In der Nordsee werden Tintenfische immer häufiger. Fischer holen zunehmend Kalmare und Kraken aus dem Wasser – eine Entwicklung, die eng mit der Erwärmung der Meere zusammenhängen könnte.
Wer an die Nordsee denkt, denkt an Krabben, Schollen oder Kabeljau. Doch das Bild verändert sich: Tintenfische breiten sich dort zunehmend aus. Forscher beobachten, dass mehrere Arten heute dauerhaft in der Nordsee vorkommen, die dort früher lediglich als gelegentliche Besucher auftauchten.
Nordsee wird zum Lebensraum für Tintenfische
Eine wichtige Rolle spielt die steigende Wassertemperatur. Tintenfische haben vergleichsweise kurze Lebenszyklen und können sich dadurch schnell an veränderte Umweltbedingungen anpassen. Nach Angaben des Thünen-Instituts haben sich verschiedene Arten in den vergangenen Jahrzehnten räumlich ausgebreitet. Das Thünen-Institut ist eine deutsche Bundesforschungseinrichtung, die unter anderem zu Landwirtschaft, Wald, Fischerei und Meeren forscht und die Bundesregierung wissenschaftlich berät.
Nach Aussagen des Instituts pflanzen sich einige Kalmare inzwischen in der Nordsee fort und bilden dort eigene Bestände.
Arten wie der Kurzflossen-Kalmar Illex coindetii waren vor rund 100 Jahren noch seltene Irrgäste. Heute leben sie dauerhaft in der Nordsee und pflanzen sich dort fort.
Das passt zu einer grundlegenden Veränderung in dem Gewässer: 2025 war das wärmste Jahr seit Beginn der BSH-Messungen, den Messungen des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie, im Jahr 1969. Die mittlere Oberflächentemperatur lag bei 11,6 Grad und damit rund 0,9 Grad über dem langjährigen Mittel.
Auch der Sommer 2025 war außergewöhnlich warm: Mit durchschnittlich 15,7 Grad war er der wärmste Nordsee-Sommer seit Beginn der Messungen. In Teilen der westlichen und südwestlichen Nordsee lagen die Temperaturen zeitweise mehr als zwei Grad über dem langjährigen Mittel. Für den diesjährigen Sommer liegen die offiziellen Daten noch nicht abschließend vor, aber es ist mit einer Fortsetzung der hohen Temperaturmessungen zu rechnen.
Mehr Tintenfische, weniger klassische Nordseearten?
Die Veränderungen betreffen nicht nur die Tintenfische. Wenn sich das Wasser erwärmt, geraten kältebedürftige Arten wie der Kabeljau unter Druck und verlagern ihre Verbreitungsgebiete. Gleichzeitig verändern die Kalmare das Nahrungsnetz: Die gefräßigen Räuber machen Jagd auf Fische wie Hering, Sprotten, Wittling und auch Kabeljau.
Forscher untersuchen deshalb, inwiefern die wachsenden Kalmarbestände Auswirkungen auf wirtschaftlich wichtige Fischarten haben.
Nicht nur Kalmare profitieren von der wärmeren Nordsee: Auch Kraken werden zunehmend beobachtet und gefangen. Aktuelle Berichte aus 2026 sprechen von deutlich mehr Kraken in der südlichen Nordsee, insbesondere vor Belgien. Dort berichten Fischer von teilweise großen Fängen.
Im deutschen Wattenmeer war ein lebender Zirrenkrake (Eledone cirrhosa) noch 2017 eine Besonderheit.
Heute ist der Zirrenkrake zwar weiterhin selten im deutschen Wattenmeer, aber nicht mehr völlig unbekannt: Der BeachExplorer, eine wissenschaftlich betreute Online-Datenbank, in der Funde von Tieren, Pflanzen und anderen Organismen an den Küsten von Nord- und Ostsee dokumentiert werden, beschreibt die Art als "in der Nordsee verbreitet", mit einzelnen Funden an der Wattenmeerküste.
Der wichtigste Unterschied: Kalmare haben zehn Arme, Kraken acht – außerdem besitzen Kalmare einen länglichen Körper mit Flossen und einen inneren Schulp, während Kraken einen runden Körper ohne Flossen und ohne Schulp haben.
Ein Schulp ist eine harte, kalkhaltige oder hornartige Stützstruktur im Inneren eines Tintenfischkörpers. Er gibt dem Tier Stabilität und hilft ihm, seine Körperform zu halten.
Fischer entdecken einen neuen Wirtschaftszweig
Die Kalmarfischerei ist inzwischen eine der bedeutenderen Tintenfischfischereien im Nordostatlantik. Weil sich traditionelle Fischbestände verändern und Fangmöglichkeiten für andere Arten eingeschränkt wurden, suchen Fischer nach neuen Einnahmequellen.
Nach Angaben des Thünen-Instituts haben sich die Tintenfisch-Anlandungen in der Nordsee innerhalb von rund 40 Jahren etwa verdreifacht. Inzwischen werden jährlich bis zu 3.000 Tonnen angelandet.
Konkrete Fangquoten gibt es derzeit für die Nordsee-Kalmare noch nicht, an den wissenschaftlichen Grundlagen für eine solche Regulierung wird noch gearbeitet.
Gleichzeitig gibt es ein Problem: Die Fischerei auf Tintenfische ist bislang nicht in gleicher Weise reguliert wie die auf viele klassische Nutzfischarten. Forscher arbeiten deshalb an Möglichkeiten für ein nachhaltiges Management.
Denkbar wären Fangmengen, die regelmäßig an die Entwicklung der Bestände angepasst werden, ergänzt durch Schonzeiten oder Schutzgebiete für wichtige Fortpflanzungsgebiete. Voraussetzung dafür sind bessere Daten über die Bestände und die Auswirkungen der Fischerei auf das Ökosystem.
Auch die Laichgebiete sind noch nicht ausreichend bekannt. Auf einer Forschungsfahrt wurden beispielsweise Eipakete von Kalmaren gefunden. Wo genau die Tiere in der Nordsee regelmäßig laichen und welche Gebiete besonders wichtig für ihre Fortpflanzung sind, ist noch nicht vollständig geklärt.
Keine klassische „Invasion“
Von einer "Invasion" zu sprechen, wäre allerdings nicht ganz zutreffend. Zwar nehmen Tintenfische in der Nordsee deutlich zu, doch die Entwicklung ist Teil einer größeren ökologischen Veränderung.
Die Tintenfische sind damit gewissermaßen Gewinner der sich erwärmenden Nordsee. Was heute noch ungewöhnlich erscheint, könnte in Zukunft zum normalen Bild der deutschen Küstengewässer gehören.