Ein internationales Forschungsteam hat eine neue Amphicyoniden-Art identifiziert: Paludocyon moyasolai. Grundlage ist ein vor 30 Jahren in Els Casots bei Barcelona entdeckter Schädel. Die Studie vertieft das Wissen über diese miocänen Raubtiere.
In den neunziger Jahren holten Forschende den Schädel bei einer der Grabungskampagnen in Els Casots aus dem Boden. Das Fossilienfeld im Gemeindegebiet von Subirats (Alt Penedès) hat sich seither zu einem der Referenzorte für das europäische Miozän entwickelt.
Damals gingen die Forschenden davon aus, dass er zu einem bereits bekannten Exemplar der Gattung Paludocyon gehörte, von dem es in der Gegend und in anderen Ländern Fragmentreste gab. Da es scheinbar nichts Neues zu untersuchen gab, landete der Schädel im Magazin.
Erst 2014, im Rahmen einer Doktorarbeit, nahm sich jemand den Schädel erneut vor. Dabei fiel auf, dass etwas nicht stimmte. Die Vergleichsart war deutlich massiger, ungefähr so groß wie ein Löwe oder Tiger und mit einem Gewicht von fast 200 Kilo.
Das Fossil wirkte kleiner und vermutlich weniger muskulös. Das Team des Institut Català de Paleontologia Miquel Crusafont hat in den vergangenen zwei Jahren daran gearbeitet, diesen Verdacht zu bestätigen: Es handelt sich nicht um einen bereits bekannten Paludocyon, sondern um eine Art, die bislang niemand beschrieben hatte.
Die neue Art trägt den Namen Paludocyon moyasolai, zu Ehren des Paläontologen Salvador Moyà-Solà, und macht Els Casots zum weltweiten Referenzfundort für diese Spezies.
An der Studie beteiligten sich neben dem ICP das Museo Nacional de Ciencias Naturales des CSIC, die Universitat de València, die Universitat Autònoma de Barcelona, die Universidad Complutense de Madrid, das Instituto Nacional de Biodiversidad in Ecuador und das südafrikanische Iziko-Museum.
Raubtier mittlerer Größe in tropischer Lagune
Nach Berechnungen der Forschenden hatte dieser Amphicyonide aus einer ausgestorbenen Raubtierfamilie, die Hund- und Bärmerkmale vereinte, ohne wirklich zu einer der beiden Gruppen zu gehören, die Größe eines großen Hundes. Sein Gewicht lag zwischen 50 und 70 Kilo.
Die geborgenen Reste umfassen den Schädel, einen Großteil des Gebisses und einen einzelnen unteren Backenzahn. Das Material reicht, um etwas zu erkennen, das das Team besonders faszinierte: die ungewöhnlich stark entwickelten hinteren Mahlzähne, mit einem zweiten oberen Molar, der besonders breit ist, und einem dritten, der im Vergleich zu anderen Vertretern der Gattung größer ausfällt.
Dieses Gebiss deutet auf eine vielfältige Ernährung hin. Es passt zu einem mesokarnivoren Jäger, der kleinere und mittelgroße Beutetiere wie primitive Hirsche, frühe Boviden und urtümliche Schweine verfolgte, ohne das massigste Tier seiner Umgebung zu sein. Am selben Fundort kam zudem eine zweite, deutlich größere Amphicyoniden-Art zum Vorschein, ungefähr von der Größe eines Leoparden. Sie ist wissenschaftlich jedoch noch nicht beschrieben.
Die Landschaft, in der das Tier vor rund 15,9 Millionen Jahren lebte, unterschied sich stark von heute. Es handelte sich um eine flache Lagune, umgeben von tropischem Wald, in dem Krokodile, Schlangen, Fische und eine bemerkenswerte Vielfalt von Säugetieren denselben Lebensraum teilten.
Gerade dieses wasserreiche Umfeld sorgte nach Angaben des Grabungsteams für die außergewöhnlich gute Erhaltung der Fossilien. Die Körper sanken nach dem Tod im Schlamm ein, der sie vor Zersetzung schützte.
Weiteres Puzzleteil im Miozän-Raubtieratlas
Der Fund fügt sich in eine breitere Forschung dazu ein, wie sich die Gemeinschaften großer Raubtiere im Miozän auf der Iberischen Halbinsel organisierten. Eine frühere Arbeit unter Beteiligung der Universidad Complutense de Madrid hatte bereits etwas jüngere Fundstellen untersucht: Los Valles de Fuentidueña in Segovia und den Cerro de los Batallones in Madrid. Dort lebte eine ungewöhnlich hohe Zahl von Raubtierarten zusammen: Bärenhunde, Katzenartige, Hyänen und Bären.
Mit Analysen stabiler Isotope in mehr als 200 Proben von Zahnschmelz zeigte die in Palaeontology veröffentlichte Studie, dass die Konkurrenz zwischen diesen Arten groß war. Ausnahmen bildeten der Amphicyonide und die primitive Hyäne, die unterschiedliche Beute in offeneren Lebensräumen jagten.
Solche Isotopenuntersuchungen erlauben es, mit hoher Genauigkeit zu rekonstruieren, was jedes Tier fraß, ohne die Fossilien nennenswert zu schädigen. Dafür genügen wenige Milligramm Zahnschmelz, die mit einem Zahnarztbohrer entnommen und anschließend per Massenspektrometrie analysiert werden.
An verschiedenen Fundorten und für unterschiedliche Zeitpunkte des Miozäns angewandt, zeichnet dieser Ansatz ein immer detaillierteres Bild davon, wie die Fauna auf die klimatischen und ökologischen Veränderungen reagierte. Er zeigt den Übergang von dichten Wäldern zu offeneren, trockeneren Landschaften und macht deutlich, mit welchen Strategien bestimmte Arten trotz intensiver Konkurrenz um dasselbe Gebiet nebeneinander existieren konnten.
Paludocyon moyasolai passt in diese Geschichte als weiteres Element, etwas älter als die Episoden aus Fuentidueña oder Batallones, aber zur selben Amphicyoniden-Familie gehörend, die große Teile Eurasiens und Nordamerikas während des Känozoikums dominierte. Jede neu beschriebene Art, so die Forschenden, hilft, den Stammbaum der Gruppe weiter zu verfeinern und besser zu verstehen, wie sie vor einigen Millionen Jahren vollständig ausstarb.