Neue Grabungen in Sachsen-Anhalt deuten darauf hin, dass Menschen Mammuts nicht nur ausschlachteten, sondern auch selbst erlegten.
Es ist einer der nördlichsten Orte Europas, an dem Menschen vor 42.000 bis 32.000 Jahren nachweislich lebten – und einer der größten der damaligen Zeit: Der Fundplatz Breitenbach zwischen Leipzig und Jena erstreckt sich nach Schätzung der Forschenden über eine Fläche von etwa 10.000 Quadratmetern.
Diesen Sommer untersuchten Archäologen das Gebiet erneut. Ausgrabungen liefern nun Indizien dafür, dass die steinzeitlichen Bewohner der Region Mammuts eigenhändig zur Strecke brachten. Ausschlaggebend sind Bruchstücke von Stoßzähnen, die zusammen mit aufgeschlagenen Zahnfächern, sogenannten Alveolen, zutage kamen.
"Die größeren Elfenbeinstücke hatten einen deutlich geringeren Durchmesser als diese Zahnhöhlen. Das heißt, man scheint das Elfenbein gezielt aus den Alveolen herausgebrochen zu haben", erklärte Projektleiter Olaf Jöris vom Leibniz-Zentrum für Archäologie in Mainz im Gespräch mit dem TV-Sender MDR. "Das ergibt nur dann Sinn, wenn das Tier noch frisch erlegt war. Wenn es lange verwittert wäre, könnte man die Stoßzähne einfach herausdrehen. Hier waren sie aber noch fest mit dem Schädel verwachsen."
Auch die Vielzahl der bearbeiteten Elfenbeinobjekte spricht laut Jöris für frisches Material. Verwittertes Elfenbein würde schichtweise abblättern und sei deswegen kaum für Schmuck oder Speerspitzen nutzbar, so der Forscher.
Lange galt: Die Menschen sammelten altes Elfenbein auf
Zuvor hatten die Wissenschaftler eine andere Erklärung favorisiert. Bei Grabungen in den Jahren 2012 und 2013 war ein Bereich freigelegt worden mit Zeugnissen intensiver Elfenbeinbearbeitung, das Material war jedoch schlecht erhalten. Die Forscher vermuteten deswegen, dass die Steinzeit-Menschen Elfenbein von längst verendeten Mammuts verwendet haben könnten.
Die Schichten mit den Mammutresten könnten deutlich älter sein als die menschliche Besiedlung, so die Annahme der Archäologen. Diskutiert wurde ein Alter von 200.000 Jahren oder mehr.
Die Forscher interessieren sich auch für die von den steinzeitlichen Menschen genutzten Jagdtechniken. Doch bislang gibt es keine Belege dafür, wie damals gejagt wurde. Funde wie jene aus jüngeren Epochen, bei denen Projektile in Mammutknochen stecken, sind selten.
Vermutlich nutzten die Jäger Speere, möglicherweise bereits mit Speerschleudern, so Jöris. Archäologisch nachgewiesen sind diese Wurfhölzer allerdings erst deutlich später: ab etwa 25.000 Jahren vor heute. Mit den Schleudern lassen sich Ziele auf 20 bis 30 Meter Entfernung treffen.
Stätte 1924 durch Schüler entdeckt
Ein einzelner Treffer dürfte ein Mammut kaum getötet haben, Jöris geht daher von Gruppenjagden aus. Denkbar sei, dass die Jäger die Tiere in sumpfiges Gelände trieben, wo sie feststeckten und sich schlechter wehren konnten. "Das bleibt allerdings spekulativ", so der Archäologe.
Wie viele Menschen in Breitenbach lebten, lässt sich nicht beziffern. Indizien sprechen für wiederholte Besuche oder längere Aufenthalte, womöglich sowohl kleinerer als auch größerer Gruppen. Attraktiv war der Platz wegen seiner Beschaffenheit: Es gab Jagdwild und große Mengen Feuerstein, den Gletscher einer früheren Eiszeit herantransportiert hatten.
Bekannt ist die Fundstelle schon lange: 1924 entdeckte ein Schüler am Ufer der Aga einen Mammutbackenzahn, 1927 folgte eine erste größere Grabung, die eine Fläche von etwa 400 Quadratmetern freilegte.