Die Grenzen zwischen ziviler Industrie und Rüstung verschwimmen. Auf der Hannover Messe wird Verteidigung zum neuen Geschäftsmodell. Ob Bremsen für Panzergeschütztürme, Spezialfedern für Militärfahrzeuge oder Software mit höchsten Sicherheitsstandards.
Zum ersten Mal gibt es auf der weltweit größten Industriemesse in Hannover einen zusätzlichen Bereich für Rüstung und Verteidigung. Rund 40 Unternehmen stellen vom 20. bis 24. April dort in der "Defense Production Area" ihre Dienstleistungen und Produkte vor. Während seiner Rede am Eröffnungstag betonte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), dass die "Verteidigungsfähigkeit im Betrieb" beginne. "Resilienz ist keine Zusatzaufgabe, kein Nice to have. Sie ist Teil moderner Unternehmensführung und entscheidend für die Widerstandsfähigkeit unseres Landes", so der Minister.
Denn die Industrie drängt immer mehr in die Rüstung, die Bereiche hängen eng miteinander zusammen. Viele Industrieunternehmen erkennen das Potenzial: in der stagnierenden Wirtschaftslage Deutschlands kann Produktionstechnologie für Rüstungsgüter das Portfolio vieler Unternehmen erweitern und Arbeitsplatzabbau verhindern.
"Einseitige Abhängigkeiten sind unsere Achillesferse", hob Pistorius hervor und erklärte, dass belastbare Lieferketten und der Zugang zu kritischen Rohstoffen "die Adern von Produktivität und damit eben auch von Verteidigungsfähigkeit" sind.
Wer sind die Aussteller im Verteidigungsbereich bei der Hannover Messe? Euronews hat sie unter die Lupe genommen.
Diese Unternehmen drängen in die Rüstungsindustrie
Bei einem Großteil der Unternehmen, die auf der größten Industrieschau weltweit in Hannover ausstellen, handelt es sich um Konzerne aus der Antriebstechnik sowie Zulieferer, die Bauteile herstellen.
So arbeiten beispielsweise die Stuttgarter Firma H.P. Kaysser GmbH sowie das dänische Unternehmen Steel Products in der Blechverarbeitung. "Wir zählen uns zu den führenden Anbietern von Zulieferteilen - hauptsächlich im Bereich Blechverarbeitung für die Metallindustrie in Nordeuropa", erklärt Steel Products auf der Hannover Messe. Das Stuttgarter H.P. Kaysser-Unternehmen produziert nach eigenen Angaben sowohl einfache Blechteile als auch Baugruppen, die Elektronik beinhalten. Für Baugruppen mit höchsten Sicherheitsstandards sei akkurate Technik entscheidend, so das Unternehmen auf der eigenen Website. Die Metallbearbeitung spiele auch für militärische Ausrüstung, Verteidigungssysteme oder sicherheitsrelevante Module im Defence-Bereich eine zentrale Rolle, da sie nicht nur die Qualität und Funktionalität, sondern auch die Lebensdauer von Bauteilen maßgeblich beeinflusst.
Blechteile von spezialisierten Zulieferern sind für die Verteidigungsbranche essenzielle Komponenten, da sie das Grundgerüst und die Schutzhülle für fast alle militärischen Systeme bilden. Aus der Branche kommen daher extrem hohe Anforderungen an Materialqualität, Präzision und Belastbarkeit.
Kleinstteile für die Aufrüstung der deutschen Verteidigung
Neben Metallteilen spielen viele andere kleine Teile eine große Rolle. So stellen beispielsweise die Chemnitzer Zahnradfabrik sowie die Stelter Zahnradfabrik Antriebselemente auf der Messe vor. Diese werden sowohl in der Autoindustrie, als auch in der Wind- und Bahnindustrie genutzt, kommen allerdings auch im Anlagenbau vor.
European Springs & Pressings, Lesjöfors Industrial Springs und Pressings sowie sein Partner Verenfabriek de Spiraal aus den Niederlanden bieten Federn-, Stanz- und Biegeteile an. Auch Federfertigungsanlagen gehören in ihr Portfolio. Nach eigenen Angaben verwenden sie diese Federn für den Einsatz in Systemen der Verteidigung, der Marine und dem Militär. Lesjöfors ist spezialisiert auf die Entwicklung und Fertigung kundenspezifischer Federn, die auf die Anforderungen des Militär- und Verteidigungssektors zugeschnitten sind. Demnach sollen sie enormen Stoßbelastungen, hohen Beanspruchungen und korrosiven Umgebungen standhalten.
Die Maschinenfabrik Mönninghoff liefert Bremsen und diverse Arten von Kupplungen aus der Antriebstechnik. Die Haltebremsen kommen beispielsweise in Geschütztürmen, wie sie im Panzer verbaut sind, zum Einsatz, wo sie eine exakte Positionierung und ein sicheres Verharren in Zielrichtung gewährleisten. Ihre Kupplungen bezeichnet die Firma Mönninghoff als besonders energieeffizient. Demnach werde Energie nur für den Schaltvorgang selbst benötigt, danach halten die Kupplungen die gewählte Position stromlos.
Die Firma TorqueWerk aus Herzogenrath stellt Maschinenteilen her und entwickelt unter anderem Elektro-Einbaumotoren für Maschinen. Die KSG Group fertigt Leiterplatten an.
Als Spezialist für Auftragsfertigung in sicherheitskritischen Industrien liefert Neuenhauser Komponenten, Baugruppen und Subsysteme für militärische und sicherheitskritische Systeme. Kritische Komponenten können innerhalb einer europäischen industriellen Basis und möglichst unabhängig von externen Lieferketten entwickelt und gefertigt werden.
Des Weiteren bieten ACD Antriebstechnik und Nidec DESCH Antriebstechnik Systeme zur Steuerung und zum Antrieb an. Nidec DESCH ist eigenen Angaben zufolge weltweit führender Hersteller auf dem Gebiet der Getriebe- und Kupplungstechnologie. Weber-Hydraulik hingegen fertigt Zylinder, Steuerblöcke, Lenk- und Federungssysteme, Ventile und Aggregate für die Industrie. Sie kommen auch in Rettungssystemen vor, etwa für Feuerwehr, Technisches Hilfswerk oder auch Bundeswehr und Polizei.
Roth Industries stellt neben Speichertechnologie auch Maschinen zur Herstellung von faserverstärkten Kunststoffteilen aus. Diese könnten in der Verteidigung gebraucht werden, um Gewicht zu sparen und trotzdem robuste Teile zu fertigen.
Automatisierung für die Rüstung
Ein weiterer großer Bereich in der Verteidigungsbranche ist die Automatisierung in der Fertigung. Durch Automatisierung verspricht man sich mehr Schnelligkeit und dadurch eine höhere Efifzienz.
So entwickelt die Fanuc Corporation Anlagen in der Automatisierungsindustrie mit Steuerungssystemen, Robotern und Produktionsmaschinen. Auch das Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik IWU aus Chemnitz erklärt auf der Seite der Messe Hannover: "Nahezu alle Gegenstände aus industrieller Produktion haben eines gemeinsam: ohne effiziente Fertigungsprozesse wären sie kaum bezahlbar." Daher bietet das Unternehmen Verbesserungsprozesse, um Potenziale zu erschließen und dadurch wettbewerbsfähig zu werden.
Und auch nach dem Aufbau von Prozessen und Automatisierung benötigt es weiterer Prüfungen. Die Firma Temposonics hat sich auf Messtechnik spezialisiet und ermöglicht Messungen für kontrollierte, dynamische Bewegungen. Damit sichere das Unternehmen eine effiziente und störungsfreie Automatisierung. "Unsere magnetostriktiven Sensoren sind genau für jene anspruchsvollen Umgebungen konzipiert, in denen Präzision und Zuverlässigkeit unverzichtbar sind – von Militärfahrzeugen bis hin zu schweren zivilen Arbeitsmaschinen", erklärte das Unternehmen auf LinkedIn.
Liebherr automatisiert die Fertigung von Bauteilen mit Rotations- und Palettenhandhabungssystemen. Dadurch will das Unternehmen die Produktion von Komponenten für Militärfahrzeuge und Bauteile aus dem Bereich Aerospace anbieten.
Der Konzern Seho fertigt Lötanlagen und Automatisierungstechnik für die Elektronikindustrie. "Unsere Kunden profitieren von Gesamtlösungen, die technisch perfekt aufeinander abgestimmt sind und die durch Flexibilität, Leistungsstärke und Effizienz überzeugen", wirbt Seho auf der Hannover Messe.
Robotik in der Rüstung
Für die Robotik sehen viele weiter große Chancen in der Industrie und auch in der industriellen Rüstungsproduktion spielen sie bereits einen Rolle. DS Automotion bezeichnet sich selbst beispielsweise als ein weltweit führendes Unternehmen in der mobilen Robotik für innerbetriebliche Logistik- und Montageanwendungen.
Auch die Firma Iniationware sieht ihre eigene Rolle als wegweisend für die Zukunft an der Schnittstelle von KI, Robotik und Industrietechnologie. Das Unternehmen aus dem deutschen Lohne will mit KI- und Robotersystemen die Arbeitsweise von Industrien verändern.
Software und Sicherheit
Das SAP-Unternehmen abat aus Bremen ist ein Softwareentwickler und bietet Lösungen für softwaregestützte Prozessoptimierung an. Im Bereich "Aerospace, Defence & Security" unterstützt es Unternehmen dabei, komplexe Entwicklungs- und Fertigungsprozesse digital abzubilden und abzusichern. Umso wichtiger sei nach Unternehmensangaben eine IT-Landschaft, die moderne Technologien mit den hohen Sicherheitsanforderungen verbindet. Der SAP-Dienstleister arbeitet unter anderem für Airbus, OHB, Rheinmetall, Atlas Elektronik, HIL und Thyssenkrupp.
Armbruster Engineering, ebenfalls aus Bremen, präsentiert auf der Hannover Messe das Sicherheitssystem "Elam". Die Software soll Prozesse sicher, rückverfolgbar und lückenlos dokumentiert machen. "Elam" soll als Assistenzsystem für sicherheitskritische Fertigung auch in der Verteidigung eingesetzt werden und "bildet die digitale Basis, um Produktionsprozesse beherrschbar zu machen, Qualitätsanforderungen zuverlässig zu erfüllen und Nachweise jederzeit erbringen zu können", heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens.
Auch "Manufacturing Intelligence Division" von Hexagon bietet eine KI-gestützte Auswertung von Daten an, um Prozesse und Produkte zu optiminieren. Dell Technologies befähigt Hersteller, ihre industrielle Transformation mit KI zu skalieren. Mit Lösungen wie Digitalen Zwillingen werden beispielsweise Tests im virtuellen Raum gefahren.
Andere Unternehmen haben sich auf die Sicherheit der Prozesse spezialisiert, denn zuletzt haben Cyberangriffe, insbesondere auch auf Kritische Infrastruktur zugenommen. Demnach soll der Bundesnachrichtendienst aktiv auf Newcomer in der Rüstungsbranche zugegangen sein, um diese zu warnen und für sichere Systeme zu plädieren.
Das Unternehmen CompuSafe sieht die Menschen im Mittelpunkt resilienter Verteidigung und bietet daher Schulungen und "fachliches Upskilling" in Informatik und Sicherheit an. Nur dann seien Organisationen im Verteidigungssektor einsatzbereit.
Viscom setzt hingegen mit hochpräzisen Inspektionssystemen bei regelmäßigen Kontrollen an. Es stellt KI-gestützte Inspektionssysteme in Elektronikanfertigung und Logistik-Prozessketten her, die selbst kleinste Defekte zuverlässig inspizieren sollen.
Das Unternehmen Vaiva Icasis greift mit Fahrerassistenz- und Sicherheitssystemen bei Fahrzeugen ein. Icasis simuliert dabei Szenarien im virtuellen Raum, um Kosten von Realtests zu minimieren und die Sicherheit zu erhöhen. "Denn wenn es darum geht, Menschenleben zu retten, zählt jede Sekunde", so das Unternehmen auf der Hannover Messe.
Mit Fokus auf Sicherheit arbeitet auch der Logistikdienstleister LGI Logistics Group International aus Böblingen, der sich branchenspezifisch auch in der Defence- und Aerospace-Industrie verortet. "Mit durchdachten Logistikkonzepten garantieren wir Effizienz, Sicherheit und Resilienz entlang der gesamten Supply-Chain", heißt es bei der Hannover Messe.
Mit dabei sind außerdem Verbände, die einerseits Projekte finanzieren können und andererseits die Interessen von ihren Mitgliedsunternehmen vertreten. So etwa der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) oder der Spitzenverband der niedersächsischen Wirtschaft (UVN), der mehr als 100 Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände im Bundesland Niedersachsen versammelt. Auch das Alabama Department of Commerce, die zentrale staatliche Wirtschaftsförderungsbehörde des US-Bundesstaates Alabama, zeigt Präsenz auf der Weltleitmessefür die produzierende Industrie.