Erst 50.000 Stellen, jetzt neue Sorgen um vier Werke: Bei Volkswagen folgt der nächste große Einschnitt. Der Aufsichtsrat vertagte die Entscheidung, doch der Druck auf Konzernchef Oliver Blume wächst.
Am Donnerstag kamen die Gruppen, die Europas größten Autobauer kontrollieren, zu Beratungen zusammen, während Beschäftigte an fast 20 Standorten in ganz Deutschland protestierten. Der Aufsichtsrat endete jedoch ohne Klarheit zu den zentralen Fragen von Stellenabbau und Werksschließungen.
Der Konzern steht unter Druck: US-Strafzölle verteuern das Geschäft, die Gewinnmargen mit Elektroautos schrumpfen, und vor allem wächst der Wettbewerbsdruck in China, dem weltweit größten Automarkt.
Volkswagen, dessen zehn Marken von Seat bis Porsche reichen, baut schon jetzt bis 2030 rund 50.000 Stellen in Deutschland ab, darunter 35.000 beim Kernbereich Volkswagen. Diese Kürzungen vereinbarte der Konzern Ende 2024 mit den Gewerkschaften – verbunden mit dem Versprechen, bis mindestens Ende des Jahrzehnts keine deutschen Werke zu schließen.
Vorstandschef Oliver Blume denkt weiterhin über einen Abbau von bis zu 100.000 Stellen weltweit nach, rund 16 Prozent der globalen Belegschaft. Zudem stehen drei Volkswagen-Werke in Deutschland sowie ein Audi-Werk zur Disposition. "Sollten diese Pläne umgesetzt werden, würden wir sie mit aller Kraft bekämpfen", erklärten IG-Metall-Chefin Christiane Benner und VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo bereits vorab in einer gemeinsamen Stellungnahme.
Was am Donnerstag beschlossen wurde
Eine sofortige Entscheidung über Werksschließungen und Stellenabbau blieb aus – wie erwartet markiert die Sitzung eher den Auftakt zu monatelangen Verhandlungen zwischen Management, Gewerkschaften und Politik. Ein VW-Sprecher kündigte an, der Konzern werde "schnellstmöglich" über Ergebnisse und getroffene Entscheidungen informieren.
Am Abend teilte Volkswagen dann mit, dass es erhebliche Einschnitte bei der Modellpalette geben wird: Das globale Modellangebot außerhalb Chinas soll bis 2035 um rund 50 Prozent schrumpfen, die Variantenvielfalt bei Motoren, Ausstattungen und technischen Versionen um bis zu 75 Prozent reduziert werden.
Zur konkreten Zukunft der vier möglicherweise betroffenen Werke Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm sowie zum Stellenabbau äußerte sich der Konzern hingegen weiterhin nicht offiziell. Nach Informationen der Bild-Zeitung sollen dort ab 2031 (Emden, Zwickau), 2032 (Hannover) beziehungsweise 2034 (Neckarsulm) keine neuen Modelle mehr zugewiesen werden, zudem will Blume laut Bild bis zu 120.000 Stellen abbauen – deutlich mehr als die bislang vereinbarten 50.000.
Betriebsrat stellt Ultimatum
Betriebsratschefin Cavallo reagierte scharf auf das Ausbleiben von Klarheit. Laut Bild stellte sie dem Vorstand ein Ultimatum: Bis Freitag müsse sich Blume "unmissverständlich" zu den Sparplänen äußern. "Der Umgang des Vorstands mit der Belegschaft ist an Respektlosigkeit nicht mehr zu überbieten", erklärte Cavallo. Sollte Blume nicht reagieren, drohte sie außerordentliche, konzernweite Betriebsversammlungen nach der Sommerpause an, "um die Vorstände dort ans Mikrofon zu zitieren".
Blume selbst äußerte sich in einer knapp vierminütigen Videobotschaft eher vage: "Deutschland ist unsere Heimat und bleibt für den VW-Konzern zentraler Industriestandort", sagte er der Bild, warnte aber zugleich: "Im globalen Wettbewerb reicht das aber nicht mehr aus." Höhere Kosten könne man "nur durch mehr Produktivität, Effizienz und Innovationskraft ausgleichen".
Warum eine Zustimmung schwierig bleibt
Der Aufsichtsrat umfasst normalerweise zwanzig Mitglieder, je zur Hälfte Vertreter der Anteilseigner und der Beschäftigten. Aktuell verfügen die Arbeitnehmervertreter jedoch über eine Mehrheit, seit Susanne Wiegand, die frühere Chefin des Rüstungsunternehmens Renk, ihren Sitz aufgegeben hat.
Auch die Eigentümerstruktur erschwert einen harten Umbau. Das Land Niedersachsen, in dem der Hauptsitz in Wolfsburg und sechs Werke angesiedelt sind, hält einen Anteil, mit dem es zentrale Beschlüsse blockieren kann. Kommt der Plan letztlich durch, schrumpft die weltweite Belegschaft von rund 630.000 Beschäftigten um etwa 15 Prozent.
Der Einschnitt wäre größer als frühere Sparprogramme der Branche – etwa der Abbau von fast 50.000 Stellen beim US-Konzern General Motors während dessen Insolvenz 2009. Auch die übrige deutsche Autoindustrie mit BMW, Mercedes-Benz und zahlreichen Zulieferern streicht Jobs und stellt sich mit Umstrukturierungen auf geringere Nachfrage und härteren Wettbewerb ein.
Warum Volkswagen Handlungsbedarf sieht
Blume warnt seit Monaten vor einer kritischen Lage. Den Aktionären sagte er zu Jahresbeginn, das Unternehmen müsse sich grundlegend verändern, sonst drohe es zu scheitern. "Unser Geschäftsmodell der vergangenen Jahrzehnte funktioniert nicht mehr", schrieb er in einem im März verschickten Brief. Hinzu kämen regionale Marktbedingungen, Änderungen in der Handelspolitik, massive Regulierungsvorgaben in den verschiedenen Weltregionen und die hohe Kostenbasis, vor allem in Europa.
Die im vergangenen Jahr erhöhten US-Zölle auf Autos und Autoteile dürften Volkswagen jährlich rund 5 Mrd. Euro kosten. Besonders betroffen sind Audi und Porsche, die keine Werke in den Vereinigten Staaten betreiben. In China hat der Konzern zudem deutlich an Boden verloren: Der Wettbewerb durch einheimische Hersteller ist so stark, dass die Auslieferungen von Fahrzeugen auf den niedrigsten Stand seit 2011 gefallen sind.
Blume fordert, die europäischen Werke müssten besser ausgelastet werden. Schon im April warnte er, chinesische Hersteller bauten in Europa eigene, hoch effiziente Fabriken: "Wir können mit unterausgelasteten Werken nicht konkurrieren."
Ob Volkswagen für derart weitreichende Veränderungen genug Rückhalt erhält, dürfte entscheidend dafür sein, wie Europas größter Autobauer künftig aufgestellt ist. Ob Blume dem Ultimatum der Betriebsratschefin heute nachkommt, bleibt vorerst offen.