Der amerikanische Präsident bringt die Tagesordnung des zweitägigen NATO-Gipfeltreffens wieder durcheinander: Vor Reportern verlangte er erneut die US-Kontrolle über Grönland. Dänemarks Regierungschefin verwies auf die Souveränität ihres Landes.
Die Verbündeten stellen sich auf einen schwierigen zweiten Gipfeltag ein. US-Präsident Donald Trump sorgt wieder für Unmut. Er hat seine gewohnten Attacken gegen die NATO-Partner wiederholt, obwohl Europa und Kanada ihre Verteidigungsausgaben historisch stark erhöht haben.
Kurz nach seiner Landung gestern Nachmittag holte Trump eine Forderung vom Jahresbeginn wieder hervor: Grönland, das teilautonome arktische Gebiet des Königreichs Dänemark, solle "von den Vereinigten Staaten kontrolliert werden".
Er warf Dänemark anschließend vor, zu wenig in die Verteidigung der Insel zu investieren. Kopenhagen "gebe kein Geld aus, um Grönland wirklich zu helfen", bemängelte er und deutete an, Dänemark könne die riesige Insel nicht gegen russische oder chinesische Schiffe schützen, die seiner Darstellung nach in der Region unterwegs sind.
Bei ihrer Ankunft zum Gipfeltreffen an diesem Mittwochmorgen bekräftigte die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen die Haltung ihres Landes: "Grönland steht selbstverständlich nicht zum Verkauf."
"Wir sind ein souveräner Staat, und alle müssen unsere territoriale Integrität respektieren", betonte sie.
Auf die Frage, ob Dänemark Grönland militärisch verteidigen würde, falls es angegriffen wird, antwortete sie: "Wir sind bereit, die gesamte NATO zu verteidigen. Das schließt unser eigenes Territorium ein."
"Natürlich werden wir das Königreich Dänemark verteidigen", so Frederiksen. "Die Grönländerinnen und Grönländer wollen nicht Teil der Vereinigten Staaten sein. Das haben sie deutlich gemacht."
Zahlreiche Umfragen unter der Bevölkerung Grönlands zeigen eine überwältigende Ablehnung gegenüber einer Zugehörigkeit zum US-Staatsgebiet.
NATO-Generalsekretär Mark Rutte wich dem Thema auf Nachfrage von Journalistinnen und Journalisten aus. "Für Grönland und Dänemark haben wir einen guten Prozess", erklärte er.
Im vergangenen Januar, als Trumps Drohungen einer Annexion ihren Höhepunkt erreichten, sorgte Rutte dafür, dass die Frage aus den offiziellen NATO-Beratungen herausgehalten wurde. Stattdessen setzte er auf Pendeldiplomatie zwischen den Beteiligten.
Daher dürfte das Thema Grönland kaum auf der offiziellen Tagesordnung stehen, wenn die Staats- und Regierungschefs am Vormittag im Nordatlantikrat, dem wichtigsten Entscheidungsorgan der NATO, zur Sache kommen. Trump sitzt dort am selben Tisch wie Frederiksen.
"Die Linie lautet, das Thema nicht anzusprechen und den Gipfel zu Ende zu bringen", sagte eine mit der Lage vertraute Quelle gegenüber Euronews.
"Ich hoffe, der Gipfel im nächsten Jahr wird abgesagt. Zwei weitere Jahre mit Trump wären verheerend für die NATO und die Sicherheit", fügte die Person hinzu und beklagte, dass die Versuche des Bündnisses, Trump zu besänftigen, scheitern. "Trump will nur den Druck erhöhen und äußert sich immer aggressiver."
Waffenruhe in Gefahr
Trump griff die Verbündeten außerdem scharf an. Er wirft ihnen vor, die USA im Konflikt mit Iran im Stich gelassen zu haben, weil Länder wie Italien und Spanien den Zugang zu ihren Militärstützpunkten verweigerten.
Die betroffenen europäischen Staaten betonen, sie seien nicht verpflichtet gewesen, sich am Krieg gegen Iran zu beteiligen. Trump akzeptiert das nicht. Bei einer Pressekonferenz mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan erklärte er, er sei "sehr enttäuscht" von der Reaktion der NATO-Partner.
Zu allem Überfluss haben US-Streitkräfte in der Nacht Luftangriffe gegen Ziele in Iran gestartet. Hintergrund ist die anhaltende Blockade der Straße von Hormus.
"Die Kräfte des US Central Command haben begonnen, eine Reihe harter Angriffe gegen Iran zu fliegen, um hohe Kosten für das Anvisieren und Angreifen der Handelsschifffahrt aufzuerlegen", erklärte das Regionalkommando der US-Armee am späten Dienstagabend auf X.
Iran warnte Washington umgehend, man werde "alle notwendigen Maßnahmen ergreifen". Das schürt die Sorge, dass der zweite Gipfeltag vom Krieg gegen Iran überlagert wird – und damit von Themen wegführt, die NATO in den Mittelpunkt stellen sollen, etwa die Unterstützung der Ukraine und den Schutz des europäischen Kontinents.
Auf dem Weg in die Sitzung an diesem Mittwoch sagte Rutte vor Journalistinnen und Journalisten, die US-Angriffe seien "absolut notwendig" gewesen. Er lobte die Vereinigten Staaten dafür, "mit Nachdruck" zu reagieren.