Luftabwehr oder Flugabwehr: Russland setzt zunehmend auf die relativ günstige neue Waffe Banderol. Deren kleinere Sprengladung zwingt die Ukraine, knappe und teure Luftabwehr einzusetzen.
Russland hat in der Nacht zum Donnerstag bei einem groß angelegten Angriff auf die Ukraine Banderol-Munition eingesetzt. Die Waffe gehört inzwischen zum wachsenden Arsenal kostengünstiger Systeme, mit denen Moskau die ukrainische Luftverteidigung überlasten will.
Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe wurden die Banderols abgefangen. Der Angriff umfasste auch Marschflugkörper und Drohnen des Typs Shahed.
Die Banderol wurde im Frühjahr 2025 erstmals in der Ukraine registriert. Seither setzt Russland sie immer häufiger bei Angriffen ein.
Bei der sogenannten S8000 handelt es sich um eine kleine, düsengetriebene Waffe, die über dem Zielgebiet kreisen kann und Eigenschaften eines Marschflugkörpers mit denen einer Jet-Angriffsdrone verbindet.
Sie ist deutlich günstiger als vergleichbare Waffen und trägt einen kleineren Sprengkopf als ein herkömmlicher Marschflugkörper. Zum Abschuss sind jedoch oft dieselben hochentwickelten Luftabwehrsysteme nötig.
Diese Schieflage macht die Waffe für die Ukraine besonders problematisch. Russland kann Banderols relativ günstig herstellen und starten. Kyjiw muss dagegen knappe und teils sehr teure Abwehrmittel einsetzen, um sie zu stoppen.
Billige Waffe, teures Problem
Auch die Startweise verschärft die Bedrohung. Anders als Marschflugkörper aus strategischen Bombern kommt die Banderol ohne den Einsatz großer Flugzeuge aus. Deren Start würde den ukrainischen Streitkräften zusätzliche Warnzeit verschaffen.
Produzent ist der russische Drohnenhersteller Kronshtadt JSC. Die Banderol wird hauptsächlich von Aufklärungsdrohnen des Typs Orion aus demselben Werk eingesetzt, ist jedoch auch in die Kampfhubschrauber Mi-28 integriert.
Sie erreicht mehr als 500 km/h und hat eine Reichweite von bis zu 500 Kilometern.
Aufgrund der begrenzten Reichweite feuern russische Truppen Banderols aus dem besetzten Krim-Gebiet in Richtung Region Odessa.
Der ukrainische Präsidialbeauftragte für Sanktionspolitik, Wladyslav Vlasiuk, erklärte, diese Raketen seien an rund 80 % der russischen Angriffe auf die Infrastruktur von Odessa beteiligt.
Hohe Kosten für die ukrainische Luftabwehr
Die Banderol trägt einen Splittersprengkopf von 114 Kilogramm mit bis zu 50 Kilogramm Sprengstoff. Das ist deutlich weniger als die Nutzlast russischer Marschflugkörper vom Typ Kh-101 und Iskander-K, deren Sprengköpfe rund 400 bis 500 Kilogramm wiegen können.
Entscheidend ist jedoch weniger ihre Zerstörungskraft als die Kosten der Abwehr.
Ein russischer Marschflugkörper kostet in der Herstellung schätzungsweise rund 685.000 Euro. Die Banderol liegt je nach verbauten Komponenten zwischen etwa 42.500 und 127.500 Euro.
Damit bewegt sie sich preislich in einer ähnlichen Größenordnung wie die iranisch entwickelte Shahed, eine der billigsten und am häufigsten eingesetzten Waffen in Russlands massiven Luftangriffen auf die Ukraine seit 2022.
Beide Systeme stellen die ukrainische Luftabwehr jedoch vor unterschiedliche Probleme. Drohnen des Typs Shahed lassen sich inzwischen zunehmend mit relativ günstigen Abfangdrohnen bekämpfen.
Gefertigt mit Teilen aus China, Japan und den USA
Die schnellere Banderol zwingt die Ukraine zum Einsatz leistungsfähiger Kurz- und Mittelstrecken-Luftabwehr, die eigentlich gegen Marschflugkörper vorgesehen ist. Hinzu kommen tragbare Flugabwehrraketen und Jagdflugzeuge.
So kann Russland Banderols nicht nur zum direkten Angriff nutzen. Die Waffe soll offenbar auch die ukrainischen Systeme binden, die gegen deutlich stärkere Marschflugkörper schützen sollen.
Die Banderol wird per Satellitennavigation gesteuert und kann durch elektronische Kriegsführung gestört werden. Zusätzlich verfügt sie über ein autonomes Navigationssystem.
Die Waffe zeigt zudem, dass Russland trotz westlicher Sanktionen und Exportbeschränkungen weiterhin ausländische Technologie für seine Rüstungsindustrie beschaffen kann.
Nach Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes HUR enthält die Banderol ein in China gefertigtes Strahltriebwerk, eine Batterie aus Japan und überwiegend in den USA produzierte Elektronikkomponenten.