Der Krieg gegen Iran befeuert Forderungen nach mehr Atomkraft. Doch wie sauber ist sie wirklich, wie belastbar ist Europas Stromnetz im Klimawandel?
Am 11. März 2011 schien die Welt stillzustehen: Ein schweres Erdbeben löste einen 15 Meter hohen Tsunami aus, der Japans Ostküste unauslöschlich zeichnete.
Eine Serie mächtiger Wellen riss Häuser, Geschäfte und Straßen mit sich, machte mehr als 450.000 Menschen obdachlos und tötete 15.500. Neben all dem Chaos führte der Tsunami zu Kernschmelzen in drei Reaktoren des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi, setzte giftige radioaktive Stoffe frei und zwang Tausende zur Flucht.
Die Katastrophe löste weltweit eine Debatte über die Sicherheit der Atomenergie aus. Mehrere Länder beschlossen, aus der Kernkraft auszusteigen oder ihren Ausbau zu stoppen.
Doch 15 Jahre später sind die Schrecken von Fukushima vielerorts in den Hintergrund gerückt. Stattdessen nehmen die Stimmen zu, die für mehr Atomstrom plädieren – vor allem seit dem Krieg gegen den Iran und der folgenden Energiekrise. Im Exklusivgespräch mit Euronews nannte EU-Klimaschutzkommissar Wopke Hoekstra Kernkraft eine der Stromquellen, auf die sich die EU-Staaten stützen müssen.
Eine Expertin der Universität Oxford warnt jedoch, dass neue Atomkraftwerke die heutigen Energieprobleme nicht lösen werden. Sie fordert politische Entscheidungsträger auf, die tatsächlichen Risiken der Kernkraft genau zu betrachten.
„In Europas Energiesystemen mit hohem Anteil erneuerbarer Quellen besteht das Problem zunehmend weniger darin, noch mehr Strom zu erzeugen, sondern darin, ihn dann und dort verfügbar zu machen, wo er gebraucht wird“, sagt Dr. Bettina Wittneben, Dozentin für Management an der Saïd Business School (Quelle auf Englisch) in Oxford sowie Associate Fellow am Pembroke College (Quelle auf Englisch) und an der School of Geography and the Environment (Quelle auf Englisch).
Wie sauber ist Atomkraft wirklich?
Befürworter stellen Atomenergie oft als saubere Form der Energie dar, weil beim Betrieb nur wenig Kohlendioxid entsteht.
Einfach gesagt erzeugen Atomreaktoren Strom, ohne Kohlendioxid oder smogbildende Schadstoffe in die Atmosphäre abzugeben. Fachleute betonen jedoch, dass das nur einen Teil des Bildes zeigt.
„Die massiven Betonbauten bedeuten, dass in ihnen sehr viel sogenannter grauer Kohlenstoff steckt. Außerdem ist Atomkraft keine erneuerbare Energie, weil dafür Uran abgebaut werden muss – mit zusätzlichen Emissionen durch Förderung und Transport“, erklärt Dr. Bettina.
„Auch die Entsorgung des Atommülls und der Rückbau der Anlagen müssen in die CO2-Bilanz der Kernenergie eingerechnet werden.“
Sind Atomkraftwerke klimafest?
Europa erlebte in diesem Sommer mehrere Hitzewellen unmittelbar hintereinander, die nach Einschätzung von Fachleuten ohne den Klimawandel „praktisch unmöglich“ gewesen wären. Extreme Hitze und anhaltende Trockenheit lösten in weiten Teilen des Kontinents Dürren aus und ließen einige der größten Flüsse Europas auf Rekordtiefstände sinken.
In Frankreich, Ungarn und Rumänien mussten deshalb mehrere Atomkraftwerke zeitweise abgeschaltet oder auf reduzierte Leistung heruntergefahren werden.
Atomkraftwerke benötigen enorme Wassermengen, vor allem zur Kühlung, und gelten deshalb als „durstigste Energiequelle“. Nach Angaben des Nuclear Energy Institute braucht ein Reaktor zwischen 1.514 und 2.725 Litern Wasser pro MWh, also hunderte Gigaliter pro Jahr.
Deshalb werden Atomkraftwerke häufig an großen Gewässern gebaut. Ohne eine konstante, verlässliche Wasserquelle droht ein Reaktor zu überhitzen – mit schweren Schäden am Reaktorkern und möglicher Freisetzung gefährlicher Strahlung in die Umwelt.
Auch Kohle- und Wasserkraftwerke litten unter der Hitze. Ein starker Anstieg der Solarstromproduktion half jedoch, den zusätzlichen Strombedarf durch Kühlgeräte wie Klimaanlagen zu decken.
Nach Berechnungen des Thinktanks Ember stieg die Solarstromerzeugung in europäischen Ländern an Hitzewellentagen im Juni und Juli um bis zu 17 Prozent. Solar war damit die einzige große Stromquelle, die bei hohen Temperaturen „besser als üblich“ lieferte.
„Hellbrise“: Atomkraft weniger verlässlich als behauptet
Unterbrochen einspeisende Energien wie Wind- und Solarstrom gelten oft als Verursacher der Überlastung von Europas veralteten Stromnetzen.
Wenn zeitweise mehr Strom erzeugt wird, als nachgefragt wird, geht überschüssige Energie häufig verloren. Sie kann sogar zu negativen Strompreisen führen. Dieses Phänomen wird oft „Hellbrise“ genannt (hell = hell, Brise = breeze) und tritt an sonnigen, windigen Tagen auf.
„Dieses Narrativ nutzen auch Befürworter fossiler Energien, die fossiles Gas als Rettung für die Grundlast darstellen, also für den Strom, der verfügbar ist, wenn die Erneuerbaren nicht ausreichen“, sagt Dr. Wittneben.
„Skeptiker gegenüber fossilen Energieträgern verweisen stattdessen auf Atomkraft als verlässliche Grundlasttechnologie.“
Die Expertin betont jedoch, dass Atomkraftwerke sich nur langsam und mit hohen Kosten herunterfahren lassen. Sie „verstärken“ dadurch das Hellbrise-Problem der Netze, statt eine Lösung dafür zu bieten.
Die EU hat erkannt, dass Batteriespeichersysteme (BESS) eine „Schlüsseltechnologie“ sind, um zu verhindern, dass erneuerbare Energie ungenutzt bleibt oder zu Preisen unter null ins Netz gedrückt wird. Die Idee: Batterien speichern den tagsüber erzeugten Strom aus erneuerbaren Quellen, wenn der Verbrauch meist niedrig ist, und geben ihn am Abend an die Haushalte ab, wenn die Nachfrage steigt.
Europa installierte 2025 neue BESS mit einer Kapazität von 36 GWh und überschritt damit erstmals insgesamt 100 GWh Speicherkapazität. Diese Energiemenge reicht aus, um rund 75 Millionen Haushalte zu versorgen.
Welche EU-Länder stark auf Atomkraft setzen
Die Europäische Union erzeugte im vergangenen Jahr 652 TWh Strom aus Atomkraft. Das entsprach 23,3 Prozent des gesamten Strommixes im Block.
Damit lag Atomstrom vor Solarenergie (13,1 Prozent) und Windkraft (17,1 Prozent) und stellte 2025 den größten Anteil an der Stromerzeugung.
Mehr als die Hälfte davon, 392 TWh, entfiel auf Frankreich, das mit Abstand den größten Atomstromanteil in der EU hat. Frankreich erzeugte im vergangenen Jahr 68,8 Prozent seines Stroms aus Kernenergie.
Es folgten Spanien (54,1 TWh), Schweden (46,7 TWh), Finnland (32,8 TWh), Tschechien (31,9 TWh), Belgien (24,1 TWh), die Slowakei (19,3 TWh), Ungarn (16,1 TWh), Bulgarien (14,8 TWh), Rumänien (10,2 TWh), Slowenien (5,83 TWh) und die Niederlande (3,99 TWh).
Weil die europäischen Stromnetze miteinander verbunden sind, können viele Länder ohne eigene aktive Atomkraftwerke Strom aus Kernenergie von anderen EU-Staaten kaufen. 2024 war Frankreich der größte Stromexporteur Europas – ein großer Teil davon stammte aus Atomkraft.
Doch nicht jedes EU-Land will Atomkraftwerke betreiben, besonders seit dem Unfall von Fukushima.
Im Jahr 2020 erzeugte Deutschland noch 170 TWh Strom aus Atomkraft und war damit der zweitgrößte Produzent in der EU. In diesem Jahr beschloss das Land erstmals gesetzlich, aus der Kernenergie auszusteigen.
Am 15. April 2023 stellte Deutschland die Nutzung der Atomenergie zur Stromerzeugung ein, als die drei letzten laufenden Reaktoren abgeschaltet wurden.
Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete diesen Schritt als „schweren strategischen Fehler“. Übergangsweise stieg dadurch die Abhängigkeit von klimaschädlichen fossilen Brennstoffen, um die Lücke in der Stromversorgung zu schließen.
Eine aktuelle Analyse des Thinktanks Energy Institute ergab jedoch, dass Wind- und Solarenergie 2025 zusammen 44 Prozent von Deutschlands Stromerzeugung lieferten und fossile Energien damit um ein Prozent übertrafen.
Gleichzeitig sank der Anteil der Kohle an der Stromerzeugung von mehr als der Hälfte im Jahr 2000 auf nur noch 21 Prozent im vergangenen Jahr. Fachleute hoffen nun, dass Deutschland deutlich vor 2038 ganz aus der Kohle aussteigen kann.