Zwischen Polen und der Ukraine gibt es weiter offene historische Konflikte. Beim Treffen in Ankara zeigte sich jedoch: So tief die Differenzen auch sind, in der Sicherheitsfrage verbindet beide Länder vor allem der Blick auf Russland.
Polens Präsident Karol Nawrocki hat nach einem Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj betont, dass Polen und die Ukraine trotz bestehender Differenzen die zentralen Sicherheitsgefahren ähnlich einschätzen. Beide Staaten sähen Russland als größte Bedrohung für ihre Unabhängigkeit, sagte Nawrocki am Mittwoch nach Abschluss des NATO-Gipfels in Ankara.
"Was sich ganz sicher nicht ändert: Für die Ukraine wie für Polen bleibt die Russische Föderation die Hauptbedrohung. Beim Blick auf die Gefahren für unsere Unabhängigkeit schauen wir in dieselbe Richtung", erklärte Nawrocki bei einer Pressekonferenz.
Das Gespräch der beiden Präsidenten dauerte rund eine Stunde. Nawrocki bezeichnete das Treffen als wichtiges Signal dafür, den Dialog zwischen den Nachbarstaaten aufrechtzuerhalten — gerade in einer Phase, in der die polnisch-ukrainischen Beziehungen durch historische Streitfragen belastet sind.
"Ich komme direkt aus dem Gespräch mit Präsident Wolodymyr Selenskyj. Dieses Treffen dauerte etwa eine Stunde. Wir haben miteinander gesprochen, und es ist selbstverständlich eine gute und notwendige Praxis zwischen Nachbarn, die Dialog- und Informationskanäle offen zu halten. In letzter Zeit gab es viele Spannungen rund um die polnisch-ukrainischen Beziehungen", sagte Nawrocki.
Zu den schwierigsten Themen gehörten historische Fragen, insbesondere die Bewertung der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) und das Gedenken an die Verbrechen in Wolhynien. Nawrocki räumte ein, dass diese Konflikte bei dem Treffen nicht gelöst werden konnten.
"Wir konnten bei diesem Treffen die historischen Fragen nicht klären. Wir sind auch nicht mit der Erwartung gekommen, dass sich alle Probleme lösen lassen", betonte er.
Streit um UPA und das Gedenken an die Opfer von Wolhynien
Hintergrund der aktuellen Spannungen zwischen Warschau und Kyjiw ist die unterschiedliche Bewertung der Rolle der UPA. In Polen wird die Organisation vor allem mit Verbrechen an der polnischen Zivilbevölkerung in Wolhynien und Ostgalizien während des Zweiten Weltkriegs in Verbindung gebracht. Die polnische Seite fordert seit Jahren eine vollständige Aufarbeitung der Ereignisse, die Exhumierung der Opfer und ein würdiges Gedenken.
In der Ukraine wird die UPA von Teilen der Gesellschaft dagegen als Bestandteil des Unabhängigkeitskampfes und des Widerstands gegen die sowjetische Herrschaft betrachtet. Diese gegensätzliche historische Einordnung gehört zu den umstrittensten Themen in den Beziehungen beider Länder.
Nawrocki hatte bereits mehrfach betont, dass die Symbolik rund um die UPA aus polnischer Sicht nicht Gegenstand von Zugeständnissen sein könne. Nach dem Treffen mit Selenskyj bekräftigte er diese Position erneut.
"Die Fragen der UPA, ihrer Symbole, sind nicht verhandelbar. Die Emotionen der Polinnen und Polen im Hinblick auf den Völkermord in Wolhynien sind nicht verhandelbar", sagte der Präsident.
Zugleich erklärte Nawrocki, dass die Präsenz banderistischer Symbole aus seiner Sicht auch die europäische Perspektive der Ukraine belasten könne. "Die Bandera-Flagge begrenzt auch die Zukunft der Ukraine in der EU, sie steht für viele belastete Symbole", sagte er. Gleichzeitig verwies er darauf, dass Polen die Bedrohung durch Russland weiterhin fest im Blick behalten müsse.
Nawrocki betonte, er habe mit Selenskyj sowohl über die historischen Streitpunkte als auch über die künftige Zusammenarbeit gesprochen.
"Alle diese Themen — historisch, politisch, Vergangenheit und Zukunft — haben wir im Gespräch mit Präsident Selenskyj angesprochen. Uns ist bewusst, dass uns vor allem die Einsicht verbindet, dass die postsowjetische Russische Föderation eine Bedrohung sowohl für die Ukraine als auch für Polen ist", sagte er.
Beide Seiten hätten ihre Positionen dargelegt, zugleich aber auch über Möglichkeiten der weiteren Zusammenarbeit gesprochen.
"Ich habe unsere Position zur UPA bestätigt, aber wir haben auch darüber diskutiert, wie die Zusammenarbeit in Zukunft aussehen sollte", erklärte Nawrocki.
Nach dem Gespräch zog der polnische Präsident eine positive Bilanz. "Es war sehr gut, und ich freue mich darüber. Das Treffen war wie immer mit Präsident Selenskyj konstruktiv. Gut, dass wir uns gesehen haben", sagte er.
Auch Polens Außenminister Radosław Sikorski äußerte sich zu dem Treffen. Auf der Plattform X schrieb er am Mittwoch: "Ich danke den Präsidenten Polens und der Ukraine dafür, dass sie beim NATO-Gipfel in Ankara so intensiv versuchen, ein Problem zu lösen, das sie selbst geschaffen haben."