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Europa-Bilanzen im Fokus: Gewinner und Verlierer des Iran-Kriegs

US-Präsident Donald Trump ist auf einem Bildschirm eines Handelspostens auf dem Parkett der New York Stock Exchange zu sehen.
Präsident Donald Trump ist auf einem Händler-Bildschirm auf dem Parkett der New Yorker Börse zu sehen. Copyright  Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved
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Von Piero Cingari
Zuerst veröffentlicht am
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Das Wachstum im Euroraum schrumpft, die Inflation zieht an, der Nahostkonflikt zerstört die bisherigen Hoffnungen der Konzerne. Von Paris bis München startet kommende Woche die Berichtssaison.

Die erste Berichtssaison des Jahres 2026 hat ein ungewöhnlich hohes Gewicht.

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Europäische Unternehmen legen in diesem Monat ihre Quartalszahlen vor. Seither hat sich das Umfeld grundlegend verändert: Ende Februar brach im Nahen Osten ein Krieg aus. Die Energiepreise schossen in die Höhe und trieben die Inflation im Euroraum im März auf zwei Komma fünf Prozent. Zugleich rechnen die Märkte damit, dass die EZB zum ersten Mal seit Jahren die Zinsen anhebt.

Die Zahlen ab Mitte April zeigen Anlegern nicht nur, wie das erste Quartal gelaufen ist.

Sie geben auch den Ton vor: Wie kalkulieren Europas Konzernchefs die Krise ein - und wie viel schlimmer kann es noch werden?

Gewinne steigen um vier Prozent - mit großem Vorbehalt

Auf den ersten Blick wirkt die Kennzahl beruhigend.

Für die Unternehmen im STOXX 600 wird im Schnitt ein Gewinnanstieg von vier Prozent im ersten Quartal erwartet, wie Daten von LSEG I/B/E/S zeigen. Zuvor hatten die Gewinne im Vorquartal im Jahresvergleich noch um zwei Prozent nachgegeben.

Auch die Umsätze sollen im Vergleich zum Vorjahr um ein Komma sieben Prozent wachsen. Damit setzt sich ein Muster fort: In sieben der vergangenen acht Quartale legten die Gewinne stärker zu als die Erlöse, weil Kostensenkungen und Umbauten greifen.

Doch hinter der Summe verbirgt sich ein tiefer Graben. Fast der gesamte Gewinnzuwachs stammt aus nur einem Sektor.

Nach LSEG-Daten sollen die Gewinne der Energiekonzerne um vierundzwanzig Komma neun Prozent steigen. Der Grund: Rohöl verteuerte sich infolge der Störungen der Lieferwege durch die Straße von Hormus um fünfzig bis siebzig Prozent.

Nimmt man diesen Sondergewinn heraus, bleiben für die übrigen STOXX-600-Branchen im Schnitt nur ein Komma fünf Prozent Gewinnplus - kaum mehr als Stillstand.

Der Krieg hat die Gewinne der europäischen Unternehmen nicht gerettet, sondern nur umverteilt.

Die anhaltende Lücke zwischen Gewinn- und Umsatzwachstum hat jedoch tiefere Ursachen. Viele Firmen haben Kosten gesenkt, Bilanzen gestrafft und Margen erhöht. So können ihre Gewinne schneller wachsen als die Erlöse.

Der Krieg hat diesen Abstand noch vergrößert.

Makrolage: Wachstum schrumpft, Inflation zieht an

Der Konflikt trifft Europa in einer heiklen Phase des Konjunkturzyklus.

Im eigenen Wirtschaftsbericht warnt die Europäische Zentralbank, der Krieg könnte die Wirtschaftsleistung der Eurozone bis Ende 2026 um rund null Komma drei Prozentpunkte drücken. Für das laufende Jahr erwartet sie nur noch reales Wachstum von null Komma neun Prozent, nach zuvor prognostizierten ein Komma drei Prozent.

Das Europa-Team von Goldman Sachs geht noch weiter: Es hat seine Prognose für das BIP-Wachstum im Euroraum seit Kriegsbeginn um etwa null Komma sieben Prozentpunkte gesenkt und die Inflationsprognose für Ende 2026 um rund ein Komma vier Punkte angehoben.

Die Teuerung zieht inzwischen wieder an. Die jährliche Inflation im Euroraum sprang im März auf zwei Komma fünf Prozent, nach ein Komma neun Prozent im Februar. Haupttreiber waren die Energiepreise: Aus einem dämpfenden Effekt von minus drei Komma eins Prozent im Februar wurde im März ein Plus von vier Komma neun Prozent.

Bill Diviney, Chefökonom für Makroanalyse bei ABN Amro, rechnet nun mit einem weiteren Anstieg auf zwei Komma neun Prozent im April und über drei Prozent im Mai. Er warnt außerdem, höhere Energiekosten könnten über Düngemittel die Lebensmittelpreise nach oben treiben.

ABN Amro geht im Basisszenario davon aus, dass die EZB bei ihren Sitzungen im April und Juni vorsorglich die Zinsen anhebt und den Einlagensatz auf zwei Komma fünf null Prozent erhöht. So soll eine zweite Lohn-Preis-Spirale wie nach der Energiekrise 2022 verhindert werden.

Woche eins: Luxusbranche vor Bewährungsprobe

Die erste große Bewährungsprobe der Saison steht am 13. April an, wenn LVMH Moët Hennessy - Louis Vuitton den Zahlenreigen eröffnet. Am 14. April folgen BMW AG und Kering, am 15. April ASML Holding und Hermès International.

Für die Luxusgüterkonzerne hat sich das Umfeld gleich an mehreren Fronten deutlich verschlechtert.

Finanzchefin Cécile Cabanis von LVMH hatte in der Ergebnispräsentation im Januar den Nahen Osten noch ausdrücklich als „wichtigen Wachstumstreiber“ hervorgehoben. Diese Einschätzung ist inzwischen klar überholt.

Bank of America hat daraufhin ihre Annahme für das organische Umsatzwachstum im Kerngeschäft mit Mode und Lederwaren von plus fünf auf nur noch plus zwei Prozent für das Gesamtjahr gesenkt.

Der Nahe Osten steht für rund sechs Prozent der Branchenumsätze und wuchs 2025 noch um siebzehn Prozent.

Die Bank kalkuliert nun, dass die Erlöse in der Region im März um fünfzig Prozent einbrechen und im zweiten Quartal noch einmal um zwanzig Prozent sinken. Angesichts der hohen Vorjahresdynamik entspricht das einem sequentiellen Gegenwind von rund zwei Prozentpunkten beim Umsatzwachstum der Branche.

Gleichzeitig gingen die Planet-Mehrwertsteuerrückerstattungen, ein wichtiger Indikator für die Ausgaben von Touristen in Europa, im Februar um fünfundzwanzig Prozent zurück. Im gesamten ersten Quartal lag das Minus bei zwanzig Prozent - eine Verlangsamung um zwölf Punkte gegenüber dem Schlussquartal.

Bei Kering, dem Mutterkonzern von Gucci, trübte sich der Ausblick schon vor Kriegsbeginn ein. Bank of America erwartet nun, dass Gucci im Gesamtjahr schrumpfende Umsätze ausweist.

BMW AG steht vor ganz anderen Problemen. Der Analystenkonsens für den Gewinn je Aktie liegt bei 2,90 Euro, was einem Rückgang um vierzehn Komma zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Beim Umsatz rechnen die Experten im Schnitt mit 33,02 Milliarden Euro nach zuvor 33,76 Milliarden Euro, ein Minus von zwei Komma zwei Prozent.

Der Münchner Autobauer stellt für 2026 einen Rückgang des Vorsteuergewinns auf Konzernebene um zehn bis fünfzehn Prozent in Aussicht. Die operative Marge im Autogeschäft soll nur noch zwischen vier und sechs Prozent liegen. Das spiegelt den Druck durch Zölle, ungünstige Wechselkurse und den Umbau hin zur Elektroplattform „Neue Klasse“ wider.

Immerhin übertraf der Verkaufsstart des iX3 in Europa die internen Auftragserwartungen.

Halbleiter trotzen Gegenwind an den Märkten

Doch nicht alle Unternehmen in der ersten Berichtswoche zeichnen ein so trübes Bild.

ASML, der niederländische Hersteller der extrem präzisen Lithografiesysteme, ohne die moderne Chips nicht produziert werden können, peilt für das erste Quartal 2026 Erlöse von acht Komma zwei bis acht Komma neun Milliarden Euro und eine Bruttomarge von 51 bis 53 Prozent an. Für das Gesamtjahr erwartet der Konzern 34 bis 39 Milliarden Euro Umsatz. Das entspricht rund zwölf Prozent Wachstum nach sechzehn Prozent im Jahr 2025.

Ende März gab der südkoreanische Speicherchiphersteller SK Hynix einen mehrjährigen Auftrag über EUV-Anlagen im Volumen von sieben Komma neun Milliarden Dollar bis 2027 bekannt, nach Unternehmensangaben der größte jemals veröffentlichte Einzelauftrag in der Geschichte von ASML. Er unterstreicht, wie robust die von Künstlicher Intelligenz getriebene Chipnachfrage strukturell ist.

Entscheidend beim Zahlenwerk am 15. April wird sein, ob sich diese Nachfrage weiter in feste Bestellungen übersetzt oder ob die makroökonomische Unsicherheit und schärfere Exportkontrollen gegenüber China den Auftragsbestand auszuhöhlen beginnen.

Wochen zwei und drei: Industrieaktien und erster Hinweis aus dem Energiesektor

In der zweiten und dritten Woche rückt eine breitere Palette von Industrie- und Konsumwerten in den Fokus: L'Oréal, EssilorLuxottica, SAP, Safran und Sanofi legen Zahlen vor. Einen ersten wichtigen Fingerzeig aus dem Energiesektor liefert Italiens ENI mit dem Quartalsbericht am 24. April.

Bei ENI dürfte vor allem das Fördergeschäft im Mittelpunkt stehen. Anleger suchen dort Bestätigung für den in den LSEG-Daten sichtbaren Gewinnboom der Branche und Hinweise darauf, ob die Turbulenzen im Nahen Osten die eigenen Aktivitäten in der Region beeinträchtigt haben.

Bei einem Brent-Preis von über 100 Dollar je Barrel haben die Eni-Aktien seit Jahresbeginn bereits um 41 Prozent zugelegt.

Woche vier: Banken, Industrie und Energie zeichnen das Gesamtbild

Die letzte Aprilwoche bringt die entscheidende Standortbestimmung der großen Institutionen.

Den Auftakt macht am 28. April Airbus. Die Investoren achten besonders auf Aussagen zur Lieferkette, etwa bei Titan und Verbundwerkstoffen.

Der Auftragsbestand von mehr als 8.700 Flugzeugen schützt den Konzern vor kurzfristigen Nachfrageschwächen der Airlines. Das Management hält offiziell an seinem Ziel fest, 2026 rund 820 Maschinen auszuliefern.

Die offene Frage lautet, ob die Kosten für diesen Produktionshochlauf gestiegen sind.

Am 29. April folgen die Ölmultis: BP und TotalEnergies SE legen ihre Ergebnisse am selben Tag vor.

Bei den aktuellen Energiepreisen steuern beide Konzerne auf einen ihrer stärksten Quartals-Cashflows seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine zu.

Europäische Banken: Geldsegen oder Warnsignal?

An den Märkten stellt sich die Frage, wie viel dieses Geldsegens in Aktienrückkäufe fließt, wie viel in zusätzliche Investitionen und ob eines der Unternehmen konkrete Hinweise zu den Produktions- und Logistikplänen am Golf gibt.

Die Berichtssaison endet mit ihrem systemisch wichtigsten Block. Fast alle großen europäischen Banken - darunter BNP Paribas, Société Générale, Deutsche Bank, ING, Banco Santander und CaixaBank - legen zwischen Mittwoch, dem 29., und Donnerstag, dem 30. April ihre Zahlen vor.

Im vierten Quartal 2025 waren die europäischen Banken die klaren Überflieger der Berichtssaison. In 69 Prozent der Fälle übertrafen sie die Gewinnerwartungen, das aggregierte Ergebnis je Aktie lag rund 18 Prozent über den Prognosen. Für 2026 wird die Eigenkapitalrendite der Branche im Schnitt auf 13,1 Prozent geschätzt.

Der Krieg trübt dieses Bild nun ein.

Eine Zinserhöhung im April würde die Zinsmargen der Banken zunächst stützen: Höhere Leitzinsen vergrößern den Abstand zwischen den Zinsen auf Einlagen und Kredite.

Doch ein Straffungszyklus der EZB, der von einem Energieschock und nicht von kräftiger Binnennachfrage ausgelöst wird, birgt das Risiko einer Stagflation. Die Zinsen steigen, ohne dass die Realwirtschaft mithält - im Extrem bremst das Wachstum ab.

Kreditausfälle könnten zunehmen, wenn hoch verschuldete Haushalte und energieintensive Unternehmen stärker unter Druck geraten.

Das ist ein deutlich anderes Umfeld für den Zinsüberschuss, als es die Banken vor drei Monaten in ihren Prognosen zugrunde gelegt haben.

Das Urteil, auf das die Märkte warten

Insgesamt wird die Berichtssaison zum ersten echten Stresstest dafür, wie widerstandsfähig Europas Unternehmen in Kriegszeiten sind.

Der breite Analystenkonsens liefert bislang eine wichtige Beruhigung: In der Summe steigen die Gewinne. Die Kostendisziplin reicht aus, um die Margen im Plus zu halten, obwohl die Umsätze nur verhalten wachsen.

Doch der Sonderboom im Energiesektor überdeckt, wie fragil das Gesamtbild in vielen anderen Branchen ist.

Die eigentliche Schlüsselfrage dieser Saison dürfte offen bleiben: Sind die Schäden des Kriegs für Wachstum und Vertrauen in Europa nur vorübergehend oder markieren sie einen strukturellen Bruch?

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