Europa und Deutschland drohen Deindustrialisierung und Verlust von Arbeitskräften warnt Kärcher-Boss Hartmut Jenner in einem exklusiven Meinungsbeitrag für Euronews. Der Top-Manager fordert massiven Bürokratieabbau, Anreize für Mehrarbeit und entschlossene EU-Handelspolitik gegenüber China und USA.
"Wir erleben in Europa seit einiger Zeit den perfekten Sturm. Geopolitische Krisen werfen ihre Schatten auf die europäische Volkswirtschaft. Die unberechenbare Handelspolitik der USA droht immer wieder unvermittelt mit Zöllen und Schutzmauern – ein giftiges Szenario für den freien Welthandel und exportstarke Unternehmen." So drastisch schildert Hartmut Jenner, Vorstandsvorsitzender des Reinigungskonzerns Kärcher die wirtschaftliche Lager in Deutschland und Europa jetzt in einem exklusiven Gastbeitrag für Euronews.
USA und China machen fairen Wettbewerb "geradezu unmöglich"
Kärcher wurde 1935 gegründet und machte 2025 fast 3,5 Milliarden Euro Umsatz. 86 Prozent davon erwirtschaftete das Unternehmen, das immer noch im Familienbesitz ist, im Ausland. Kärchers Portfolio besteht aus über 3.000 Produkten rund um Reinigung und Pflege, besonders bekannt sind die Kärcher-Hochdruckreiniger.
Neben der US-amerikanischen Handelspolitik kritisiert der Top-Manager auch China: "Gleichzeitig agiert China längst nicht mehr als Billigproduzent, sondern als technologisch hoch aggressiver Wettbewerber, der mit seiner enormen Geschwindigkeit europäischen Schlüsselbranchen auf Zukunftsfeldern den Rang abzulaufen droht."
Man sehe Chinas Erfolg oft als technologische Überlegenheit oder gar Innovationskraft. Tatsächlich sei er meist Ergebnis einer gezielten staatlichen Industriepolitik. Das Land agiere mit massiven Subventionen in strategischen Schlüsselindustrien sowie mit einer "künstlich auf Wettbewerbsfähigkeit ausgerichteten Währungspolitik". Beides führe zu Marktverzerrungen und Überkapazitäten.
Für privatwirtschaftlich kalkulierende Unternehmen wie Kärcher entstehe so ein Ungleichgewicht, "das fairen globalen Wettbewerb geradezu unmöglich macht", kritisiert der CEO der Kärcher-Gruppe. Der Hauptsitz des Unternehmens befindet sich im baden-württembergischen Winnenden, das Unternehmen ist jedoch mit 170 Firmen in 87 Ländern vertreten und beschäftigt weltweit 17.000 Mitarbeiter.
Deutschland droht eine Deindustrialisierung
Jenner (61) ist seit 2001 Kärcher-Chef und hat seitdem Mitarbeiterzahl und Umsatz verdreifacht. Nun warnt er vor einem Niedergang der deutschen Wirtschaft: "Die Deindustrialisierung ist keine abstrakte Gefahr, sie findet statt. Wenn in deutschen Schlüsselindustrien wie dem Automobil- oder dem Maschinenbau Standortschließungen und Produktionsverlagerungen verhandelt werden, muss auch dem optimistischsten Beobachter klar sein: Wir stehen an einer kritischen Zäsur."
Kärcher sei bislang "robust" durch diese stürmischen Zeiten gekommen, sagt Jenner in seinem exklusiven Gastbeitrag für Euronews. Das Unternehmen sei kundenorientiert und investiere viel in Forschung und Entwicklung, setze Maßstäbe bei Reinigungsrobotern, Akku-Technologien und Digitalisierung aller Unternehmensbereiche.
Seit das Unternehmen 1935 von dem Erfinder Alfred Kärcher gegründet wurde, steht es für Innovation. 1950 erfand Kärcher den ersten Heißwasser-Hochdruckreiniger der Welt, der Grundstein für die Entwicklung zum Weltunternehmen. Nach Kärchers Tod 1959 führte seine Frau Irene den Konzern bis 1989 weiter. 1984 erschien der weltweit erste tragbare Hochdruckreiniger für Privatkunden, Motto „Mit Hochdruck reinigen – wie die Profis“.
2003 brachte das Unternehmen den ersten vollautonomen Reinigungsroboter für Haushalte. 2008 entwickelte Kärcher den ersten Fenstersauger der Welt. 2022 wurde der vollautonome Reinigungsroboters KIRA B 50 angeboten. Weltweit sind nach Unternehmensaussagen über 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung tätig.
Standortbedingungen und unfairer Wettbewerb machen neue Jobs unwirtschaftlich
Doch selbst "Innovationsführer" - wie Jenner sein Unternehmen nennt - könnten "gegen verhärtete Standortbedingungen und unlauteren Wettbewerb" nicht dauerhaft bestehen. Angesichts der massiv steigendend Struktur- und Arbeitskosten seien neue Produktionen und zusätzliche Jobs in Deutschland und Europa kaum noch wirtschaftlich sinnvoll.
Entsprechend geht der Betriebswirt und Ingenieur mit der deutschen Regierung ins Gericht. Die Prognosen von 1,3 Prozent Wirtschaftswachstum in Deutschland stimmten "vorsichtig optimistisch", man dürfe sich davon jedoch nicht täuschen lassen. Es handele sich um "geliehenes Wachstum", künstlich getrieben durch staatliche Schulden, Rüstungsaufträge und Subventionen. "Ein kurzfristiger Impuls auf Pump ersetzt keine echte, aus sich heraus tragfähige Erholung der Privatinvestitionen", so Jenner im Meinungsbeitrag für Euronews.
Die Ursachen für die anhaltende Schwäche seien im Wesentlichen hausgemacht: "schleichende Reformmüdigkeit" und "behördliche Regulierungswut" bremsten Investitionen, statt sie zu fördern. "Statt Unternehmertum zu fördern, ersticken Vorgaben von Brüssel bis Berlin den Mut zur Veränderung."
Hartmut Jenner wuchs als jüngstes Kind auf dem Bauernhof seiner Eltern in Winnenden auf. Er studierte Betriebswirtschaft und Ingenieurwissenschaften und arbeitete nebenher weiter auf dem elterlichen Hof mit, bis er 1991 als Assistent bei Kärcher einstieg. „Schaffen“, also hart zu arbeiten, sei ihm schon auf dem elterlichen Hof in die Wiege gelegt worden. "Erfolg fällt nicht vom Himmel, sondern besteht für mich zu 97 Prozent aus Arbeit und Fleiß, zu 2 Prozent aus Talent und zu 1 Prozent aus Glück."
Seine Schlussfolgerung: "Wenn wir unseren Wohlstand und unsere Sozialstandards sichern wollen, müssen wir wieder anerkennen, dass Wertschöpfung die Voraussetzung für Wohlstand ist, und nicht umgekehrt. Wer rastet, der rostet – das gilt für Menschen wie für Volkswirtschaften."
Kampf gegen Bürokratie, mehr Arbeit und entschlossene Handelspolitik
Der Kärcher-Boss fordert darum "ein echtes Fitnessprogramm für Deutschland". Vor allem starre Regeln, überbordende Bürokratie, hohe Energiekosten und stetig steigende Lohnnebenkosten seien Gift für den Standort. Doch statt das Übel an der Wurzel zu packen, lasse man eine Regelungsflut gewähren, die wertvolle Arbeitszeit binde und die Betriebe Millionen koste, so Jenner.
"Geld und Personal, die im eigentlichen Geschäft und für Innovationen fehlen, versickern in der reinen Dokumentationspflicht." Kosmetische Korrekturen reichten nicht, es brauche einen Kulturwandel im Verwaltungsapparat: Behörden als Dienstleister der Wirtschaft – pragmatisch, schnell und KI-gestützt. "Wenn andere Länder bereits dazu übergehen, Berichtspflichten pauschal zu streichen, muss das Signalwirkung für Deutschland und ganz Europa haben."
Auch vor notwendigen Arbeitsmarktdebatten dürfe man nicht zurückweichen. Aufgrund der demografischen Entwicklung müsse insgesamt mehr gearbeitet werden.
Dazu gehörten "Anreize für Mehrarbeit, flexible Lebensarbeitszeiten, praxisnahe Regeln bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sowie spürbare Bürokratieentlastung beim Einsatz von Fachkräften sind unverzichtbar", so der Kärcher-Chef. Wer derartige Debatten als Angriff auf Arbeitnehmerrechte verdamme, blende die Realität aus und gefährde die Arbeitsplätze, die er zu schützen vorgebe.
Von der EU fordert Hartmut Jenner eine "entschlossene Handelspolitik, die fairen Wettbewerb garantiert und Regelbrüche konsequent ahndet – denn freier Handel funktioniert nur dann, wenn sich alle an dieselben Regeln halten."
Das Fazit des Top-Managers: Deutschlands und Europas Wettbewerbsfähigkeit lasse sich nur nachhaltig sichern, wenn man vom Verwaltungsmodus, zur "Macher-Mentalität" zurückkehre: "Weniger Regulierung, mehr Eigenverantwortung, mutige Investitionsanreize, verlässliche Rahmenbedingungen und vor allem den Mut, die Dinge wieder gründlich und gesamthaft anzupacken. Echter Wandel fängt im Kopf an – es ist Zeit, zu handeln."