Der Schwerpunkt liegt auf der Stärkung der Beziehungen innerhalb der europäischen und atlantischen Allianzen sowie auf der Wiederherstellung der internationalen Glaubwürdigkeit Ungarns nach der Regierung Orbán.
In der ungarischen Außenpolitik bahnt sich ein deutlicher Kurswechsel an. Im Fokus stehen Ungarns Bündnisse, seine internationale Interessenvertretung und die Professionalisierung des Auswärtigen Dienstes.
In einem Fernsehinterview vor dem Treffen erklärte Außenministerin Anita Orbán, Ungarn habe sich in den ersten hundert Tagen der neuen Regierung wieder verstärkt auf sein Bündnissystem konzentriert. Sie nannte die Europäische Union, die NATO und die regionale Zusammenarbeit, allen voran die Visegrád-Gruppe, als wichtigste Säulen dieser Entwicklung.
Bündniszugehörigkeit allein genügt nicht
Ungarns internationales Gewicht soll nicht länger von der Häufigkeit von Konflikten oder spektakulären Aktionen abhängen, sondern von seiner Fähigkeit, sich aktiv an Entscheidungsprozessen innerhalb von Bündnissystemen zu beteiligen.
Die Mitgliedschaft in der EU oder NATO allein bedeutet nicht automatisch Einfluss: Für eine wirksame Interessenvertretung braucht es nach Angaben Budapests Vertrauen, Berechenbarkeit, funktionierende Beziehungen und Partner, die Ungarn in informelle Verhandlungen einbeziehen.
Laut Anita Orbán (nicht verwandt mit dem bisherigen Regierungschef) wurden ungarische Vertreter in der Vergangenheit zu bestimmten Verhandlungen gar nicht erst eingeladen, weil die anderen Teilnehmer versuchten, auf anderem Wege eine Einigung zu erzielen. Wenn ein Land regelmäßig sein Veto einlegt oder in jeder Frage einen eigenen Weg verfolgt, werden seine Partner schließlich Formen der Zusammenarbeit finden, die es ihnen ermöglichen, die Gegenseite zu überstimmen, so die Außenministerin.
EU, NATO und Visegrád
Die Rolle der Europäischen Union in der ungarischen Außenpolitik reicht weit über EU-Subventionen hinaus. Der Binnenmarkt, das Investitionsklima, Rechtssicherheit, die Energiekooperation und europäische Industriepolitik beeinflussen die Chancen der ungarischen Wirtschaft ganz direkt.
Die Wiederherstellung des Vertrauens ist daher nicht nur von diplomatischer, sondern auch von finanzieller und wirtschaftlicher Bedeutung. Berechenbarere Beziehungen zu Europa können die Verhandlungsposition verbessern, das Vertrauen der Investoren stärken und die Beteiligung an für Ungarn wichtigen gemeinsamen Programmen erleichtern.
Im Falle der NATO liegt der Fokus auf glaubwürdigem Bündnisverhalten, Informationssicherheit, Verteidigungszusammenarbeit und der Stärkung des politischen Vertrauens innerhalb des Bündnisses. Aufgrund der geografischen Lage Ungarns, des Ukraine-Krieges und der Sicherheitslage auf dem Balkan ist es für Budapest besonders wichtig, nicht nur formell, sondern auch politisch als verlässlicher Akteur wahrgenommen zu werden.
Es wurden mehrere Personalveränderungen angekündigt. So wird es einen Wechsel an der Spitze der ungarischen Vertretungen in Paris, Peking, Warschau und Dutzenden weiteren Städten geben.
Die Rolle der Visegrád-Gruppe
Die Wertschätzung der Visegrád-Gruppe (V4) zeigt, dass die Vertretung regionaler Interessen nach Ansicht der neuen außenpolitischen Führung effektiver sein kann, wenn Ungarn nicht allein, sondern gemeinsam mit Polen, Tschechien und der Slowakei nach gemeinsamen Positionen sucht.
Auch die wirtschaftliche Bedeutung der vier Länder darf nicht unterschätzt werden: Ungarn, Polen, Tschechien und die Slowakei stellen zusammen rund 14 Prozent der EU-Bevölkerung und erwirtschaften etwa 8 bis 8,5 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung der Union. Ihr koordiniertes Vorgehen kann ihnen daher in bestimmten Fragen deutlich mehr Gewicht verleihen, als es ihnen einzeln möglich wäre.