Neue Vorgaben in Russland zwingen Mediziner vor Studienbeginn zu Jobs in Provinzkliniken. An Spitzenunis bleiben trotzdem 1500 Ausbildungsplätze frei.
Russlands größte medizinische Hochschulen finden trotz Rekordzahlen bei den Bewerbungen keine Interessenten für Hunderte von Facharztstellen. Neue Regeln verpflichten Absolventen, bereits vorab Arbeitsverträge mit Regionalkliniken zu unterschreiben – und schrecken viele ab.
Landesweit sind rund 1.500 Ausbildungsplätze für Assistenzärzte an großen Universitäten unbesetzt, berichtet das russische Bildungsportal Mel.
Die Pirogov-Universität in Moskau konnte 289 Plätze nicht vergeben, der Sechenow-Universität fehlten 211. Betroffen sind besonders gefragte Fachrichtungen wie Anästhesiologie, Intensivmedizin, Chirurgie und Onkologie.
Im selben Bewerbungszyklus gingen an den Hochschulen des Gesundheitsministeriums mehr als 591.000 Bewerbungen für staatlich finanzierte Plätze ein. Das waren 26 % mehr als ein Jahr zuvor. Im Durchschnitt kamen 19 Bewerber auf einen Studienplatz.
Die Lücke ist eine direkte Folge von Reformen in der medizinischen Ausbildung, die am ersten März in Kraft traten. Seitdem werden alle staatlich finanzierten Facharztplätze gezielt nach regionalem Bedarf vergeben.
Studierende müssen schon vor Beginn der Weiterbildung Verträge mit ihrem künftigen Arbeitgeber unterschreiben. Sie verpflichten sich, nach dem Abschluss zwischen eineinhalb und drei Jahren in Einrichtungen des Systems der obligatorischen Krankenversicherung zu arbeiten.
Wer die Verpflichtung nicht einhält, muss die kompletten Ausbildungskosten zurückzahlen, außerdem eine Vertragsstrafe in doppelter Höhe leisten und alle während des Studiums erhaltenen Stipendien erstatten.
Wer vor der Einschreibung keinen Arbeitgeber findet, der den Platz finanziert, riskiert exmatrikuliert zu werden oder in ein kostenpflichtiges Programm wechseln zu müssen.
Sibirien: Kaum Nachwuchs für Kliniken
Fachleute sehen das Grundproblem darin, dass junge Ärzte sich ungern auf Stellen in Landkrankenhäusern oder kleinen Städten festlegen. Dort liegen Löhne, Arbeitsbedingungen und Lebensstandard deutlich unter denen in Moskau und anderen Großstädten.
Die am stärksten unterversorgten Regionen liegen in Sibirien und im Fernen Osten Russlands, wo die Entfernungen riesig und die Bedingungen extrem sind.
Sibirien nimmt rund 77 % der Fläche Russlands ein, dort leben jedoch nur etwa 36 Millionen Menschen. Die meisten konzentrieren sich in Städten entlang der Transsibirischen Eisenbahn. In weiten Teilen der Region fallen die Wintertemperaturen regelmäßig unter –40 °C.
Eine Studie der Staatlichen Medizinischen Universität Krasnojarsk zeigt, dass die geringe Bevölkerungsdichte und das harte Klima die Hauptgründe sind, warum Absolventen Stellen in ländlichen Gebieten meiden.
Im russischen Fernen Osten sind die Engpässe besonders drastisch. Auf der Halbinsel Kamtschatka mit mehr als 300.000 Einwohnern an der Pazifikküste berichten Ärzte, dass sie gleichzeitig mehrere Krankenhausabteilungen abdecken müssen.
Während der COVID‑19‑Pandemie starben in der Region fünf Ärzte an dem Virus. Für ein Gebiet dieser Größe sei das verheerend gewesen, sagen lokale Mediziner.
Ähnliche Zustände sind aus Jakutien und dem Gebiet Chabarowsk belegt. Viele Krankenhäuser arbeiten dort dauerhaft ohne spezialisierte Fachärzte, die in städtischen Kliniken selbstverständlich zur Verfügung stehen.
Sowjetische Vergangenheit klingt nach
Im neuen Zielsystem werden die Plätze nach Auftraggeber, Fachrichtung, Hochschule und Zielregion verteilt. Je genauer das Angebot den Bedarf einer Region abbildet, desto weniger Bewerber finden sich für manche dieser Plätze.
In diesem Jahr wurden über 83.000 solcher Zielplätze in der Hochschulbildung vergeben, ein großer Teil davon in der Medizin.
Das System erinnert an die verpflichtende Einsatzplanung aus Sowjetzeiten, die wiederum auf Regelungen zurückgeht, die bis in die Ära Peter des Großen reichen.
Im sowjetischen Modell meldeten Betriebe und Ministerien ihren Bedarf an Fachkräften an die Universitäten. Die Absolventen erhielten anschließend Pflichtposten, die sie bis zu drei Jahre lang antreten mussten.
Ein zentraler Unterschied: Die sowjetische Zuteilung war in eine umfassende zentrale Arbeitskräfteplanung eingebettet, die Beschäftigung in der gesamten Wirtschaft garantierte.
Auch das sowjetische System war anfällig für Missbrauch. Spitzenabsolventen und Kinder von Parteifunktionären erhielten bevorzugt begehrte Stellen, andere wurden in abgelegene Regionen geschickt. Die Macht, die Funktionäre über die Karrierewege junger Fachkräfte hatten, begünstigte weitreichende Korruption.