Sie gehört zu den letzten Holocaust-Überlebenden in Frankreich: Mit 101 Jahren reist Ginette Kolinka noch immer in Schulen, um vom Grauen von Auschwitz-Birkenau zu berichten und die Erinnerung an die Verbrechen der Nazis wachzuhalten.
"Das ist die Gestapo. Ihr seid Juden. Wir kommen, um euch zu verhaften." Auch mit 101 Jahren legt Ginette Kolinka, eine der letzten Holocaust-Überlebenden in Frankreich, immer wieder Zeugnis vom Unaussprechlichen ab - manchmal mehrmals pro Woche. Ihr Antrieb: erinnern, damit nichts vergessen wird.
Im März 1944 wurde sie im Alter von 19 Jahren gemeinsam mit ihrem Vater, ihrem Bruder und ihrem Neffen von der Gestapo festgenommen. Anschließend wurde sie in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie monatelang Entmenschlichung und Gewalt ausgeliefert war.
"Sie verlangten, dass wir völlig nackt sind. Sie zwangen uns, auch unsere Unterwäsche auszuziehen. Der Hass der Nazis auf Juden war so groß, dass sie jedes noch so kleine Detail nutzten, um uns Leid zuzufügen", erzählt sie.
Jahrzehntelanges Schweigen
Lange Zeit zögerte Ginette Kolinka, über ihre Geschichte zu sprechen. Erst Anfang der 2000er Jahre, nach wiederholten Anfragen einer Vereinigung ehemaliger Deportierter und hartnäckigen Anrufen der von Regisseur Steven Spielberg gegründeten Shoah Foundation, erklärte sie sich bereit, als Erinnerungszeugin aufzutreten.
Heute richtet sie sich bei ihren Besuchen vor allem an die jüngeren Generationen und spricht in Schulen über das, was sie erlebt hat.
"Natürlich stellten mir die Leute Fragen. Und woran ich mich erinnere, ist meine Antwort: 'Wenn das noch einmal passieren sollte - ich hoffe, dass es nie, nie, nie passiert - und wenn ich ein Kind hätte, dann würde ich es lieber mit meinen eigenen Händen erwürgen, als ihm das anzutun, was ich erlitten habe.' Für mich sagte diese Antwort alles."
Bewegende Begegnungen in den Schulen
In den Klassenzimmern sind die Emotionen deutlich spürbar. "Sie ist eine großartige Frau. Es ist unglaublich, sie vor uns zu haben. Diese Kraft, mit der sie vor einem Raum voller Schüler steht, ist beeindruckend. Wir hören ihr alle mit größtem Interesse zu, und es ist für uns etwas ganz Besonderes, hier zu sein. Diese Frau ist außergewöhnlich. Das Wort, das uns allen dazu einfällt, ist: magisch - auch wenn es zugleich traurig ist", sagte eine Schülerin.
Für ihren unermüdlichen Einsatz wurde Ginette Kolinka 2024 zur Kommandeurin des Ordens der Künste und der Literatur ernannt. Diese Auszeichnung ist ein hoher französischer Verdienstorden, der vom Kulturministerium verliehen wird und Personen ehrt, die sich durch ihr Schaffen im künstlerischen oder literarischen Bereich oder durch die Förderung dieser Bereiche ausgezeichnet haben. Im Fall von Kolinka würdigt die Ernennung ihre bedeutende Arbeit als Autorin und Zeitzeugin.
Sie bekräftigt, dass sie ihre Schulbesuche fortsetzen möchte, solange sie dazu in der Lage ist - um den Jüngsten ihre Botschaft von Toleranz und Menschlichkeit weiterzugeben.