Ich glaubte, ein Streik der Lkw‑Fahrer ginge an mir vorbei. Dann waren die Supermärkte leer und an den Tankstellen floss kein Tropfen mehr.
In der vergangenen Woche haben Lkw-Fahrer im Süden Italiens die Arbeit niedergelegt. Das hatte die gewünschte Wirkung. Sie protestierten gegen die steigenden Dieselpreise, die der US-Iran-Krieg in die Höhe treibt. Der Streik begann an einem Freitag, und schon am Mittwoch waren die Supermarktregale in unserer Gegend in Sizilien, wo ich als Ausländerin lebe, leer.
Auf der ganzen Insel und im Süden des italienischen Festlands sah es ähnlich aus. Fahrer errichteten Straßensperren, damit keine Lastwagen mehr die Lebensmittel-Lagerhäuser verlassen konnten. Auch viele Tankstellen liefen trocken. Ein Regierungsmitglied erklärte sogar, die Mafia nutze die Proteste aus, schüchtere Fahrer ein, zwinge sie zur Teilnahme und zersteche Lkw-Reifen.
Streiks gehören in Italien zum Alltag. Beschäftigte im öffentlichen Nahverkehr legen häufig wegen niedriger Löhne oder schlechter Arbeitsbedingungen die Arbeit nieder, Müllabfuhren kommen wegen Mafia-Einfluss ins Stocken. Meist bekomme ich das mit, doch betroffen war ich bislang nie. Italienische Freunde hatten mich gewarnt, dass ein Streik der Lkw-Fahrer vor 15 Jahren die Lebensmittelversorgung lahmgelegt hatte. Ich hielt das für Geschichte und glaubte, so etwas passiere nicht noch einmal. Ein Irrtum.
Supermarktvorräte reichen nur wenige Tage
In den ersten Tagen des Streiks musste ich nichts einkaufen und verfolgte die Meldungen über seine Folgen kaum. Dann merkte ich, dass mir einige wichtige Dinge fast ausgingen, etwa Milch für mein Kleinkind und Obst, auf das ich zurückgreife, wenn er sonst nichts essen will. Erst da begann ich, mir die Videos von lokalen Influencern auf sozialen Netzwerken anzusehen. Sie zeigten vollständig leere Kühlregale und Gänge in den Supermärkten meiner Stadt. Ich war skeptisch und dachte, sie seien absichtlich erst spät am Abend hingegangen, um möglichst dramatische Bilder zu bekommen.
Also machte ich mich selbst früh morgens auf den Weg zum Einkaufen. Ich fuhr zum örtlichen Lidl, zu Eurospin, einer landesweiten Billig-Supermarktkette, und zu Conad, ebenfalls landesweit, aber im mittleren Preissegment. Es gab überhaupt keine frischen Lebensmittel mehr, kein Fleisch, keinen Fisch, keine Milchprodukte und kein Obst oder Gemüse. Die meisten anderen Regale wirkten noch normal, doch mir war klar: Wenn innerhalb von ein, zwei Tagen keine neuen Lieferungen kommen, verschwinden auch Grundnahrungsmittel wie Pasta, Konserven und Putzmittel.
Es war erschreckend zu sehen, wie schnell das System, auf das wir alle für unsere Ernährung angewiesen sind, völlig zum Stillstand kommen kann. Der Protest war gut organisiert: Speditionsunternehmen, Landwirte und Ladenbesitzer störten gemeinsam, oft unterstützt von Bürgern und Studierenden, den Transport und die Auslieferung von Waren. Ziel war, die Regierung unter Druck zu setzen, damit sie eingreift.
Einkauf vor Ort wird zur einzigen Option
Ich verließ die Supermärkte und wusste nicht recht, was ich tun sollte. Auf dem Heimweg kam ich an einem Obst- und Gemüseladen vorbei, in Italien heißen sie „frutterie“. In diesem Geschäft war ich schon ein paarmal gewesen, aber nie regelmäßig. Im Supermarkt ist es einfacher, alles auf einmal zu besorgen. Ich hielt an und war erleichtert: Die Auslage war voll mit Obst und Gemüse. Ich füllte einen Korb und kam beim Bezahlen mit dem Besitzer ins Gespräch. Er erzählte, dass sie keinerlei Probleme mit der Versorgung hatten, weil lokale Bauern oder ihre Händler die Ware direkt zu seinem Laden bringen. Wo keine lange Logistikkette existiert, lässt sich auch keine Logistik lahmlegen.
Der unverhoffte Besuch in der „frutteria“ war im Rückblick der schönste Moment des Tages. Neben der Erleichterung, frische Lebensmittel gefunden zu haben, tat mir das freundliche Gespräch mit dem Inhaber gut, so etwas passiert an einer Supermarktkasse kaum. Außerdem kaufte ich Obst und Gemüse, das erst vor wenigen Tagen geerntet worden war. Es war nicht mit den Chemikalien behandelt worden, die nötig sind, damit Ware lange Lkw-Transportwege übersteht.
Wie der Streik der Lkw-Fahrer endete
Je länger der Streik dauerte, desto gravierender wurden die Folgen. Mozzarella-Käsereien verloren innerhalb von 24 Stunden 3 Millionen Euro, weil die Büffelmilch für die Produktion nicht angeliefert werden konnte. Bauunternehmen litten, da sie keine Rohstoffe mehr erhielten.
Schließlich berief die italienische Regierung eine außerordentliche Kabinettssitzung ein und beschloss neue Maßnahmen, um Lkw-Fahrer, Landwirte und Fischer bei den höheren Kraftstoffkosten zu entlasten. Die finanzielle Unterstützung für diese Gruppen steigt dadurch über Steuervergünstigungen auf insgesamt 540 Millionen Euro, nach zuvor 434 Millionen.
Vier Tage nach Aufhebung der letzten Straßensperren warte ich immer noch auf Bestellungen, die ich vor Streikbeginn aufgegeben habe. Große Unternehmen wie Vinted haben ihre Kundschaft bereits informiert, dass sie mit Verzögerungen rechnen muss.
Lebensmitteltransport elektrifizieren statt Geld in den Tank kippen
Dieser Protest und seine Folgen haben eine zentrale Ursache: unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Fast alle wichtigen Dienste, die unsere Gesellschaft am Laufen halten, wie Lieferfahrzeuge, öffentlicher Nahverkehr und Produktionsbetriebe, laufen mit Öl und Gas. Der Iran-Krieg führt zu beispiellosen Unterbrechungen und Engpässen bei fossilen Energieträgern und treibt die Preise selbst in Ländern in die Höhe, die weit von den Kämpfen entfernt sind.
Klimaforscher weisen seit Jahrzehnten darauf hin, dass es Lösungen gibt, um die CO₂-Emissionen zu senken. Eine der wichtigsten ist die Elektrifizierung: Fossile Brennstoffe werden durch saubere Energiequellen wie Wind- und Solarstrom ersetzt, um Verkehr, Heizungen, Fabriken, idealerweise alles, zu betreiben.
Der Straßengüterverkehr verursacht rund 11 bis 17 Prozent der gesamten Ölnachfrage in den USA, der EU und China. Damit eignet er sich besonders gut für eine Umstellung auf Strom. Der Dieselpreissprung treibt in diesem Jahr die Nachfrage nach Elektro-Lkw auf Rekordniveau: Weltweit wurden im ersten Halbjahr fast 160.000 mittel- und schwergewichtige Elektro-Lastwagen verkauft, rund 75 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2025.
Ähnlich wie bei Wärmepumpen und Solaranlagen sorgt die durch den Iran-Krieg ausgelöste Energiekrise paradoxerweise für Rückenwind bei sauberer Energie. Die italienische Regierung wäre gut beraten, Steueranreize zu nutzen, damit Spediteure ihre Flotten auf Elektro-Lkw umstellen, statt noch mehr Geld in fossile Brennstoffe zu stecken.