Marmolata schrumpft, Permafrost taut, weniger Wasser in den Höhen: Legambiente warnt vor einer Krise in den Dolomiten Venetiens
Die Marmolada verliert Eis, Berge werden instabil und Wasser in Hochlagen ist keine sichere Größe mehr. So beschreibt Legambiente Veneto die Lage zur siebten Ausgabe der Carovana dei Ghiacciai, einer internationalen Kampagne, die in Frankreich startet und erneut die immer schnellere Veränderung der Alpen in den Fokus rückt.
Der Klimawandel in den Dolomiten betrifft längst nicht mehr nur die Landschaft. Sorgen bereiten die Kettenreaktionen: Rückzug der Gletscher, Abbau des Permafrosts, zunehmende Instabilität der Hänge und schrumpfende Wasservorräte für die Sommermonate.
Marmolada: Gletscher immer fragiler
Die Marmolada steht für Legambiente, gemeinsam mit Adamello und Mont Blanc, sinnbildlich für die Verletzlichkeit des Alpenbogens. Angetrieben von den Hitzeperioden der vergangenen Wochen verliert der Gletscher weiter Masse.
Das Eis wirkt inzwischen grau und ist tief von Schmelzwasserrinnen zerfurcht, während sein Rand sich immer weiter zurückzieht. Das Bild macht eine Entwicklung sichtbar, die Jahr für Jahr das Gesicht der Berge verändert.
Die Klimadaten zeichnen ein besonders kritisches Szenario. In Venetien lagen die Temperaturen im Juni 2026 mehr als drei Grad über dem Mittel der Jahre 1991 bis 2020. Im Juli war die Hitze vor allem in der Höhe außergewöhnlich, die Nullgradgrenze stieg über 4.000 Meter.
Permafrost taut, Hänge werden instabiler
Besorgniserregend ist nicht nur der Eisverlust. Die Erwärmung in großen Höhen betrifft auch den Permafrost, also Böden, die über sehr lange Zeit gefroren bleiben und zur Stabilität der Hänge beitragen.
Am Piz Boè hat nach dem Arpav-Bericht mit Stand 31. Juli die aktive Schicht inzwischen mehr als sieben Komma vier Meter Tiefe erreicht. Die Zahl beschreibt nicht direkt die Lage in den Dolomiten der Provinz Belluno, für Legambiente ist sie aber ein wichtiges Signal für ein Phänomen, das breiter überwacht werden sollte.
Die Organisation fordert deshalb, die Kontrolle auch auf die Gruppen Pelmo, Antelao, Sorapiss, Civetta und Tofane auszuweiten, gerade mit Blick auf die jüngsten Felsabbrüche an der nordwestlichen Wand des Pelmo.
Die Provinz Belluno muss nach den von Legambiente genannten Daten jedes Jahr mit 150 bis 200 Felsstürzen und Rutschungen umgehen. Die Zahl zeigt, unter welcher Belastung die Berghänge stehen.
Auch Wasser wird zum Problem
Die Gletscherkrise betrifft nicht nur die Berge. Der Rückzug des Eises dürfte auch die Verfügbarkeit von Wasser in den Sommermonaten beeinträchtigen und Grundwasservorräte sowie Speicherbecken treffen.
Betroffen sind auch die Alpenhütten. Wasser in Hochlagen, erklärt Legambiente, ist keine automatisch verfügbare Ressource mehr. Deshalb haben die Provinz Belluno und der Cai Veneto ein spezielles Protokoll gestartet, um die Wasserversorgung in den Hütten zu sichern.
Es ist einer der weniger sichtbaren, aber sehr konkreten Effekte des sich wandelnden Alpenklimas: Die Berge verändern sich, und mit ihnen ändern sich auch die Bedingungen für Menschen, die dort leben, unterwegs sind und arbeiten.
„Die Dolomiten sind keine Postkartenkulisse“
Angesichts dieser Lage fordert Legambiente Veneto die Region Venetien auf, die regionale Strategie zur Anpassung an den Klimawandel zügig zu verabschieden. Sie wurde 2021 angestoßen, steht aber noch vor dem Abschluss.
„Die Dolomiten Venetiens sind keine Postkartenkulisse, sondern ein lebendiges System, das sich schneller verändert, als die öffentliche Planung Schritt halten kann“, betont Fabio Tullio, Sprecher der Carovana dei Ghiacciai für das Veneto.
Die Botschaft der Kampagne ist klar: Es reicht nicht, dem verschwindenden Eis nur zuzusehen. Behörden und Gemeinden sollen die Hänge überwachen, die Folgen für die Wasserverfügbarkeit abschätzen und die Berge auf ein Klima vorbereiten, das sich bereits verändert.
Die Marmolada ist in diesem Sinn weit mehr als ein Gletscher, der sich zurückzieht. Sie steht für eines der deutlichsten Warnzeichen, wie schnell sich die Umwelt im Alpenraum verändert.