Mehr als die Hälfte der Kanadier kann sich laut einer aktuellen Umfrage einen Beitritt zur Europäischen Union vorstellen. Auslöser ist offenbar auch die angespannte Beziehung zu den USA unter Präsident Donald Trump. In Brüssel reagieren Politiker gespalten.
Wegen der Probleme mit US-Präsident Donald Trump erwägt der Großteil der Kanadier offenbar einen EU-Betritt, so eine aktuelle repräsentative Umfrage der kanadischen Tageszeitung "Globe and Mail". Demnach sprechen sich 57 Prozent der Kanadier für einen EU-Beitritt aus. Weniger als ein Drittel (32 %) lehnt ihn ab. 12 % waren sich unsicher.
Die SPD-Europaabgeordnete Katarina Barley überrascht das auf Nachfrage von Euronews wenig: "Ein EU-Beitritt Kanadas ist eine verlockende Idee. Kanada teilt unsere Werte und ist der EU kulturell sehr nah."
Deshalb sei es kein Zufall, dass die kanadische Bevölkerung der EU zugewandt sei, so Barley. "Die Beitrittsambitionen Kanadas zeigen auch die Relevanz der Europäischen Union und ihre Attraktivität."
"Die Europäische Union hat ihre Anziehungskraft nicht verloren."
Tilman Kuban, Vorsitzender der Arbeitsgruppe für europäische Angelegenheiten der CDU, sagt zu Euronews: "Die Europäische Union hat ihre Anziehungskraft nicht verloren. Wollen uns manche den Untergang der EU einreden, zeigt die Stimmung in Kanada, wie attraktiv wir als starke Gemeinschaft sind."
Es brauche eine Freedom and Trade Alliance, um gleichgesinnte Partner zusammenzubringen, so Kuban weiter, und um "geopolitische Einflusssphären zu sichern, Freihandelszonen zu vergrößern und gegen unfaire Handelspraktiken gemeinsam vorzugehen. Damit machen wir ein Angebot der Zusammenarbeit an unsere Freunde und Partner in Kanada, Australien, Japan, Indien und anderen Ländern der Welt."
Marie-Agnes Strack-Zimmermann, FDP-Europaabgeordnete, steht dem kanadischen Gedankenspiel kritischer gegenüber: "Ein vollständiger EU-Beitritt Kanadas klingt schön, ist aber weder realistisch noch vertraglich machbar."
Dabei verwies sie unter anderem auf das Handelsabkommen CETA, das die EU und Kanada wirtschaftlich verbindet. Die Partnerschaft "sollten wir weiter ausbauen und vertiefen", so Strack-Zimmermann.
Drohungen vom Handelspartner
Mehrfach drohte US-Präsident Trump mit ökonomischen Maßnahmen, um Kanada zu einem Beitritt in die USA zu zwingen. Das zunehmend angespannte Verhältnis zwischen Kanada und den USA dürfte auch Hintergrund der pro-europäischen kanadischen Haltung sein.
Kürzlich in Kraft getretene Zölle verschärfen den Konflikt. Inzwischen gelten für kanadische Stahl-, Aluminium- und Kupferprodukte Zölle in Höhe von 50 Prozent, so die Canadian Federation of International Businesses, eine kanadische Interessensvertretung kleiner und mittelständischer Unternehmen.
Gleichzeitig gehen immer noch mehr als 75 Prozent aller kanadischen Exporte in die USA. Fast die Hälfte aller kanadischen Produkte stammen aus den USA, so das Amt des Handelsbeauftragten der Vereinigten Staaten.
Ein EU-Beitritt Kanadas bedarf allerdings einer Änderung des EU-Vertrags. Laut diesem dürfen nur europäische Staaten der Europäischen Union beitreten. Kanadas Premierminister, Mark Carney, hat sich noch nicht öffentlich zu den Forderungen seiner Bürger geäußert.