Die Verhandlung begann mit der Bekanntgabe der Namen der Angeklagten und wurde mit der Verlesung der Anklageschrift fortgesetzt.
Im griechischen Larissa hat der Prozess zur tödlichen Zugkatastrophe von Tempi begonnen – doch schon am ersten Tag kam es zu massiven Verzögerungen.
Viermal wurde die Verhandlung zwischen 9 Uhr morgens und Mittag vertagt. Anwälte hatten beantragt, das Verfahren auszusetzen, bis der Oberste Gerichtshof über die Bedingungen im Gerichtssaal des "Geopolis"-Gebäudes entschieden hat.
"Ich will den Prozess nicht aufhalten – Sie halten mich auf", sagte der Vorsitzende des dreiköpfigen Berufungsgerichts für Strafsachen. Stundenlang ging er unruhig auf der Richterbank auf und ab. Schließlich wurde der Prozess auf den 1. April vertagt, um über die Situation im Gerichtssaal zu entscheiden.
Das Zugunglück von Tempi
Bei dem Unglück am 28. Februar 2023 waren ein Intercity und ein Güterzug nahe der Tempi-Schlucht bei Larissa in Griechenland frontal zusammengestoßen. Die meisten Opfer waren junge Menschen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren. Insgesamt starben 57 Menschen, Hunderte wurden verletzt, viele von ihnen schwer.
Unmittelbar nach der Katastrophe trat der damalige Verkehrsminister zurück. Der zuständige Bahnhofsvorsteher räumte Fehler ein. Nach bisherigen Erkenntnissen hatte er einen der Züge auf das falsche Gleis geleitet. Die Strecke war für eine Höchstgeschwindigkeit von 160 Kilometern pro Stunde ausgelegt.
Was seit dem Vormittag geschehen ist
Unmittelbar nach Beginn der Verhandlung kam es zu einer erneuten Vertagung, da die Proteste gegen die Kapazität des Gerichtssaals anhielten. Einige der rund 250 Anwälte mussten im Zeugenbereich Platz nehmen, während es nur etwa 120 Sitzplätze für die Öffentlichkeit gab, berichtet der griechische Sender ERT.
Zudem traten technische Probleme mit der Akustik auf, und viele von weit angereiste Beteiligte fanden keinen Platz im Saal.
Der Vorsitzende des Gerichts forderte schließlich die Medienvertreter auf, den Saal zu verlassen, um den Anwälten den Zugang zu ermöglichen.
"Sie haben uns bereits beleidigt, indem Sie uns hierher gebracht haben", rief ein Angehöriger eines Opfers in Richtung der Richterbank. Selbst der Innenhof war überfüllt.
Ein Anwalt der Nebenklage erklärte: "Es ist undenkbar, dass dieser Prozess unter diesen Bedingungen stattfindet. So kann kein faires Verfahren nach Artikel 6 der EMRK gewährleistet werden."
Auch Theo Mandas, Vertreter des Plenums der Anwaltskammer, kritisierte die Situation scharf: "Wir sind heute hierher gekommen in der Erwartung eines 600 Quadratmeter großen Saals – und finden uns stattdessen in einem für alle äußerst unwürdigen Raum wieder. Einige sehen diesen Prozess lediglich als formales Verfahren und nicht als ernsthafte Aufarbeitung. Wir akzeptieren keine Bedingungen, die den Prozess entwürdigen."
Der Gerichtssaal im Konferenzzentrum des Gaiopolis-Komplexes wurde zu einem stark gesicherten Veranstaltungsort umgebaut, mit speziellen Zäunen und strengen Sicherheitsmaßnahmen. Die Eingänge sind getrennt: Richter betreten den Saal von hinten, Anwälte und Menschen mit Behinderungen von den Seiten, während Angehörige von Opfern, Überlebende, Zeugen, Journalisten und Bürger den Haupteingang nutzen. Für Journalisten wurden Container eingerichtet, zudem steht ein Team des Roten Kreuzes für Notfälle bereit.
Die Anhörung begann mit der Bekanntgabe der Namen der Angeklagten und wurde mit der Verlesung der Anklageschrift fortgesetzt. Diese umfasst 1.267 Seiten mit fünf Anklagepunkten, von denen die meisten den Charakter schwerer Straftaten haben und sogar lebenslange Haftstrafen nach sich ziehen können. Zusätzlich wurden 570 Seiten aus den Ermittlungsakten verlesen.
"Der Prozess beginnt – und wir haben noch immer keine Antworten, etwa zu den Exhumierungen", erklärte Pavlos Aslanidis, Vorsitzender der Vereinigung der Opferangehörigen. Er kritisierte zudem, dass es keine Anklagen gegen das Bahnunternehmen Hellenic Train sowie im Zusammenhang mit den verbrannten Leichen gebe.
Der Vater eines Opfers, Nikos Plakias, sagte: "Drei Jahre sind vergangen, ohne dass jemand im Gefängnis ist. Beendet diesen Prozess, benennt die Verantwortlichen – danach kann jeder tun, was er für richtig hält."
Maria Karystianou betonte: "Wir Eltern sitzen hier und sehen diesem Spott zu. Aber wir werden weiter unsere Stimme erheben und die Wahrheit einfordern."
Ein weiterer Angehöriger, George Koutsopoulos, erklärte: "Wir erwarten heute echte Gerechtigkeit – nicht das, was wir bisher vor den Gerichten in Larissa erlebt haben. Jetzt wird sich zeigen, ob die Verantwortlichen zur Vernunft gekommen sind."
Am frühen Morgen kam es zudem zu Spannungen zwischen Angehörigen der Opfer und dem ehemaligen Präsidenten der griechischen Eisenbahngesellschaft OSE, der zu den Angeklagten zählt. Laut ERT war der Saal völlig überfüllt – es war sprichwörtlich kein Platz mehr.
Aslanidis bezeichnete den Prozess als historisch und dankte den Bürgern, die vor dem Gericht demonstrierten und Gerechtigkeit für die Opfer forderten.
Vor dem Gerichtsgebäude fand eine Protestkundgebung unter den Parolen "Wir sind die Stimme der Toten" und "Das Verbrechen von Tempi wird nicht vertuscht" statt. Gleichzeitig war ein Großaufgebot der Polizei mit mindestens zehn Fahrzeugen und drei Einheiten vor Ort.
Koutsoumbas: "Wir werden weiter kämpfen"
Der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE), Dimitris Koutsoumbas, erklärte vor Ort in Larissa: "Wir werden gemeinsam mit dem griechischen Volk und den Angehörigen der Opfer auf der Straße, im Parlament und vor Gericht weiter kämpfen, damit Gerechtigkeit geschieht und sich eine Tragödie wie Tempi nicht wiederholt."
Zugleich sprach er von einem „Scherbenhaufen“ und kritisierte erhebliche Lücken im Verfahren sowie eine unvollständige Anklage.
"Es fehlen entscheidende Beweise, etwa die verspätet vorgelegten Gutachten und neue Erkenntnisse aus Videoaufnahmen des Güterzugs. All das deutet auf eine eklatante Verschleierung politischer und strafrechtlicher Verantwortung hin", sagte Koutsoumbas. Die Regierung versuche, die ganze Wahrheit zu verhindern – "aber wir werden das nicht zulassen".