Seoul und Ankara wollen die Finanzierung türkischer Energieprojekte prüfen. Im Mittelpunkt steht das geplante Atomkraftwerk in Sinop. Zudem wollen beide Länder ihre Zusammenarbeit in Rüstung, Energie und Handel ausbauen.
Südkorea und die Türkei haben am Dienstag eine Vereinbarung unterzeichnet, um Finanzierungsmöglichkeiten für türkische Energieprojekte zu prüfen. Seoul strebt dabei eine Beteiligung am Bau des geplanten zweiten türkischen Atomkraftwerks in Sinop an der Schwarzmeerküste an.
Die Absichtserklärung wurde von der südkoreanischen Export-Import-Bank, der staatlichen Exportkreditagentur der Republik Korea und dem türkischen Unternehmen Turkey Nuclear Energy Inc., der türkischen Kernenergiegesellschaft, unterzeichnet. Vorausgegangen waren Gespräche zwischen dem südkoreanischen Präsidenten Lee Jae-myung und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Seoul.
Nach Angaben des türkischen Energieministeriums wollen beide Organisationen mögliche Finanzierungsmodelle untersuchen und eine Arbeitsgruppe zum Informationsaustausch einrichten. Eine konkrete Finanzierungssumme wurde nicht genannt.
Die Türkei hat bislang noch keinen Partner für das Atomkraftwerksprojekt in Sinop ausgewählt.
Machbarkeitsstudien geplant
Lee erklärte, die Zusammenarbeit beim Kraftwerksprojekt verlaufe "reibungslos". Standortbewertungen und eine gemeinsame Arbeitsgruppe seien bereits auf den Weg gebracht worden. Das neue Finanzierungsabkommen solle südkoreanische Unternehmen dabei unterstützen, sich an türkischen Atomenergieprojekten zu beteiligen.
Die jüngste Vereinbarung baut auf einer im November 2025 unterzeichneten Absichtserklärung zur nuklearen Zusammenarbeit zwischen Turkey Nuclear Energy Inc. und dem staatlichen südkoreanischen Energieunternehmen Korea Electric Power Corporation (KEPCO) auf.
In einem am Montag veröffentlichten Interview mit der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap bezeichnete Erdoğan Südkorea als möglichen Partner für das Projekt in Sinop. Gemeinsam mit KEPCO seien bereits erste Machbarkeitsstudien durchgeführt worden. Technische und wirtschaftliche Bewertungen würden weiterhin laufen.
Vor einer endgültigen Entscheidung werde Ankara verschiedene Faktoren berücksichtigen, darunter Finanzierungsmodelle, Stromerzeugungskosten und den wirtschaftlichen Nutzen für die türkische Volkswirtschaft.
"Wir berücksichtigen unsere Kontakte zu anderen Ländern und prüfen alle möglichen Optionen im Einklang mit unseren nationalen Interessen", sagte Erdoğan zu Yonhap.
Ausbau der Rüstungskooperation
Die beiden Staatschefs vereinbarten außerdem, die gemeinsame Rüstungsproduktion und die technologische Zusammenarbeit auszubauen. Darüber hinaus sollen Unternehmen beider Länder verstärkt Möglichkeiten zur Kooperation auf internationalen Märkten prüfen.
Damit soll insbesondere die bereits bestehende Zusammenarbeit beim türkischen Kampfpanzerprogramm Altay weiter ausgebaut werden, teilte das südkoreanische Präsidialamt mit.
Weitere Vereinbarungen im Energie- und Bergbausektor betreffen erneuerbare Energien, Wasserstoff sowie die Zusammenarbeit bei kritischen Rohstoffen.
Handelsvolumen soll auf 13,4 Milliarden Euro steigen
Zudem wollen beide Länder ein Forum für die Energiewende einrichten, das einmal jährlich zusammentreten und gemeinsame Projekte überprüfen soll, wie das türkische Energieministerium mitteilte.
Erdoğan erklärte, das bilaterale Handelsvolumen habe im vergangenen Jahr rund 9,8 Milliarden Euro betragen. Bei den Gesprächen sei auch darüber beraten worden, wie das bereits vereinbarte Handelsziel von rund 13,4 Milliarden Euro erreicht werden könne.
Nach Angaben des südkoreanischen Präsidialamts ging es bei den Gesprächen außerdem um Handelsungleichgewichte, Einfuhrbeschränkungen und Verzögerungen bei der Zollabfertigung.
Beide Länder vereinbarten, ihren gemeinsamen Ausschuss für das Freihandelsabkommen auf Ministerebene anzuheben. Darüber hinaus unterzeichneten sie eine separate Absichtserklärung zur Förderung der Investitionszusammenarbeit.
Erdoğans Besuch ist seine erste Reise nach Südkorea seit 2018. Beide Länder unterhalten seit 1957 diplomatische Beziehungen und sind seit 2012 strategische Partner.