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Generation Dauerkrise: Zwischen Kriegsangst, Doomscrolling und TikTok

Menschen ruhen sich in einer U-Bahn-Station aus, die als Luftschutzbunker dient, während eines russischen Drohnenangriffs in Kyjiw, Ukraine, 6. Juni 2025.
Menschen ruhen sich in einer U-Bahn-Station aus, die als Luftschutzbunker dient, während eines russischen Drohnenangriffs in Kyjiw, Ukraine, 6. Juni 2025. Copyright  AP Photo/Dan Bashakov
Copyright AP Photo/Dan Bashakov
Von Johanna Urbancik
Zuerst veröffentlicht am
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Krieg, Krisen und Unsicherheit gehören für viele junge Menschen längst zum Alltag – auch weil sie ihnen ständig in den sozialen Medien begegnen. Influencer wie David Matei werden dabei als Quelle für Sicherheitspolitik wichtiger.

"Ich bin auf jeden Fall nicht ready for Krieg und ich hab echt Angst", sagt eine TikTok-Nutzerin in einem Video. Ein anderer erzählt, dass er vor über zehn Jahren noch dachte, es könne "niemals wieder zu einem Weltkrieg kommen". "Ja, ich lag falsch", sagt er heute. "Ich habe Angst vor Krieg, ich habe Angst vor dem, was kommt. Ich fühl mich ein bisschen machtlos", sagt eine weitere junge Frau in einem Video an ihre Follower.

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81 Prozent der 12- bis 25-Jährigen in Deutschland nennen die Angst vor einem Krieg in Europa als Sorge, zeigt die Shell-Jugendstudie aus dem Jahr 2024. Seitdem hat sich die Sicherheitslage in Europa weiter verschärft: durch hybride Angriffe, Sabotage und immer wieder Drohungen aus Moskau, dass im Falle einer weiteren Eskalation auch NATO-Ziele angegriffen werden könnten.

"Provozieren wir damit nicht?"

Diese Angst bekommt auch David Matei, Influencer und Hauptmann der Reserve der Bundeswehr, mit. Matei erreicht über seine Social-Media-Kanäle ein Millionenpublikum. Er hat bereits Videos mit Ministern, darunter Außenminister Johann Wadephul (CDU), sowie mit dem Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz, Sinan Selen, veröffentlicht. Sein Ziel: Sicherheitspolitik verständlich und für jeden zugänglich zu machen.

Im Gespräch mit Euronews erzählt er von einem Podcast-Auftritt, bei dem es eigentlich gar nicht um Sicherheitspolitik ging. Trotzdem sei er dort auf den versuchten Drohnenangriff in Leipzig angesprochen worden.

Trotzdem habe er dort gemerkt, welche Rolle die Angst vor Krieg spielt. Als es um den Drohnenangriff in Leipzig und die Reaktion Deutschlands darauf ging, wurde er gefragt: "Provozieren wir damit nicht? Stacheln wir damit nicht irgendwie was an?" Und: "Ich habe Angst, dass der Krieg ausbricht, wenn wir jetzt darauf reagieren."

Kriminaltechniker bereiten am 5. August 2026 am Flughafen Leipzig/Halle den Einsatz eines Sprengstoffroboters nahe einem ukrainischen Flugzeug vor
Kriminaltechniker bereiten am 5. August 2026 am Flughafen Leipzig/Halle den Einsatz eines Sprengstoffroboters nahe einem ukrainischen Flugzeug vor Hendrik Schmidt/dpa via AP

Auf solche Ängste versucht Matei mit einer anderen Perspektive zu reagieren. Wenn junge Menschen sagen: "Wir dürfen nichts machen, weil sonst droht er uns ja mit Krieg", erklärt er ihnen das Prinzip der Abschreckung. Stärke, sagt er, könne auch dabei helfen, einen Krieg zu verhindern. "Und dann diese Türen oder diesen Gedanken neu zu öffnen, da erlebe ich dann ganz oft Aha-Momente bei den Menschen", erzählt er.

"Es ist nochmal eine neue Brille, die ich ihnen anbiete", so Matei, der erklärt, dass er diese Erfahrungen sowohl in den Kommentaren, den persönlichen Nachrichten oder im echten Leben macht.

"So ganz grundsätzlich würde ich sagen: Es gibt Leute jetzt rechts und links, die schon ziemlich festgefahren sind mit ihrer Meinung. Da kann der Reisepass von Putin persönlich in Leipzig liegen bleiben. Und dann gibt es aber meiner Wahrnehmung nach noch eine ganz große schweigende Mehrheit dazwischen, die sich noch nicht so einig ist und die man noch irgendwie erreichen kann mit dem Thema und die halt wirklich schaut: Was wird jetzt berichtet? Die vertrauen dann auch den deutschen Behörden und schauen, was die Generalbundesanwalt dann sagt."

David Matei und Außenminister Johann Wadephul (CDU).
David Matei und Außenminister Johann Wadephul (CDU). Thomas Trutschel

Wenn Wut und Angst Reichweite bringt

Apps wie TikTok dient für junge Menschen dabei längst nicht mehr nur der Unterhaltung. Laut der Jugendstudie "TikTok ungeschminkt" Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel (IKW) nutzen rund 43 Prozent der 16- bis 24-Jährigen die Videoapp gezielt als Suchmaschine, also als Google-Ersatz. Gesucht wird dort nach ganz unterschiedlichen Dingen – von Restaurants und Produkten bis hin zu Nachrichten.

Eine Studie von Bösch und Divon zu TikTok und dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zeigt zudem, wie sich der persönliche "For You"-Feed durch das Verhalten der Nutzer verändern kann. Die Autoren beobachteten, dass nach gezielter Interaktion mit Videos zum Ukraine-Krieg zunehmend ähnliche Inhalte im personalisierten Feed auftauchten.

Auch eine 2026 veröffentlichte Studie in der Fachzeitschrift EPJ Data Science kommt zu dem Ergebnis, dass polarisierende Inhalte auf TikTok besonders viel Aufmerksamkeit bekommen. Dafür untersuchten die Forschenden 25.292 Videos deutscher Politiker, Parteien und Fraktionen aus dem Bundestagswahlkampf 2025. Videos mit negativen Emotionen wie Wut und Ekel oder Angriffen auf andere Gruppen erzielten mehr Engagement als positivere und verbindende Inhalte.

Durch Smartphones, Social Media und die ständige Verfügbarkeit von Nachrichten hat sich die Art verändert, wie junge Menschen mit Krisen konfrontiert werden. Nachrichten sind jederzeit auf dem eigenen Bildschirm verfügbar. Eine Studie des Leibniz-Instituts für Medienforschung zeigt etwa, wie junge Menschen auf TikTok und Instagram mit Bildern, Videos und Informationen zum Krieg konfrontiert werden. Durch ständig neue Inhalte und die Möglichkeit, endlos weiterzuscrollen, kann die Auseinandersetzung mit negativen Nachrichten zudem Unsicherheit und Ängste verstärken.

"Das neue Normal"

Hinzu kommt, dass das politische Interesse junger Menschen heute so hoch ist wie seit Beginn der 2000er-Jahre nicht mehr: Laut einem Bericht der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) bezeichneten sich 2024 50 Prozent der 12- bis 25-Jährigen als politisch interessiert. 2002 waren es noch 30 Prozent.

Auch Matei beobachtet diese Veränderung. Früher seien Krisen wie den Ebola Virus oder die Rinderkrankheit BSE eher über die Zeitung der Eltern oder die "Tagesschau um 20 Uhr" gekommen. Heute hätten junge Menschen ihr Handy ständig dabei. "Jetzt werden die halt die ganze Zeit damit bombardiert und können gar nicht mehr anders, als damit konfrontiert zu werden", sagt Matei. Für ihn wird die Krise dadurch "das neue Normal."

"Und das führt dann, finde ich, einerseits – ich weiß nicht, ob es Resignation ist oder ob es eine Übersättigung ist –, aber es ist auf jeden Fall nicht mehr so einschlagend", so Matei. "Wenn jetzt irgendwo auf der Welt, keine Ahnung, im Nahostkonflikt oder in einem anderen Krieg etwas passiert, heißt es mittlerweile: 'Ah ja, okay, da greift er halt an. Ja, okay.' Es ist nichts besonderes mehr. Das normalisiert sich so."

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