Ein neues Programm öffnet große Staatskonzerne für die Bevölkerung, belebt den heimischen Kapitalmarkt und bringt eine neue Anlegergeneration hervor.
Stellen Sie sich vor, Sie führen in Ihrem Land eine gut laufende Bäckerei. Das Geschäft wächst, Sie möchten neue Filialen eröffnen, mehr Personal einstellen und in moderne Geräte investieren. Für diese Expansion brauchen Sie jedoch viel Kapital.
Anstatt sich nur auf Kredite zu stützen, entscheiden Sie sich, einen Teil Ihres Unternehmens der Öffentlichkeit anzubieten.
Menschen, die an Ihre Bäckerei glauben, können investieren und Miteigentümer werden. Wächst das Unternehmen, steigt der Wert ihrer Anteile. Sie erhalten möglicherweise einen Teil des Gewinns.
Dieser Vorgang heißt Börsengang, auf Englisch Initial Public Offering (IPO).
Usbekistan überträgt dieses Prinzip nun auf einige seiner größten Staatsunternehmen. Mit dem Programm „People’s IPO“ erhalten Bürgerinnen und Bürger die Chance, Anteilseigner nationaler Konzerne zu werden.
Aus Bürgern werden Aktionäre
Das Programm „People’s IPO“ wurde im Jahr 2024 per Präsidialerlass eingeführt. Es ist Teil umfassender Wirtschaftsreformen, die die direkte Rolle des Staates in der Wirtschaft verringern und private Beteiligung ausweiten sollen.
„Das strategische Ziel besteht darin, die Bevölkerung stärker an der wirtschaftlichen Transformation des Landes zu beteiligen, indem Bürgerinnen und Bürger Anteilseigner großer nationaler Unternehmen werden können“, erklärte die Agentur für Verwaltung von Staatseigentum gegenüber Euronews.
Die Initiative soll zudem den Kapitalmarkt entwickeln, langfristige Investitionen anziehen und eine Kultur des Aktienbesitzes fördern.
Im Unterschied zu klassischer Privatisierung, bei der große Pakete in privaten Deals den Besitzer wechseln, stehen hier breiter Zugang und Transparenz im Vordergrund.
Die Aktien werden offen über die Börse angeboten, Bürgerinnen und Bürger erhalten bei der Zuteilung Vorrang. Der Staat behält einen strategischen Anteil, erhöht aber schrittweise den Anteil privaten Eigentums.
Temur Makhkamov, Dozent für Finanzwesen an der Westminster International University in Taschkent, spricht von einem strukturellen Wandel.
„Börsengänge erhöhen die Transparenz, verbessern die Unternehmensführung und stärken die Rechenschaftspflicht“, sagt er.
„Vor allem aber machen sie die Bürgerinnen und Bürger zu Mitgestaltenden der nationalen Wirtschaftsentwicklung statt zu bloßen Beobachtern.“
Erste Emission mit starker Nachfrage
Die Usbekische Republikanische Warenbörse (UZEX) war das erste Unternehmen im Rahmen des Programms. Die Aktien kosteten zwischen 12.900 und 18.000 Usbekische Som, also zwischen 0,89 und 1,24 Euro.
Nach Angaben der Agentur für Verwaltung von Staatseigentum gingen 12.600 Zeichnungsanträge ein, 11.298 wurden genehmigt. Das Gesamtvolumen der Investitionen lag bei rund 2,95 Millionen Euro, die Emission war überzeichnet.
Für Börsenmakler markierte der Start einen Wendepunkt.
„Für den Aktienmarkt war das ein wirklich wichtiger Schritt“, sagt Farrukh Khodjaev, Geschäftsführer der Investmentfirma KAP DEPO und Konsortialführer der Emission.
„Vor dem People’s IPO war die Börse im Wesentlichen eine Plattform für große Banken und institutionelle Anleger.“
Nach dem Secondary Public Offering (SPO) stieg die Zahl der Aktionäre von UZEX nach seinen Angaben von rund 2.200 auf 13.600.
„Wir hatten mit großem Interesse gerechnet, doch die Realität hat diese Erwartungen übertroffen. Die Überzeichnung lag bei 128 Prozent. Die Nachfrage kam nicht nur aus der Hauptstadt, sondern auch aus den Regionen“, berichtet er weiter.
Noch wichtiger sei, fügt er hinzu, dass viele Anleger die Emission sehr überlegt angingen.
„Die Menschen stellten Fragen, analysierten das Unternehmen, schauten auf die Dividenden. Das zeigt einen reifen Ansatz. Es beweist, dass Liquidität vorhanden ist und ein echtes Interesse am Investieren.“
Digitaler Zugang und Belastungsprobe für die Infrastruktur
Digitale Plattformen spielten eine Schlüsselrolle, um mehr Menschen einzubeziehen. Zeichnungen liefen über elektronische Handelssysteme und mobile Apps, darunter GoInvest.
Die schnelle Beteiligung vieler Kleinanleger setzte die Infrastruktur jedoch unter Druck.
„Wenn zehntausende neue Anleger gleichzeitig in den Markt kommen, steigt der Druck auf Makler, Börse, Callcenter und IT-Systeme“, erklärt Khodjaev.
Eine weitere Hürde war die Finanzbildung.
„Wir mussten grundlegende Begriffe erklären: Was ist ein IPO, wie entstehen Renditen, welche Risiken gibt es. Ohne dieses Wissen ist eine erfolgreiche Emission unmöglich.“
Trotz mancher Belastungsspitzen zeigte sich das System nach seinen Worten fähig, eine starke Nachfrage von Privatanlegern zu bewältigen.
Modell mit internationalen Vorbildern
Öffentliche Aktienangebote staatlicher Unternehmen nutzen auch andere Länder, um Eigentum breiter zu streuen und ihre Kapitalmärkte zu entwickeln.
Kasachstan startete bereits 2011 sein Programm „People’s IPO“ und bot Kleinanlegern Anteile an großen Staatskonzernen wie KazTransOil und KEGOC an.
Später folgten Börsengänge von Kazatomprom und Air Astana, die sowohl inländisches als auch ausländisches Kapital anzogen.
Auch europäische Länder gingen ähnlich vor. Polen brachte große staatsnahe Konzerne wie PGE und PZU an die Börse in Warschau und warb um breite Beteiligung der Bevölkerung.
Im Vereinigten Königreich privatisierte die Regierung Unternehmen wie British Gas und British Telecom über öffentliche Angebote, die sich gezielt an Bürgerinnen und Bürger richteten.
Solche Programme vertieften die Finanzmärkte und erhöhten die Transparenz, zugleich behielten die Regierungen die strategische Kontrolle.
Kulturwandel am Finanzmarkt
Die Wirtschaft stützte sich traditionell stark auf staatliche Finanzierung und Bankkredite. Ein größerer Aktienmarkt erschließt nun zusätzliche Kapitalquellen und bindet mehr Menschen ein.
„Wenn Bürgerinnen und Bürger zu Aktionären werden, verfolgen sie die Entwicklung der Unternehmen, verstehen Risiko und Rendite besser und denken langfristig“, sagt Makhkamov.
„Dieser kulturelle Wandel könnte genauso wichtig sein wie der finanzielle.“
Auch Khodjaev beobachtet ähnliche Veränderungen.
„Es entsteht eine neue Schicht von Kleinanlegern. Die Menschen denken in Kategorien wie Dividendenrendite, Wertsteigerung und langfristige Anlage. Das ist vermutlich das wertvollste Ergebnis.“
Trotzdem warnen Fachleute vor den Risiken des Investierens. Aktienkurse schwanken, Dividenden sind nicht garantiert, ein langer Atem ist entscheidend. Wichtig bleiben eine breite Streuung der Anlagen und solide Finanzkenntnisse.
Blick nach vorn
Setzt sich die Entwicklung des Programms fort, könnten Börsengänge zu einem normalen Instrument der Kapitalbeschaffung werden statt zu einer Ausnahme.
„Wir haben gezeigt, dass es eine erhebliche Nachfrage von Privatanlegern gibt“, sagt Khodjaev. „Künftige Börsengänge, staatliche wie private, werden in einem deutlich reiferen Umfeld stattfinden.“
Vorerst zeigt das People’s IPO einen schrittweisen Wandel hin zu einer breiteren Beteiligung der Bevölkerung an nationalem Vermögen. Aus Beobachterinnen und Beobachtern werden Menschen, die das Wachstum der Unternehmen aktiv mittragen.