„Sonnenlicht ist nicht auf verwundbare Meerengen für die Schifffahrt angewiesen“, sagt Simon Stiell vom UN-Klimasekretariat.
„Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zerreißt nationale Sicherheit und Souveränität und ersetzt sie durch Unterordnung und steigende Kosten“, warnt Simon Stiell, Exekutivsekretär des UN‑Klimarahmenübereinkommens (UNFCCC), zum Auftakt des Green Growth Summit (Quelle auf Englisch) heute, am 16. März, in Brüssel.
Seit Beginn des Kriegs gegen den Iran am 28. Februar schießen die Strom- und Gaspreise in die Höhe. Das legt die Verwundbarkeit der Staaten offen, die weiter auf Brennstoffimporte aus dem Nahen Osten setzen. Ein Großteil der Preissprünge geht auf iranische Angriffe auf Handelsschiffe in der Straße von Hormus zurück, einer nur 38 Kilometer langen Engstelle, durch die etwa ein Fünftel des weltweiten Ölhandels läuft.
Zwar haben erneuerbare Energien im vergangenen Jahr erstmals fossile Brennstoffe überholt. Doch Stiell betont, dass Europa stärker von Importen fossiler Energieträger abhängt als fast jede andere große Volkswirtschaft.
Einige Länder, wie etwa Spanien, kommen dank ihrer Investitionen in grüne Energie besser durch die Krise als andere. Spanien hat seit 2019 seine Wind- und Solarkapazitäten verdoppelt. Deshalb reagieren die Strompreise dort deutlich weniger auf die ständig schwankenden Gaskosten.
„Erneuerbare drehen den Spieß um“, sagt Stiell weiter. „Sie helfen Ländern, sich vom globalen Chaos abzuschotten. Sonnenlicht ist nicht auf enge und verwundbare Schifffahrtsstraßen angewiesen. Und der Wind weht auch ohne riesige, von Steuerzahlern finanzierte Marineeskorten.“
Beim heutigen Gipfel kommen europäische Klima- und Umweltministerinnen und -minister, Unternehmen, Investoren und weitere Akteure zusammen. Sie wollen den Übergang zu einer kohlenstoffarmen, nachhaltigen Wirtschaft beschleunigen. Auch die Energieminister der EU wollen sich im Laufe des Tages in Brüssel treffen.
Erneuerbare Energien: billiger, sicherer, schneller als fossile Brennstoffe
Ähnliche Appelle, den Ausbau erneuerbarer Energien zu beschleunigen, gab es schon nach Russlands Angriff auf die Ukraine, der 2022 die Energiepreise explodieren ließ. Trotzdem eilten mehrere europäische Staaten, sich neue fossile Lieferquellen zu sichern: Sie nahmen Kohlekraftwerke wieder ans Netz und schlossen langfristige LNG-Verträge mit den USA und Golfstaaten – Vereinbarungen, die die Abhängigkeit von fossilen Energien auf Jahre festschreiben.
Damals warnten Kritikerinnen und Kritiker, Europa ziehe die falschen Lehren. Jetzt, in der zweiten Energiekrise binnen drei Jahren, wächst die Sorge, dass sich diese Fehler wiederholen.
„Manche Reaktionen auf die fossile Energiekrise setzen – erstaunlicherweise – genau auf die Ursache des Problems und wollen den Umstieg auf erneuerbare Energie bremsen. Dabei ist klar, dass sie billiger, sicherer und schneller verfügbar ist. Das ist völlig realitätsfern“, sagt Stiell.
Schon jetzt werfen Kritiker den großen Öl- und Gaskonzernen vor, vom Konflikt zu profitieren, nachdem der Ölpreis auf 100 Dollar je Barrel (rund 86,53 Euro) hochgeschossen ist. Vor dem US-israelischen Krieg gegen den Iran lag der Preis für die Referenzsorte Brent meist zwischen 60 und 70 Dollar (52 bis 60 Euro) je Barrel.
Am elften März beschlossen Dutzende Staaten – darunter der Großteil Europas –, 400 Millionen Barrel Öl aus ihren Notreserven freizugeben, um Lieferengpässe und Rekordpreise abzufedern. Trotz dieser Rekordmenge entspricht das nur etwa vier Tagen weltweiten Verbrauchs.
Ein in der vergangenen Woche veröffentlichter Bericht des unabhängigen Beratungsgremiums Climate Change Committee (Quelle auf Englisch) (CCC) unterstreicht die wirtschaftlichen Vorteile des grünen Umbaus. Demnach würde es Großbritannien weniger kosten, bis 2050 klimaneutral zu werden, als ein einziger künftiger Preisschock bei fossilen Energien.
Klimaschutz erfüllt zentrale Wählerwünsche
Stabile Energiepreise in Krisenzeiten sind nur ein Vorteil von Investitionen in erneuerbare Energien. Der Abschied von klimaschädlichen fossilen Brennstoffen würde die Zunahme extremer Wetterereignisse bremsen und die öffentliche Gesundheit verbessern.
„Zurzeit ist viel von Populismus die Rede. In Wirklichkeit erfüllt entschlossener Klimaschutz jedoch genau das, was die meisten Wählerinnen und Wähler verlangen – und das im großen Maßstab“, argumentiert Stiell.
„Erneuerbare Energien und mehr Widerstandskraft halten die Rechnungen niedrig und schaffen deutlich mehr Arbeitsplätze. Wenn wir die Verschmutzung durch fossile Brennstoffe zurückdrängen, wird die Luft sauberer – und damit verbessern sich Gesundheit und Lebensqualität.“
Allein im vergangenen Sommer verursachten Klimextreme in Europa wirtschaftliche Schäden von mindestens 43 Milliarden Euro.
Gleichzeitig dürfte das Erreichen des EU‑Ziels zur Emissionsminderung für 2040 die Wirtschaft um rund zwei Prozent wachsen lassen – trotz Kritik an Schlupflöchern bei Emissionsgutschriften, die nach Ansicht von Fachleuten die klimapolitische Vorreiterrolle der EU schwächen.
„Wenn Europa brav an der Importabhängigkeit von fossilen Energieträgern festhält, wird der Kontinent dauerhaft von Krise zu Krise stolpern – und Haushalte wie Industrie zahlen die Rechnung“, warnt Stiell.