Die Eurozone tritt Anfang 2026 auf der Stelle: Im ersten Quartal wächst sie im Jahresvergleich nur um null Komma acht Prozent, doch drei Länder wachsen um ein Vielfaches schneller.
Das Wachstum im Euroraum bleibt enttäuschend schwach.
Nach der am Mittwoch veröffentlichten zweiten Schätzung von Eurostat legte das Bruttoinlandsprodukt der Eurozone im ersten Quartal 2026 gegenüber dem Vorquartal nur um 0,1 % zu, im Jahresvergleich um magere 0,8 %.
Damit hat sich das Tempo gegenüber 1,3 % im vierten Quartal 2025 deutlich verlangsamt – und liegt fast einen vollen Prozentpunkt unter dem Niveau, mit dem der Währungsblock ins Jahr gestartet ist.
In der gesamten Europäischen Union sah es nur geringfügig besser aus: plus 0,2 % zum Vorquartal und 1,0 % zum Vorjahr. Beide Werte bleiben klar hinter den Vereinigten Staaten zurück, wo die Wirtschaft im gleichen Zeitraum um 2,7 % wuchs.
Hinter dem schwachen Gesamtbild verbergen sich allerdings einige Ausreißer nach oben. Drei EU‑Länder mit vorliegenden Quartalsdaten stechen als klare Gewinner heraus: Zypern, Bulgarien und Spanien.
Sie alle wachsen mehr als drei Mal so schnell wie der Euroraum. Gleichzeitig kämpfen sie jeweils mit sehr unterschiedlichen Risiken, die sich hinter den guten Schlagzeilen verbergen.
Zypern führt mit 3,0 % Wachstum
Die Wirtschaft der Mittelmeerinsel wuchs im ersten Quartal 2026 im Jahresvergleich um 3,0 % – der höchste Wert unter den EU‑Staaten mit verfügbaren Daten. Das entspricht fast dem Vierfachen des Eurozonen‑Durchschnitts.
Gleichzeitig ist das eine Abschwächung gegenüber den 4,3 % aus dem vierten Quartal 2025, dem höchsten Jahresplus seit drei Jahren und damals dem zweitbesten Wert in der EU. Die Triebkräfte des Aufschwungs sind bekannt.
Die Herbstprognose 2025 der EU‑Kommission verweist auf eine kräftige private Nachfrage, steigende Investitionen, gestützt durch Mittel aus der Aufbau- und Resilienzfazilität der EU, sowie eine Rekordsaison im Tourismus.
Für das Gesamtjahr 2026 erwartet die Kommission ein Wachstum von 2,6 %, für 2027 von 2,4 %. Damit würde Zypern klar über dem Eurozonen‑Schnitt liegen.
Deutlich verändert hat sich allerdings das Umfeld.
Der Eurobank‑Ökonom Michail Vassileiadis schreibt in einer aktuellen Analyse, Zypern sei aus einer Position der Stärke ins Jahr gestartet. Die neuen externen Energiepreisschocks im Zusammenhang mit dem Konflikt im Nahen Osten setzten nun aber Inflation, Arbeitsmarkt und Finanzpolitik unter Druck.
Die Inflationslage hat sich binnen kurzer Zeit komplett gedreht.
Die Jahresinflation sprang von 0,9 % im Februar auf 1,5 % im März und 3,0 % im April. Im Schnitt der Monate Januar bis April lag sie bei 1,7 %. Allein die Energiepreise kletterten im April um 8,7 % zum Vorjahr und machten damit den schwachen oder sogar negativen Beitrag von 2025 mehr als wett.
Vassileiadis warnt, dass sich diese Entwicklung zunehmend in sinkenden real verfügbaren Einkommen der Haushalte und engeren Gewinnmargen der Unternehmen niederschlagen dürfte.
Besonders exponiert ist der Tourismus, der rund 14 % der Wirtschaftsleistung Zyperns ausmacht.
Laut FocusEconomics brach die Zahl der Touristinnen und Touristen im März um 30 % ein, nachdem Iran Drohnenangriffe auf britische Luftwaffenstützpunkte auf der Insel geflogen hatte. Es war der erste vierteljährliche Rückgang im Tourismus seit dem pandemiebedingt schwachen ersten Quartal 2021.
Vassileiadis weist zudem darauf hin, dass die Zahl der Arbeitslosen im Beherbergungsgewerbe in den ersten vier Monaten des Jahres um 2,6 % über dem Niveau des Vorjahreszeitraums lag, während die Gesamtarbeitslosigkeit nur um 0,1 % zunahm.
Ein Lichtblick sind die öffentlichen Finanzen. Der Staat erzielte im ersten Quartal 2026 einen Budgetüberschuss von 573,3 Millionen Euro, das entspricht 1,5 % des BIP und liegt damit in etwa auf dem Niveau des Plus von 600,6 Millionen Euro im gleichen Zeitraum 2025.
Dieser finanzielle Puffer verschafft der Regierung in Nikosia Spielraum für eine weiterhin unterstützende Politik, ohne die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen zu gefährden.
Bulgarische Wirtschaft wächst um 2,9 % zum Euro-Start
Bulgarien verzeichnete im ersten Quartal 2026 ein Wachstum von 2,9 % im Jahresvergleich – genauso viel wie im Quartal zuvor und der zweitbeste Wert in der EU.
Die Zahl hat besonderes Gewicht, weil Bulgarien zum 1. Januar 2026 den Euro eingeführt hat und damit das 21. Mitglied der Währungsunion wurde.
EZB‑Präsidentin Christine Lagarde sprach in einer Rede in Sofia vor der Währungsumstellung von einem „natürlichen Endpunkt eines langen Konvergenzprozesses“.
Sie verwies darauf, dass bereits 65 % der bulgarischen Exporte in andere EU‑Staaten gehen und 45 % in Länder des Euroraums. Die heimische Automobilzulieferindustrie liefert rund 80 % der elektronischen Komponenten, die in europäischen Fahrzeugen verbaut werden. Der bulgarische Konjunkturverlauf, so Lagarde, bewege sich damit ohnehin eng im Takt des Euroraums.
Die Herbstprognose 2025 der EU‑Kommission erwartet ein reales BIP‑Wachstum von 2,7 % im Jahr 2026 und 2,1 % im Jahr 2027, getragen von EU‑Geldern aus der Aufbau- und Resilienzfazilität, höheren Verteidigungsausgaben und einer robusten privaten Nachfrage.
Gleichzeitig mehren sich Warnungen zum Wachstumsmix. Die geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds, Kristalina Georgiewa, selbst Bulgarin, sprach in einer Rede in Sofia im November von einer überhitzten Wirtschaft, in der die Löhne schneller steigen als die Produktivität, der Kreditboom anhält und die Immobilienpreise rasant zulegen.
Nach Einschätzung des IWF kann die Euro‑Einführung das bulgarische Pro‑Kopf‑Einkommen binnen eines Jahrzehnts auf den EU‑Durchschnitt heben – allerdings nur in Verbindung mit solider Haushaltspolitik und Strukturreformen.
Genau diese Haushaltsdisziplin steht nun infrage.
Eurobank Research weist darauf hin, dass das Haushaltsdefizit 2025 auf 3,5 % des BIP anwuchs und damit die Marke von 3,0 % überschritt, ab der die EU‑Kommission ein mögliches Defizitverfahren prüft.
Die nationalen Primärausgaben stiegen Schätzungen zufolge um 13 bis 14 % zum Vorjahr und lagen damit deutlich über der im mittelfristigen Finanzplan festgelegten Obergrenze von 6,2 %.
Ein erheblicher Teil dieser Mehrausgaben scheint struktureller Natur zu sein, insbesondere bei den Personalkosten. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit deutlich, dass Bulgarien ab 2027 in ein EU‑Defizitverfahren rutscht.
Allein im ersten Quartal 2026 schnellte das Defizit des Gesamtstaats im Jahresvergleich um 55,2 % nach oben – noch bevor kriegsbedingte Mehrausgaben im Zusammenhang mit dem Konflikt im Iran berücksichtigt sind.
Parallel hat sich die politische Lage verschoben. Die Partei „Progressives Bulgarien“ (PB), die mit dem ehemaligen Präsidenten Rumen Radew verbunden wird, errang erstmals seit fast drei Jahrzehnten eine eigene Mehrheit im Parlament und kommt nun auf 131 von 240 Sitzen.
Die neue Regierung erbt sowohl den haushaltspolitischen Schlendrian als auch ein Inflationsproblem, das sich rasch zum höchsten in der EU entwickelt: Die Jahresinflation sprang im April auf 6,2 % nach 2,8 % im März, die Energiepreise zogen um 16,1 % an, die Dienstleistungspreise um 8,3 %.
Spanien führt große Euro-Länder mit 2,7 % an
Unter den vier größten Volkswirtschaften des Euroraums sticht Spanien erneut deutlich hervor.
Laut dem spanischen Statistikamt INE wuchs das BIP im ersten Quartal 2026 zum Vorquartal um 0,6 % und im Jahresvergleich um 2,7 %. Gegenüber den 2,6 % im vierten Quartal 2025 ist das ein leichtes Plus.
Der Abstand zu den übrigen Schwergewichten ist groß: Deutschland kam im gleichen Zeitraum nur auf 0,3 % Wachstum, Frankreich auf 1,1 %, Italien auf 0,7 %. Nur Spanien hält beim Jahreswachstum mit den USA Schritt.
Die Struktur des spanischen Aufschwungs erklärt einen Teil dieser Widerstandskraft. Die Binnennachfrage steuerte 3,4 Prozentpunkte zum jährlichen BIP‑Plus bei: Die Konsumausgaben der privaten Haushalte legten um 3,2 % zu, die Bruttoanlageinvestitionen um 5,8 %. Der Außenhandel drückte das Wachstum dagegen um 0,7 Punkte, weil die Importe schneller stiegen als die Exporte – die starke Inlandsdynamik glich diesen Effekt jedoch mehr als aus.
BBVA Research schätzt in seinem Spain Economic Outlook vom März 2026, dass das spanische BIP 2025 um 2,8 % gewachsen ist, und erwartet für 2026 und 2027 jeweils 2,4 %.
Die Bank führt dies auf den schrittweisen Einsatz der Next‑Generation‑EU‑Mittel, anhaltende Zuwanderung und damit eine wachsende Erwerbsbevölkerung sowie steigende Verteidigungs- und Infrastrukturinvestitionen zurück. Die Arbeitslosenquote ist auf zehn Komma fünf Prozent gesunken und liegt damit so niedrig wie seit 2008 nicht mehr. Die Dienstleistungsexporte wachsen weiter deutlich schneller als das BIP.
BBVA Research verweist jedoch auch auf strukturelle Schwächen.
Die Produktivität je Beschäftigtem hat sich seit 2019 kaum verbessert, das Wohnungsangebot reicht nicht aus, um die Nachfrage zu decken, und die Staatsverschuldung nähert sich erneut der Marke von 100 % des BIP.
Laut BBVA könnten steigende geopolitische Risiken das BIP‑Wachstum 2026 um rund 0,2 Prozentpunkte dämpfen und die durchschnittliche Inflation um etwa 0,3 Punkte erhöhen – vor allem über höhere Öl- und Gaspreise.
Weitere Länder im Blick
Auch andere europäische Volkswirtschaften legten im ersten Quartal kräftig zu, selbst wenn sie im Jahresvergleich nicht an der Spitze der Tabelle stehen.
Ungarn verzeichnete unter den größeren Ländern das stärkste Quartalsplus mit 0,8 % und kam im Jahresvergleich auf 1,7 %. Finnland überraschte positiv mit 0,9 % Wachstum zum Vorquartal und 1,3 % im Jahresvergleich.
Aus einigen Volkswirtschaften in Mittel- und Osteuropa stehen die Zahlen noch aus, darunter Polen und Kroatien – beide hatten bereits im vierten Quartal ein kräftiges Wachstum gemeldet.
Die Bank ING erwartet, dass die polnische Wirtschaft im ersten Quartal 2026 um 3,6 bis 3,8 % zum Vorjahr wächst. Für das Gesamtjahr prognostiziert sie 3,7 % – deutlich mehr als im Euroraum.
Damit verlagern sich die Wachstumspole Europas im Jahr 2026 vorerst an den südlichen und östlichen Rand des Kontinents – und nicht mehr ins traditionelle industrielle Kernland des Blocks.