fast 250 Mal das Freitagsgebet. Während seiner Amtszeit trat er allerdings nur selten beim Freitagsgebet auf.
Zwei Attentatsversuche
Im Juni 1981 hielt Ali Khamenei eine Rede in der Abu-Zar-Moschee in Teheran, als eine Explosion den Ort erschütterte. Chamenei wurde schwer verletzt und ins Krankenhaus gebracht.
Der Anschlag wurde der sogenannten Furqan-Gruppe zugeschrieben. Die Bombe war in ein Tonbandgerät eingebaut und auf dem Podium vor dem Politiker platziert, aber kurz vor der Explosion bewegte Chameneis Leibwächter das Gerät nach rechts, so dass das Herz des Redners nicht direkt getroffen wurde.
Chamenei überlebte den Angriff, aber seine rechte Hand war danach dauerhaft behindert.
Der zweite Angriff fand am 24. März 1983 statt, als Chamenei am Freitagsgebet an der Universität Teheran teilnahm. Bei dem Anschlag wurden 14 Menschen getötet und 88 weitere verletzt. Trotzdem setzte Chamenei seine Gebete fort und verließ den Ort nicht.
Chamenei als Präsident des Iran
Kurz nach der Ermordung des amtierenden Präsidenten Mohammad Ali Radschai 1981 unterstützte die Partei der Islamischen Republik, die zum mächtigsten staatlichen Akteur geworden war, Ali Chameneis Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen. Zwar heißt es, Ruhollah Chomeini sei mit der Präsenz eines Klerikers im Präsidentenpalast nicht einverstanden, doch letztlich stimmte er zu. Im Oktober 1981 wurde Ali Chamenei mit mehr als 95 Prozent der Stimmen gewählt und war der dritte Präsident des Iran.
Trotz des Wahlerfolges war Chamenei im Parlament wenig beliebt. Er schaffte es nicht, seinen Kandidaten für das Amt des Regierungschefs durchzusetzen. Und Chamenei musste mit dem von den Abgeordneten durchgesetzten Ministerpräsidenten Mir Hossein Mussawi zusammenarbeiten.
Aufgrund der Differenzen zwischen Chamenei und Mussawi beschloss der Präsident, nicht an den folgenden Wahlen teilzunehmen, doch Chomeini zwang ihn dazu.
Chamenei war insgesamt sieben Jahre lang iranischer Präsident, sieben Jahre voller Krisen, politischer Meinungsverschiedenheiten und mit einem Krieg. Der Iran-Irak- oder Erste Golfkrieg dauerte vom 22. September 1980 bis zum 20. August 1988. Ali Chamenei nahm dabei eine unnachgiebige Haltung ein.
Chamenei löst Chomeini ab
Kurz nach Kriegsende und noch bevor über den Entwurf einer neuen Verfassung ein Referendum abgehalten wurde, starb Ruhollah Chomeini.
Die Expertenversammlung beeilte sich, eine Sitzung einzuberufen, und wählte Ali Chamenei am selben Tag zum Vorsitzenden. Akbar Hashemi Rafsanjani, der das Treffen leitete, hatte die Initiative ergriffen und unter Berufung auf eine Abhandlung von Ruhollah Chomeini Ali Chamenei als dessen bevorzugte Option vorgestellt.
Tatsächlich wurde Ali Chamenei zunächst der Titel eines Interimsführers verliehen, weil die Verfassungsänderungen noch nicht durch eine Volksabstimmmung abgesegnet waren.
Über die neue Verfassung wurde am 6. August ein Referendum abgehalten, wodurch rechtliche Hindernisse für Chameneis ständige Führung beseitigt wurden. Weniger als zehn Tage nach dem Verfassungsreferendum berief die Expertenversammlung erneut eine Sitzung ein und wählte Ali Chamenei zum zweiten Obersten Führer des Iran.
Während seiner mehr als drei Jahrzehnte währenden Regierungszeit brachte Ali Chamenei das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Institutionen des Systems durcheinander, indem er die Macht schrittweise auf die Führungsinstitution konzentrierte.
Regierungen und Kammern verloren, selbst wenn sie mit einer hohen Stimmenzahl gewählt wurden, ihre Exekutiv- und Entscheidungsfunktionen, und die wichtigsten Entscheidungszentren wurden in einen begrenzten, nicht gewählten Kreis verlagert.
Gleichzeitig gewannen die Sicherheits- und Militärinstitutionen, insbesondere die Revolutionsgarden oder IRGC, in Politik, Wirtschaft und Medien an Einfluss. Dieser Trend schadete Kritikern der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit als auch der politischen Atmosphäre des Landes.
In der Folgezeit blockierte Chamenei politische Reformen innerhalb des Systems und vermittelte der Gesellschaft die Botschaft, dass ein friedlicher Wandel nicht möglich sei. Das Ergebnis dieses Ansatzes war ein Rückgang der politischen Teilhabe, die Anhäufung sozialer Unzufriedenheit und eine weitere Radikalisierung der Proteste. Regierungsgegnern ging es dann nicht mehr nur um Reformen, sondern um grundlegende Veränderungen.
Aufgrund der anhaltenden Spannungen mit den USA und dem Westen war der Iran umfassenden Sanktionen ausgesetzt, die sich direkt auf die Wirtschaft und das tägliche Leben der Menschen auswirkten. Daneben gilt die wachsende Kluft zwischen dem Obersten Führer und der Gesellschaft, insbesondere den jüngeren Generationen, ein weiteres Erbe der Regierungszeit Chameneis.
Die kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Forderungen der Jüngeren in Iran wurden oft ignoriert. Auf Proteste reagierte der Oberste Führer mit gewaltsamer Niederschlagung.