Der Streit zwischen Polens Präsident Karol Nawrocki und Wolodymyr Selenskyj eskaliert: Nach der Aberkennung eines hohen Ordens geht es nicht mehr nur um Diplomatie, sondern um Geschichte, Erinnerung und das Verhältnis beider Länder.
Der Konflikt zwischen Polens Präsident Karol Nawrocki und dem ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj spitzt sich weiter zu. Am 19. Juni entzog der polnische Präsident Selenskyj die höchste Auszeichnung Polens, den Orden des Weißen Adlers. Aus Protest gaben unter anderem die früheren ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma, Wiktor Juschtschenko und Petro Poroschenko ihre polnischen Orden zurück.
Selenskyj kritisiert Nawrocki: "Das ist der falsche Weg"
Die Spannungen zwischen den beiden Präsidenten hatten bereits zu Beginn von Nawrockis Amtszeit zugenommen. Ende August 2025 legte der neue polnische Präsident sein Veto gegen eine Novelle des Hilfegesetzes für ukrainische Staatsbürger ein und stellte einen eigenen Entwurf vor. Dieser sah unter anderem einen schärferen Kurs in der Geschichtspolitik vor: Symbole der Bandera-Bewegung sollten nationalsozialistischen Symbolen gleichgestellt werden.
Nach Darstellung der Heinrich-Böll-Stiftung war Stepan Bandera ein führender Kopf der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), einer Bewegung, die mit radikalen Mitteln für die Unabhängigkeit der Ukraine kämpfte. Der von ihm geprägte OUN-Flügel stand in Verbindung mit der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA), die gegen deutsche, polnische und sowjetische Kräfte kämpfte, aber auch mit Holocaust-Beteiligung und Massakern an polnischen Zivilisten in Wolhynien verbunden wird.
Im Dezember veröffentlichte Nawrocki einen Beitrag, in dem er erklärte, er erwarte von Wolodymyr Selenskyj Dankbarkeit gegenüber polnischen Soldaten. Zugleich sagte er, die von Polen geleistete Hilfe sei nicht ausreichend gewürdigt worden.
Die Auseinandersetzung eskalierte im Juni, als Selenskyj die Entscheidung bestätigte, einer ukrainischen Formation den Namen "Helden der UPA" zu geben. Daraufhin entzog Nawrocki ihm den Orden des Weißen Adlers.
In der Ukraine wird die UPA dagegen häufig als antikoloniale Widerstandsbewegung betrachtet. In Polen ist das Bild deutlich negativer geprägt, vor allem wegen der Ereignisse in Wolhynien und Ostgalizien in den Jahren 1943 und 1944. Damals kam es zu massiven Angriffen auf polnische Zivilisten, die in Polen vielfach als ethnische Säuberungen eingeordnet werden.
Am Sonntag sagte der ukrainische Präsident in einem Interview mit dem Sender TSN, Polen führe seinen eigenen politischen Kampf und schüre in der Gesellschaft Ablehnung gegenüber Ukrainern.
"Das ist dasselbe, was Orban gemacht hat. Das ist der falsche Weg. Ich glaube, das wird schlecht enden", sagte Selenskyj mit Blick auf die jüngsten Schritte Nawrockis. "Auf Hass kann man keine politischen Vorteile aufbauen, denn langfristig führt das zu einer Verschlechterung der Beziehungen zwischen den Nationen."
Buch über das Massaker von Wolhynien
Bei der Entscheidung, Selenskyj den Orden zu entziehen, betonte Nawrocki in einer veröffentlichten Videoansprache, seine Entscheidung richte sich nicht "gegen das ukrainische Volk". Zugleich versicherte er, an der Unterstützung der Ukraine im Kampf gegen Russland ändere sich "nichts".
In seiner Erklärung hob Nawrocki außerdem hervor, die historische Wahrheit dürfe keine Verhandlungsmasse sein. Er erinnerte daran, dass die Formation, auf die sich der Name der Einheit bezieht, für Verbrechen an der polnischen Zivilbevölkerung verantwortlich ist. Nach verfügbaren Schätzungen wurden im Zuge des Massakers von Wolhynien in den Jahren 1943 bis 1945 allein in Wolhynien zwischen 50.000 und 60.000 Polen von der UPA getötet.
In seinem jüngsten Interview berichtete Selenskyj zudem, Nawrocki habe ihm bei ihrem ersten Treffen ein Buch über das Massaker von Wolhynien überreicht.
"Ich bin zu ihm gekommen, und sein Willkommensgeschenk für mich war ein Buch über die Tragödie von Wolhynien. Ich habe nie darüber gesprochen. Ich habe nicht mit den Menschen darüber gesprochen. Ich habe damit ruhig gelebt. Jetzt spreche ich offen darüber, weil er Schritte unternimmt, die ich für falsch halte", sagte der ukrainische Präsident.
Donald Tusk: Konflikt erfreut Putin
Die verschärfte Rhetorik gegenüber Ukrainern bleibt nicht ohne Echo. Nach der Aberkennung des Ordens kommentierte unter anderem Donald Tusk die Entscheidung. Auf der Plattform X schrieb er: "Der Konflikt zwischen Polen und der Ukraine erfreut Putin und schockiert unsere Verbündeten. Die Aufgabe der Präsidenten Selenskyj und Nawrocki ist es, die Emotionen zu dämpfen und nicht die Spannungen anzuheizen. Die Frontlinie verläuft an einem anderen Ort."
In den vergangenen Monaten hat sich die negative Stimmung gegenüber Ukrainern im polnischen öffentlichen Raum deutlich verstärkt. Wie das Portal Demagog in seinem jüngsten verfügbaren Bericht festhält, wurden im Zeitraum von August bis November 2025 im Netz 185.766 Beiträge mit antiukrainischem Inhalt erfasst. Das entspricht einem Anstieg um fast 98 Prozent im Vergleich zum vorherigen Quartal.
Eine Anfang 2026 veröffentlichte CBOS-Umfrage zeigt zudem, dass sich Anfeindungen im Internet zunehmend auf die reale Haltung gegenüber ukrainischen Bürgern auswirken. Demnach ist die Unterstützung für die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen auf 48 Prozent gesunken.