Loader
Finden Sie uns
Werbung

Lago Maggiore trocknet aus: Italiens Wasser wird immer knapper

Archivaufnahme des Lago Maggiore bei Ascona in der Südschweiz
Archivaufnahme des Lago Maggiore bei Ascona in der Südschweiz Copyright  AP Photo
Copyright AP Photo
Von Stefania De Michele
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button

Der Lago Maggiore leidet unter Trockenheit, während die Schweiz den Abfluss aus dem Luganersee erhöht. In Piemont, der Lombardei, Venetien und den Marken spitzt sich die Wasserknappheit zu und wird zunehmend zur italienischen Notlage.

Die Schweiz öffnet die Schleusen des Luganersees für den Lago Maggiore. Die Notlösung zeigt deutlich, wie kritisch die Wasserlage in Norditalien inzwischen ist: Aus dem Luganersee fließen nun zusätzliche Wassermengen Richtung Ponte Tresa, um den Pegel des Lago Maggiore zu stützen und vor allem die Reisfelder in der Ebene mit Wasser zu versorgen.

WERBUNG
WERBUNG

Weil die beiden Seen verbunden sind, gelangt so ein großer Teil des zusätzlichen Wassers in den Lago Maggiore.

Die Maßnahme wurde im italienisch-schweizerischen bilateralen Gremium zur Regulierung der Pegel des Lago Maggiore und zur Bewirtschaftung der Wasserressourcen seines Einzugsgebiets entschieden. Das Umweltministerium hatte das Treffen auf Grundlage der Daten der Po-Beckenbehörde kurzfristig einberufen. Die italienische Delegation aus Ministerium sowie den Regionen Lombardei und Piemont stimmte dem Schweizer Vorschlag zu, er kann bereits heute umgesetzt werden.

Schweizer Hilfe und die „zu kurze Decke“ beim Wasser

Der Entscheid des Kantons Tessin gilt vorerst nur befristet und wird in den kommenden Tagen erneut geprüft. Seine Bedeutung reicht jedoch über diesen einzelnen Eingriff hinaus. Das eigentliche Problem: Die verfügbaren Wassermengen reichen nicht mehr aus, um alle Bedürfnisse gleichzeitig zu decken.

Auf der einen Seite stehen die Reisfelder in Piemont und der Lombardei, die in dieser Phase der Saison große Wassermengen brauchen. Auf der anderen Seite benötigen Wasserleitungen, Flüsse, Seen und Ökosysteme Mindestmengen, obwohl die Abflüsse immer weiter sinken.

Es ist die klassische Situation einer "zu kurzen Decke": Wer einem Bereich mehr Wasser zuteilt, muss prüfen, was für die anderen übrig bleibt. Sinkt die Gesamtressource, wird selbst eine scheinbar technische Frage der Pegelsteuerung eines Sees zu einem strategischen Thema.

Der Fall des Lago Maggiore ist besonders aufschlussreich. Schon im Juli meldete die Po-Beckenbehörde, dass der See nahe an der unteren Betriebsgrenze lag, während die piemontesische Landwirtschaft zu den am stärksten unter Druck stehenden Sektoren gehörte.

Das Problem betrifft zudem nicht nur das Wasser für die Bewässerung der Felder. In mehreren Teilen Italiens wirkt sich der Mangel inzwischen auch auf die Trinkwasserversorgung aus.

Lago Maggiore: Italien regelt den Pegel

Der Lago Maggiore ist ein grenzüberschreitender See, geteilt zwischen Italien und der Schweiz. Seine Pegelregelung erfolgt jedoch nicht im Rahmen einer echten gemeinsamen Verwaltung. Der Wasserstand wird über das Miorina-Wehr in Sesto Calende auf italienischem Gebiet gesteuert, die operative Verantwortung liegt beim Consorzio del Ticino, einer Wasserwirtschaftsorganisation.

Italien und die Schweiz stimmen ihre Entscheidungen im italienisch-schweizerischen bilateralen Gremium ab, weil jede Änderung des Pegels Folgen auf beiden Seiten des Sees hat.

Der Lago Maggiore wird also in Italien reguliert, doch das Wassermanagement funktioniert nur im engen Schulterschluss mit der Schweiz.

Wassertankwagen werden eingesetzt

Im Piemont ist die Situation besonders kritisch. Mitte Juli meldete die Region, dass rund 100 Gemeinden bereits Verordnungen zur Begrenzung des Wasserverbrauchs erlassen hatten, vor allem in Berggebieten und abgelegenen Ortsteilen. In etwa 50 Gemeinden mit insgesamt 25.000 Einwohnern mussten bereits Wassertankwagen eingesetzt werden, um die Vorräte in den Speichern der Wasserwerke aufzustocken.

Die Daten der piemontesischen Umweltschutzbehörde ARPA Piemonte zeichneten ein ebenso besorgniserregendes Bild: Die oberirdischen Wasserressourcen lagen um 37 Prozent unter dem Durchschnitt, und in der ersten Juli-Dekade zeigten viele Pegelstationen Defizite von mehr als 40 Prozent. Der Po bei Isola Sant’Antonio führte im Mittel nur 62 Kubikmeter Wasser pro Sekunde, ein Minus von 75 Prozent gegenüber dem historischen Referenzwert.

Die Hitze verschärfte die Lage weiter. Der Juni 2026 in Piemont war deutlich wärmer als üblich, mit einer regionalen Abweichung von rund +3,5 °C. Durch die höheren Temperaturen stieg die sogenannte Evapotranspiration: Böden und Vegetation verloren noch schneller Wasser.

Wasserkrise weitet sich im Po-Becken aus

Piemont steht mit diesem Problem nicht allein da. Betroffen ist ein deutlich größeres Gebiet.

Ende Juli stufte das ständige Observatorium für Wassernutzungen im Bezirk des Po die Wasserknappheit von „mittel“ auf „hoch“. Die Abflüsse des Po lagen inzwischen durchgehend unter den typischen Niedrigwasserwerten, und der Dürreindex zeigte in den meisten überwachten Abschnitten schwere Trockenheit. Für Cremona in Norditalien, in der Region Lombardei, wurde die Lage als extrem eingestuft.

Bereits am 21. Juli berichtete die Beckenbehörde von Problemen nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch bei der Versorgung der Bevölkerung. In der Lombardei standen 50 Gemeinden unter Druck, 17 davon wurden mit Wasserlastern beliefert, in den Marken waren es 32 Gemeinden. Schwierigkeiten meldeten zudem Venetien und Piemont.

Zum Bild gehört auch das Po-Delta, wo die sinkenden Abflüsse das Risiko erhöhen, dass sich der Salzwasserkeil aus dem Meer weiter flussaufwärts schiebt. Wenn der Fluss weniger Süßwasser führt, dringt Meerwasser tiefer ins Landesinnere ein und setzt sowohl Ökosysteme als auch landwirtschaftliche Flächen und Versorgungsanlagen unter Druck.

Reisfelder, Trinkwasser, Flüsse: Wer hat Vorrang?

Hier zeigt sich die eigentliche Frage. Die Notlage betrifft nicht nur „wie viel Wasser es gibt“, sondern wie es verteilt wird, wenn es nicht für alle reicht.

Die Landwirtschaft braucht gerade in den heißesten Phasen des Jahres viel Wasser für die Bewässerung. Die Reisfelder in Piemont und der Lombardei gehören zu den am stärksten gefährdeten Sektoren, und die Region Piemont warnt besonders deutlich vor Ernteausfällen durch fehlende Wasserverfügbarkeit.

Doch dasselbe Wasser wird auch für die Wasserversorgung, für Mindestabflüsse der Flüsse, für Ökosysteme, für bestimmte industrielle Nutzungen und in einigen Gebieten für die Energieproduktion benötigt.

Daraus entsteht der Bedarf an immer ausgefeilteren Maßnahmen und an Vereinbarungen zwischen Regionen und Staaten. Die verstärkte Wasserabgabe aus dem Luganersee zum Lago Maggiore ist ein konkretes Beispiel: Wasser aus einem Einzugsgebiet stützt vorübergehend ein anderes, unter Druck geratenes System.

Im Süden ist das Problem nicht verschwunden

Die Wasserkrise beschränkt sich nicht auf den Norden. Die Lage unterscheidet sich von Region zu Region, nicht ganz Italien befindet sich gleichzeitig im gleichen Stadium der Knappheit. Die Verwundbarkeit bleibt jedoch hoch, vor allem in mediterranen Gebieten und in Regionen, die stark von Stauseen abhängen.

Das italienische Institut für Umweltschutz und Umweltforschung (ISPRA) überwacht die Wasserknappheit in den verschiedenen italienischen Bezirken und betrachtet das Szenario „hoch“ als einen Zustand, wo die Ressource trotz Vorsorgemaßnahmen nicht ausreichen kann, um Schäden am System sicher zu vermeiden.

Die Situation verdeutlicht, warum Wasser zu einer der heikelsten Fragen der Planung wird: Es reicht nicht, auf Regen zu warten. Es braucht Speicher, effizientere Netze, weniger Verluste in den Wasserleitungen, Wiederverwendung gereinigter Abwässer, sparsamere Bewässerungssysteme und eine Planung, die einer immer stärker schwankenden Wasserverfügbarkeit Rechnung trägt.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

Italien: Po führt wenig Wasser, Dürre bedroht Landwirtschaft und Trinkwasser

Dürre setzt Ungarns Weinbau und Landwirtschaft massiv unter Druck

Exklusiv: Ceuta – Spanien weist marokkanische Gebietsansprüche zurück