Sicherheitskräfte vor Synagogen, jüdische Symbole die nicht offen getragen werden können, Gewalt: Juden werden in Deutschland ausgegrenzt und bedroht. Eine neue Studie zeichnet ein Bild dieses Alltags und spricht von einer "neuen antisemitischen Normalität".
Am 7. Oktober 2023 hat die Terrormiliz Hamas Israel überfallen und dabei über 1.200 Menschen getötet und 251 entführt. Der Angriff wurde als Terrorakt gegen Israel eingestuft. Doch statt Solidarität erfahren Israelis in Deutschland aber auch jüdische Deutsche das Gegenteil.
Nicht nur das Israel-Bild in Deutschland hat sich verändert, auch Misstrauen und Ausgrenzung gegenüber jüdischen Communities hält einer aktuellen Studie zufolge an.
"Wer offen zugibt, jüdisch zu sein oder aus Israel zu kommen, riskiert existenzielle Konsequenzen", sagte Ferda Ataman, Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung. Die Konsequenzen reichen "von der Benachteiligung bei der Wohnungs- und Arbeitssuche über Verweigerung der Bedienung im Restaurant bis hin zu Mobbing in Kita und Klassenzimmer".
Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hatte nach dem Terrorangriff eine Studie gefördert, die sich mit den Auswirkungen des Anschlags am 7. Oktober auf jüdische und israelische Communities in Deutschland beschäftigt.
"Jüdinnen und Juden müssen besser vor Diskriminierung im Alltag geschützt werden", macht die Bundesbeauftrage Ataman deutlich. Wer jüdisches Leben in Deutschland wirklich schützen wolle, müsse auch die Rechte von Jüdinnen und Juden stärken, wenn sie sich gegen Diskriminierung wehren, sagte sie weiter und prangerte eine "große Schutzlücke in der Gesetzgebung" bei Diskriminierung an Schulen und Hochschulen an.
"Neue antisemitische Normalität"
In der Studie wurden 118 Personen in Interviews und Gruppendiskussionen befragt. Sie berichteten den Ergebnissen zufolge von weggebrochenem Vertrauen, von Ausgrenzung und Diskriminierung um Alltag.
Auch Räume, die einem zuvor sicher erschienen, seien dies nur noch bedingt. "Zum Beispiel, wenn ein Arzt eine Patientin zu politischen Bekenntnissen drängt, oder die Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz auf Distanz gehen", heißt es in der Mitteilung zur Studie der Antidiskriminierungsstelle. Betroffene erzählen von Situationen bei Therapeuten, Zahnärzten und Frauenärzten.
In Bus und Bahn würden Juden und Jüdinnen den Auswertungen zufolge auf das Nutzen von Hebräisch verzichten. Einzelne meiden öffentliche Verkehrsmittel seit dem 7. Oktober vollständig. Eine Studienteilnehmerin sei während eines hebräischen Telefonats beschimpft worden. Eine Mutter schildert, zweimal mit ihrem Sohn am Bahnsteig angefeindet worden zu sein. Seitdem trage sie Pfefferspray bei sich.
"Der 7. Oktober wirkt für die Studienteilnehmenden als ein 'Einbruch' in ihr Leben – sowohl durch die Überwältigung angesichts der entfesselten Gewalt der Massaker als auch durch den Bruch in der Gewissheit, Teil einer Gesellschaft zu sein, die trägt und Schutz bietet", erklären die Studienleiterinnen Marina Chervinsky und Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai.
Die antisemitische Mobilisierung und die gesellschaftlichen Reaktionen darauf hätten die soziale Atmosphäre und damit auch die Sicherheitslage der jüdischen und israelischen Community nachhaltig verändert.
Auch Kinder erfahren Ausgrenzung und Hass
Selbst Kinder in Kitas und Grundschulen sowie Jugendliche würden Hass erfahren. Sie seien oftmals unfreiwillig in eine "Erklärrolle" gedrängt worden oder müssten sich für die eigene Herkunft oder Identität rechtfertigen. Die jungen Menschen berichten von psychischer Belastung, verstärkten Sicherheitsabwägungen und sozialem Rückzug.
Die Teilnehmer der Studie würden ihr eigens Umfeld als teils passiv, teils übergriffig erfahren. Letzten Endes würde sich das auch auf die gesellschaftliche Teilhabe auswirken.
So erzählte eine betroffene 16-Jährige im Rahmen der Studienauswertung, dass ein Zettel mit Hakenkreuz in ihr Kunstprojekt gelegt wurde. Den Vorfall meldete sie der Schulleitung, nach ihrer Schilderung geschah daraufhin allerdings nichts weiter.
Auch in Bezug auf Hochschulen berichten betroffene Studierende von Inaktivität. So würden antisemitische Schmierereien lange nicht entfernt werden, Plakate mit Bildern der Geiseln, die erst im Oktober 2025 wieder freigelassen wurden, abgerissen und antisemitische Sprache verwendet werden. Studierende sprechen von einem Gefühl der Unsichtbarkeit.
Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023
Die Terrororganisation Hamas hat am 7. Oktober 2023 einen Terrorangriff gegen Israel durchgeführt, der im Vorhinein geplant worden ist. Dabei wurden mehr als 1.200 Menschen ermordet und 251 Menschen als Geiseln verschleppt.
Im Mittelpunkt des Angriffs stand das berühmte Nova Music Festival. Rund 4.000 Menschen feierten bis in die Morgenstunden, als die Musik um 6.29 plötzlich verstummte und nur noch Raketen zu hören waren.
"Immer mehr Raketen flogen über den Himmel, mehr als sonst, Dutzende", erinnert sich Roey Dray, er war mit einer großen Freundesgruppe und seinem Bruder bei dem Festival und hat überlebt.
Das Ausmaß dieses Angriffs verstand Roey erst, als alles bereits ganz nah war. "Für mich stand es außer Frage. Wir kommen lebend nach Hause, einen anderen Weg gibt es nicht", erklärte der Überlebende Euronews bei einer Ausstellung im Jahr 2025.
Drei Freunde des 28-Jährigen haben es nicht geschafft. Sie wurden auf dem Festival von der Hamas getötet. "Ich hatte eine Verantwortung gegenüber den Familien meiner Freunde, denn ich musste ihnen erzählen, wie ich hierher gekommen bin, und dass ihre Söhne, mit denen ich auf dem Festival war, nicht mehr da sind." Es war eine schwere Zeit für Roey.
Roey kommt immer wieder - alle zwei Monate - an den Ort des Festivals zurück, sieht sich das Gelände an und wie sich der Raum verändert hat, erzählte er Euronews weiter. Von einem Festival ist kaum noch etwas zu sehen, es sei "eher eine Art Touristenattraktion geworden".
Für ihn ist der Ort jedoch derselbe geblieben. "Ich weiß, wo wir unsere Zelte aufgeschlagen hatten, ich weiß, wo die Tanzfläche war, ich weiß, wo die Toiletten waren, ich kann es immer noch vor mir sehen, wenn ich dort bin." Den Menschen vor Ort erzählt er von seinen Erlebnissen.