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Erst Bundeswehr, dann Rüstungsindustrie: Wie eine 24-Jährige sich für Europas Sicherheit einsetzt

Léocadie Reimers
Léocadie Reimers Copyright  Zur Verfügung gestellt von Léocadie Reimers
Copyright Zur Verfügung gestellt von Léocadie Reimers
Von Johanna Urbancik
Zuerst veröffentlicht am
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Sie war erst bei der Bundeswehr und arbeitet jetzt in einem Rüstungsunternehmen. Léocadie Reimers (24) steht für eine Generation, die Sicherheit neu denkt: Vom eigenen Umgang mit der Waffe bis zur Mitarbeit bei der Entwicklung sogenannter Landdrohnen.

Rauskommen, etwas anderes sehen, ein Gap Year – für viele eine Option nach der Schule. Für Léocadie Reimers nahm dieser Moment eine andere Richtung. Statt sich für eine Auszeit zu entscheiden, wählte sie den Wehrdienst bei der Bundeswehr. In ihrer Jugend spielte die Truppe kaum eine Rolle. Und doch verpflichtete sich die heute 24-Jährige damals – aus einer Mischung aus Zufall und dem Wunsch, etwas Neues auszuprobieren und zu erleben.

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Schon vor ihrem Wehrdienst engagierte sich Reimers ehrenamtlich. Der Schritt zur Bundeswehr war für sie deshalb auch mehr als nur eine persönliche Entscheidung: ein "Beitrag für die Gesellschaft". Gleichzeitig reizte sie die Vorstellung, dabei etwas für die eigene Zukunft mitzunehmen und Menschen aus ganz Deutschland mit den unterschiedlichsten Hintergründen zu treffen.

Neben Disziplin, Kameradschaft und neuen Herausforderungen wird man bei der Bundeswehr jedoch auch mit dem Dienst an der Waffe konfrontiert. Schon während der Grundausbildung werden Rekruten an der Waffe ausgebildet, zuerst theoretisch, dann in der Praxis. Reimers erklärt im Gespräch mit Euronews, dass sie zwar nicht wegen der Militärausbildung der Bundeswehr beigetreten ist, den Dienst an der Waffe beschreibt sie als "ungewohnt".

Wehrdienst als Beitrag für die Gesellschaft

Ihre Zeit bei der Bundeswehr lag vor der russischen Vollinvasion der Ukraine 2022, weshalb sich der Dienst an der Waffe für sie noch "theoretischer" angefühlt hat. "Natürlich gehört es dazu, und es ist nichts, was man ausblenden kann, aber es war weniger präsent. Es war damals einfacher zu sagen: Ich mache einen freiwilligen Wehrdienst, ohne mich allzu intensiv damit befassen zu müssen, was das konkret bedeutet", so Reimers.

Eine Waffe in der Hand habe man trotzdem, ergänzt sie, betont jedoch, dass der Umgang damit "etwas sehr Professionelles" sei. "Man spielt damit ja nicht herum, sondern es ist wirklich ein Arbeitsmittel, ein Werkzeug, an das man sehr langsam herangeführt wird. Es ist nicht so, dass man eines Tages eine Waffe in die Hand bekommt und gesagt wird: Schieß mal scharf. Man hat wirklich Zeit, sich darauf vorzubereiten."

Zu dieser Vorbereitung gehört zunächst, das System und seine Nutzung zu verstehen, bevor "trocken", mit Platzpatronen und im Simulator geschossen wird. "Bis man an den Punkt kommt, an dem man wirklich eine scharfe Waffe abdrückt, dauert es. Für mich war das damals auch ein Prozess, sich langsam daran zu gewöhnen, weil es eben unüblich war."

Léocadie Reimers
Léocadie Reimers Zur Verfügung gestellt von Léocadie Reimers

Vom Wehrdienst in die Verteidigungsindustrie

Eine klassische Vollzeitkarriere bei der Bundeswehr wollte die 24-Jährige jedoch nicht einschlagen. Zwar ist sie weiterhin als Reservistin aktiv und verfolgt ihre militärische Laufbahn konsequent, schätzt aber die Kombination aus Dienst in der Truppe und ihrer Tätigkeit in der zivilen Wirtschaft. Nach ihrer Zeit bei der Bundeswehr engagierte sich Reimers für die Ukraine, wo sie als Teil der Hilfsaktion "Mission Siret" Hilfsgüter dorthin brachte. Relativ schnell traf sie die Entscheidung, dass sie im Verteidigungsbereich arbeiten will.

Ihr Ziel: "Wie kann man die europäische Sicherheit und die Demokratie verteidigen?" Für sie können diese Dinge jedoch nicht nur "durch die Arbeit in der Rüstungsindustrie oder den Wehrdienst" erreicht werden, sondern eine Kombination aus diesen verschiedenen Ebenen macht es aus.

Ihrer Meinung nach haben viele Menschen noch ein veraltetes Bild der Armee und der Rüstungsindustrie, doch für sie geht es heute um die "Stärkung der Demokratie, die Verteidigung Europas". "Man engagiert sich ehrenamtlich, ist aktiv in der Bundeswehr, und zugleich auch in der Verteidigungsindustrie – dort, wo Innovation gerade entsteht und entschieden wird. Ich glaube, das ist im Moment der entscheidende Knackpunkt an der ganzen Sache", so Reimers im Gespräch mit Euronews.

Immer mehr Frauen in Bundeswehr und Rüstungsindustrie

Die Bundeswehr und die Defence-Branche gelten noch immer als Männerdomänen. Zu den über 180.000 Soldaten zählen der Bundeswehr zufolge aktuell über 25.000 Frauen, also knapp unter 14 Prozent. Doch dieser Eindruck greift zu kurz. Frauen sind längst Teil dieser Bereiche – als Soldatinnen, Ingenieurinnen oder Unternehmerinnen –, auch wenn sie oft weniger sichtbar sind.

"Ich kenne unfassbar viele spannende und erfolgreiche Frauen in dieser Branche – sowohl bei der Bundeswehr als auch im privaten Sektor. Das Problem ist oft, dass sie weniger sichtbar sind", sagt Reimers. Es sei weniger eine Frage fehlender Möglichkeiten als vielmehr eine des Images. Mehr Sichtbarkeit könne das ändern – und dazu beitragen, dass sich auch mehr Frauen überhaupt erst vorstellen, diesen Weg einzuschlagen.

Seit November vergangenen Jahres arbeitet Reimers bei ARX Robotics. In seiner Mission inszeniert sich das bayerische Rüstungsunternehmen als Schlüsselakteur für die Modernisierung der europäischen Verteidigung.

Der Anspruch: bestehende militärische Systeme mithilfe autonomer, KI-gestützter Technologien effizienter und einsatzbereiter zu machen. Dafür entwickelt das Unternehmen unbemannte, autonome Bodensysteme sowie Software, die Drohnen erkennen und abwehren sollen.

Eine ARX Robotics-Landdrohne
Eine ARX Robotics-Landdrohne Von ARX Robotics zur Verfügung gestellt

Zusätzlich setzt das Unternehmen auf europäische Souveränität, arbeitet mit NATO-Partnern zusammen und baut seine Präsenz in Ländern wie der Ukraine und Großbritannien aus. Zwar ist der Fokus militärisch, doch können die Technologien von ARX Robotics eigenen Angaben zufolge auch zunehmend in zivilen Bereichen wie Katastrophenschutz oder Infrastrukturüberwachung angewendet werden.

Ähnlich wie bei anderen Rüstungsunternehmen arbeiten auch bei ARX Robotics viele ehemalige Bundeswehrangehörige. Für Reimers ist das ein wichtiger Teil ihrer Arbeit, da das "wichtigste ist ja nicht, an der Truppe vorbei zu entwickeln, sondern eben für die Truppe mit der Truppe zu entwickeln."

Reimers zufolge macht man das nicht nur dadurch, dass man "Leute in einem Unternehmen hat, die jahrelang bei der Bundeswehr waren oder auch bei anderen Armeen und bereits operative Erfahrung gesammelt haben. Das macht man auch, indem man das Produkt immer wieder an die Truppe bringt – sei es auf Übungsplätzen, bei Demos oder in Gesprächen mit hochrangigen Militärs."

Das sei relevant "wie nichts anderes in dieser Branche", so die 24-Jährige. "Im Endeffekt bringt es nichts, etwas zu entwickeln, was niemand braucht oder will. Und ich glaube, diese Zusammenarbeit ist gerade besonders wichtig, weil wir wissen müssen, was der Endkunde möchte. Wir sind auch in der Ukraine mit unserem System im Einsatz und bekommen sehr viel Feedback – das ist unfassbar wichtig."

Für Reimers, die sich "zwischen den Beiden Welten" sieht – "mit einem Fuß in der Uniform, dem anderen im Anzug" – ist es "toll in einem Unternehmen zu arbeiten, wo man eine Kombination aus beiden hat".

Ein ARX Robotics Landroboter mit Soldaten
Ein ARX Robotics Landroboter mit Soldaten Zur Verfügung gestellt von ARX Robotics

Drohnen und KI werden Soldaten nicht ersetzen

Sowohl im russischen Krieg gegen die Ukraine als auch im Krieg zwischen Israel, den USA und dem Iran wird die Bedeutung von Drohnen in der modernen Kriegsführung deutlich. Vergleichsweise günstige Systeme werden in großen Stückzahlen eingesetzt und kontinuierlich weiterentwickelt.

Für Reimers ist das auch ein Zeichen dafür, wie schnell sich die Rüstungsbranche wandelt. "Das ist eine unglaubliche Geschwindigkeit, mit der sich diese Branche verändert. Es passiert wahnsinnig viel – und genau das macht es so interessant, daran zu arbeiten und diese Entwicklung mitzuerleben. Denn am Ende verändert sich die Art und Weise, wie wir denken, planen und handeln. Man muss ständig dranbleiben, weil sich die Lage praktisch wöchentlich weiterentwickelt."

Gleichzeitig steht der Einsatz von Drohnen und KI in der Kritik – von verschiedenen politischen Seiten, insbesondere mit Blick auf autonome Systeme. Reimers hält viele dieser Bedenken für missverständlich. "Autonome Systeme verändern zwar, wie Streitkräfte denken, planen und handeln. Aber es geht nicht darum, den Menschen zu ersetzen, sondern ihn zu entlasten, Risiken zu senken und Entscheidungen auf einer besseren Informationsbasis schneller treffen zu können."

Oft werde unterschätzt, wie diese Technologien tatsächlich eingesetzt werden. "Es ist nicht so, dass Soldaten komplett aus Entscheidungen herausgenommen werden. Gerade im Defence-Tech-Bereich muss Innovation darauf abzielen, Menschen zu schützen – nicht, sie zu gefährden."

Gerade im europäischen Kontext sieht sie dabei klare Leitplanken: "In einem Unternehmen mit starkem EU- und NATO-Bezug und vielen ehemaligen Bundeswehrangehörigen ist sehr klar, wo die moralischen Grenzen liegen. Es geht in erster Linie darum, Menschen zu schützen."

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