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Ohne Chip kein Internet, Handy oder Auto: Deutschland will mehr Chips produzieren

Mikrochips müssen unter besonderen Bedingungen hergestellt werden. Ein neuer Reinraum dafür soll in Erfurt entstehen.
Mikrochips müssen unter besonderen Bedingungen hergestellt werden. Ein neuer Reinraum dafür soll in Erfurt entstehen. -  Copyright  AP Photo
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Von Franziska Müller
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Speicher ist teuer geworden. Denn die Basis dafür, Mikrochips, ist mit der Digitalisierung und dem Aufschwung von Künstlicher Intelligenz (KI) Mangelware geworden. Deutschland investiert und holt die Produktion mit einem Millionen-Paket nach Erfurt.

In Erfurt entsteht für bis zu 400 Millionen Euro eine neue Halbleiterfabrik, Halbleiter ist das Material, aus dem Chips hergestellt werden. Der Bund und Thüringen fördern das Projekt mit 127,4 Millionen Euro. Ende 2028 soll die Produktion beginnen. Es entstehen 100 Arbeitsplätze und es geht um mehr als Chips: Deutschland und Europa wollen bei einer Schlüsseltechnologie unabhängiger von anderen Weltregionen werden. Dafür hat Europa eigens eine Chip-Strategie entwickelt.

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Ohne Mikrochips funktioniert heute kaum noch etwas: kein Smartphone, kein Auto, kein modernes Stromnetz. Kein Internet, keine Armee, keine Waschmaschine und auch keine. Künstliche Intelligenz.

Gleichzeitig sind bestimmte Halbleiter derzeit knapp. Vor allem Speicherchips werden durch den Boom bei Künstlicher Intelligenz stark nachgefragt. Der globale Halbleitermarkt könnte 2026 nach Berechnungen des Branchenverbands World Semiconductor Trade Statistics (WSTS) auf rund 1,65 Billionen US-Dollar wachsen. Deutschland und die EU wollen deshalb die eigene Produktion ausbauen.

In Erfurt entsteht ein neuer Reinraum

Auf dem Gelände von X-FAB in Erfurt hat Anfang Oktober der Bau einer neuen Halbleiterfabrik begonnen. Für das Projekt "Fab4Micro" wird ein neuer Reinraum errichtet: eine Produktionsumgebung, in der die Belastung der Luft durch Staub und anderen Verunreinigungen besonders klein sein soll. Schwebstoffe, Staub, Aerosole und Mikrooganismen müssen auf ein strenges Minimum reduziert sein.

So sieht der Reinraum für Fotolithografie des Micron Technology Werks in Virginia (USA) aus.
So sieht der Reinraum für Fotolithografie des Micron Technology Werks in Virginia (USA) aus. AP Photo

X-FAB investiert nach eigenen Angaben rund 300 bis 400 Millionen Euro in den Ausbau. Der Landesregierung zufolge unterstützten Bund und das Land Thüringen die Investition in eine weitere Chipfabrik in Erfurt mit einer staatlichen Finanzspritze von insgesamt 127,4 Millionen Euro. Das teilt sich nach Angaben der Unternehmenssprecherin in 80,3 Millionen Euro vom Bund und 47,1 Millionen Euro vom Bundesland Thüringen auf. Die Europäische Kommission hatte die staatliche Beihilfe bereits Ende 2025 genehmigt.

Spezialisierte Systeme für Autos und Medizin

Das Projekt von X-FAB konzentriert sich auf sogenannte MEMS, hochintegrierte Mikrosysteme und Photonik. Dabei handelt es sich um spezialisierte Halbleiterlösungen, die beispielsweise in Autos, Smartphones, Medizintechnik, Rechenzentren und optischen Systemen eingesetzt werden können. Das Unternehmen produziert diese spezialisierten Halbleiter im Auftrag von Kunden.

Ende 2028 soll die neue Fabrik die Produktion aufnehmen. Denn der Bedarf übersteigt die bisherigen Kapazitäten der X-Fab MEMS Foundry GmbH für Mikrosysteme. Aufgrund der hohen Nachfrage sei diese weitgehend ausgelastet.

MEMS sind mikroelektromechanische Systeme. Auf kleinstem Raum verbinden sie elektronische und mechanische Funktionen und können beispielsweise als Sensoren eingesetzt werden.

In der neuen Fabrik sollen außerdem elektronische und optische Funktionen miteinander verbunden werden. Solche photonischen (Licht nutzenden) und heterogen integrierten (aus verschiedenen Komponenten zusammengesetzen) Systeme können beispielsweise für Rechenzentren und optische Datenübertragung eingesetzt werden.

Warum investiert Deutschland ausgerechnet hier so viel Geld?

Kaum eine moderne Technologie kommt heutzutage noch ohne Halbleiter aus. Sie sind von strategischer Bedeutung. Die Chips stecken in Autos, Kommunikationsnetzen, Medizintechnik, Stromversorgung, Maschinen und Verteidigungssystemen. 91 Prozent von befragten Unternehmen setzen Halbleiter ein, so eine Studie des Digitalverbands Bitkom aus dem Jahr 2026. Für 80 Prozent der Verwender seien Halbleiter sogar unverzichtbar.

Die EU bezeichnet Halbleiter deshalb als Grundlage praktisch aller elektronischen Produkte und als zentral für Bereiche wie Digitalisierung, Automobilindustrie, Datenverarbeitung, Raumfahrt und Verteidigung.

Die Produktion ist weltweit allerdings stark konzentriert. Europa verfügt zwar über bedeutende Unternehmen und Produktionsstandorte, bei einigen wichtigen Bereichen der Halbleiterindustrie ist der Kontinent aber auf Lieferungen aus anderen Weltregionen angewiesen. Gerade die Produktion modernster Chips wird von wenigen Unternehmen und Standorten dominiert: Taiwan unter anderem mit dem Hersteller TSMC und Südkorea.

Ausstellung in China: Ein Mann begutachtet verschiedene Chips für den Automobilmarkt. 25. April 2026
Ausstellung in China: Ein Mann begutachtet verschiedene Chips für den Automobilmarkt. 25. April 2026 AP Photo

Deutschland hingegen hat eine starke Halbleiterindustrie für Automotive-Chips, Leistungshalbleiter, Sensoren und MEMS. Doch gerade während der globalen Chipkrise Anfang 2025 hat sich besonders deutlich gezeigt: Als Lieferketten ins Stocken gerieten, mussten unter anderem Autohersteller ihre Produktion zeitweise zurückfahren.

Für die EU geht es deshalb inzwischen nicht mehr nur um Industriepolitik. Halbleiter gelten als Teil der technologischen und wirtschaftlichen Sicherheit. 2022 hat die EU das Chip-Gesetz mit drei Säulen für kurz-, mittel- und langfristige Zielen festgeschrieben.

Erfurt soll zum Spezialstandort werden

Der Konzern X-FAB will Erfurt zu einem Zentrum für Mikrosystemtechnologie innerhalb der Unternehmensgruppe entwickeln. Der Standort soll künftig eine größere Rolle bei der Fertigung hochintegrierter Systeme spielen. Denn im zweiten Quartal ist der Umsatz der X-Fab-Gruppe Unternehmensangaben zufolge um 14 Prozent im Bereich Mikrosysteme und Photonik gestiegen. Es sei der am schnellsten wachsende Unternehmensbereich.

Für Thüringen ist das auch deshalb bedeutend, weil Erfurt bereits auf eine lange Geschichte in der Mikroelektronik zurückblickt. Schon zu DDR-Zeiten wurde in der Stadt an Halbleitern gearbeitet. Heute ist Erfurt Teil eines größeren deutschen Halbleiter-Netzwerks.

X-Fab hat neben der neu entstehenden Fabrik noch weitere Werke in Deutschland, beispielsweise in Dresden. Das Unternehmen ist allerdings auch in Malaysia, Frankreich und den USA vertreten. Rund 800 der insgesamt 4.000 Beschäftigten arbeiten in Erfurt, hier befindet sich insbesondere der operative Teil. Juristisch ist die Firma in Belgien in Tessenderlo ansässig. X-Fab ist kein Massenhersteller, sondern produziert Halbleiter für spezielle Anwendungen im Auftrag von Kunden.

Vor allem Sachsen hat sich zu einem europäischen Zentrum der Branche entwickelt. In Dresden produzieren unter anderem GlobalFoundries und Infineon. Mit ESMC, einem Gemeinschaftsunternehmen von TSMC, Bosch, Infineon und NXP, entsteht dort zudem eine weitere große Chipfabrik. Deshalb hat es unter anderem den Namen "Silicon Saxony" erhalten.

Auch andere Regionen Deutschlands verfügen über spezialisierte Halbleiterunternehmen und Forschungseinrichtungen. Eine aktuelle Bitkom-Übersicht zeigt: Deutschland verfügt über ein vergleichsweise breites Halbleiter-Ökosystem – von großen Produktionsstandorten bis zu spezialisierten Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Außerdem steht Deutschland an dritter Stelle, was die Ausfuhren betrifft.

Unternehmen beziehen laut Bitkom Halbleiter von Anbietern mit Hauptsitz vor allem in den USA (72 Prozent), China (63 Prozent) und Deutschland (54 Prozent). Die tatsächliche Fertigung sei jedoch weiterhin auf wenige Regionen konzentriert, insbesondere in Ostasien.

Deutschland will nicht jeden Chip selbst herstellen

Das Ziel ist deshalb nicht, dass Deutschland oder Europa künftig jeden benötigten Chip selbst produzieren. Die Halbleiterproduktion ist international arbeitsteilig organisiert. Forschung, Chipdesign, Fertigung, Verpackung und Test können in unterschiedlichen Ländern stattfinden. Auch die Herstellung der Maschinen und Materialien für Chipfabriken hängt von internationalen Zulieferern ab.

Es geht vielmehr darum, kritische Abhängigkeiten zu verringern und mehr Alternativen zu schaffen. Das ist auch das Ziel des European Chips Act. Die EU will ihre eigene Produktions- und Innovationskapazität stärken, Lieferketten resilienter machen und strategische Abhängigkeiten reduzieren.

Dafür setzen die Europäische Union und auch ihre Mitgliedsstaaten erhebliche öffentliche Mittel ein. Ende 2025 genehmigte die EU-Kommission beispielsweise insgesamt 623 Millionen Euro staatliche Beihilfen für zwei neue Halbleiterprojekte in Deutschland: 495 Millionen Euro für den Ausbau von GlobalFoundries in Dresden und knapp 128 Millionen Euro für X-FAB in Erfurt. Die neue Fab, wie die Produktionshallen im Fachjargon genannt werden, bringt zwar zunächst begrenzte, aber strategisch wichtige Unabhängigkeit für deutsche Hersteller.

Sicherheitspolitisch soll eine eigene Produktionskapazität zumindest einen Teil der Versorgung gegen externe Störungen absichern.

Europas Chipstrategie noch nicht abgeschlossen

Die EU hat ihre Ziele für die Halbleiterindustrie hoch gesteckt. Mit dem sogenannten Chips Act soll Europa seine technologische Souveränität stärken. Die Kommission arbeitet inzwischen bereits an einem weiteren Ausbau der Strategie, um Abhängigkeiten weiter zu reduzieren und die Produktion fortschrittlicher Chips in Europa zu fördern.

Denn Taiwan, Südkorea und Japan haben bereits in der Jahrtausendwende große Kapazitäten bei den Halbleitern übernommen, China drängte ab 2005 in den Markt und baute seine Produktion insbesondere ab 2022 massiv aus.

Bis Ende des Jahrzehnts soll China laut Prognosen des Europäischen Rechnungshofs 22 Prozent der globalen Halbleiterkapazitäten einfahren, Europa lediglich acht Prozent.

Auch der Digitalverband Bitkom erwartet für 2026 keine Entspannung der Versorgungslage. 42 Prozent erwarten laut einer aktuellen Auswertung auch künftig eine kritische Versorgungslage mit gehäuften Engpässen. Durchschnittliche Lieferverzögerungen lagen 2025 bei vier Monaten.

Nach Einschätzung führender Hersteller könnte der Mangel an Speicherchips noch bis 2028 anhalten. 2024 hat es noch ein Überangebot gegeben, doch der KI-Boom hat die Situation grundlegend verändert. Laut dem Verband der Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI) ist die weltweite Nachfrage nach Elektro- und Digitaltechnik ohnehin von langfristigen Trends wie Digitalisierung, Elektrifizierung und Automatisierung geprägt. Hinzu kommen inzwischen die massiven Investitionen in KI-Infrastruktur.

"Die Branche profitiert aktuell von weltweit boomenden Investitionen in KI-Infrastruktur sowie den anhaltenden Trends hin zu mehr Elektrifizierung, Digitalisierung oder Automatisierung", sagte Dr. Andreas Gontermann, Chefsvolkswirt beim Verband der Elektro- und Digitalindustrie.

Der Digitalverband Bitkom kommt daher zu dem Schluss, dass es weiterhin Subventionen in der Branche bedarf. Auch die EU hat mit der Genehmigung von Förderungen in Millionenhöhe Bereitschaft gezeigt, in den Markt zu investieren.

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