Nach Jahrzehnten knapper Rüstungsetats investiert Europa nun Milliarden in seine Verteidigung – bestimmte Branchen stehen vor einem Boom.
Europa hat beschlossen, seine Verteidigung wieder selbst in die Hand zu nehmen – nach Jahrzehnten, in denen Verteidigungshaushalte als Posten galten, den man leise kürzte oder ganz ignorierte.
Der Wendepunkt war Russlands umfassender Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022. Die Neubewertung hatte sich jedoch schon seit Jahren abgezeichnet. Die Verteidigungsausgaben der EU stiegen von 218 Milliarden Euro im Jahr 2021 auf voraussichtlich 381 Milliarden Euro im Jahr 2025, so die Europäische Verteidigungsagentur – ein Plus von 75 Prozent in nur vier Jahren.
Die weltweiten Militärausgaben erreichten in diesem Jahr einen Rekordwert von zwei Komma neun Billionen Dollar. Haupttreiber war Europa mit einem Anstieg um 14 Prozent auf 864 Milliarden Dollar (742 Milliarden Euro), wie das Friedensforschungsinstitut SIPRI berichtet. Deutschland überschritt erstmals seit 1990 das NATO-Ziel von zwei Prozent der Wirtschaftsleistung und kam auf zwei Komma drei Prozent.
Danach setzte die Politik darauf, diesen Kurs dauerhaft zu machen. Der Wiederaufrüstungsplan der EU, offiziell „Readiness 2030“, soll 800 Milliarden Euro an Verteidigungsinvestitionen mobilisieren. Die EU-Kommission will dafür über ein neues Instrument namens SAFE (Security Action for Europe) bis zu 150 Milliarden Euro an den Kapitalmärkten aufnehmen.
Die Ausweichklausel im Stabilitäts- und Wachstumspakt erlaubt den Mitgliedstaaten inzwischen, Verteidigungsausgaben außerhalb der üblichen Haushaltsregeln zu erhöhen. Nach Schätzung der Kommission könnte ein Anstieg der Verteidigungsbudgets um eins Komma fünf Prozentpunkte des BIP in vier Jahren knapp 650 Milliarden Euro an finanziellem Spielraum schaffen.
Die wichtigsten EU-Staaten fahren ihre zuvor schleppende Rüstungsproduktion wieder hoch. Davon profitieren einige Branchen besonders.
1. Rüstungsnahe Industrie
Europas klassische Rüstungskonzerne – Rheinmetall, Leonardo, Saab und andere – erleben derzeit einen Boom, der vor zehn Jahren noch kaum vorstellbar gewesen wäre. Damals galten Rüstungsaktien als politisch heikle Anlage.
Allein die Munitionsproduktion in der EU ist von rund 300.000 Schuss pro Jahr 2022 auf voraussichtlich zwei Millionen Schuss bis Ende 2025 gestiegen. Dieses Expansionstempo übertrifft laut „Financial Times“ und dem Thinktank des Europäischen Parlaments die üblichen Wachstumsraten in Friedenszeiten um den Faktor drei.
In Deutschland legten die inländischen Aufträge für rüstungsnahe Industrien Ende 2025 im Vergleich zu den bereits erhöhten Niveaus nach Kriegsbeginn um mehr als 50 Prozent zu.
Die EU-Kommission lenkt inzwischen gezielt Mittel in den Ausbau der Produktionslinien großer Hersteller und in die Verkürzung der Lieferzeiten. Bei manchen Luftverteidigungssystemen liegen diese derzeit noch bei mehreren Jahren.
Strukturell bleibt jedoch ein Problem: Der europäische Rüstungsmarkt ist bis heute kaum integriert. Nach Angaben der Münchner Sicherheitskonferenz gingen historisch nur neun Prozent der ausgeschriebenen Aufträge an Anbieter aus anderen EU-Staaten. Heimische Unternehmen sicherten sich mehr als drei Viertel des Volumens.
Genau diese Ineffizienz soll die neue Ausgabenwelle beheben – bislang mit überschaubarem Erfolg.
2. Drohnen
Keine Technologie hat sich so tief in das sicherheitspolitische Denken Europas eingebrannt wie die Drohne. Sie ist billig, ersetzbar und tödlich – und Russland produziert sie in Massen, mit einem Tempo, das Europas Industrie noch nicht erreicht.
Die Antwort fällt schnell und teuer aus. Frankreich stellt im Rahmen seines aktualisierten Militärprogramms acht Komma fünf Milliarden Euro bereit, um Munitions- und Drohnenlager aufzufüllen. Allein die Bestände an Explosivdrohnen sollen bis 2030 um 400 Prozent wachsen.
Im April 2026 vereinbarten Deutschland und die Ukraine ein Rüstungspaket im Volumen von vier Milliarden Euro. Es umfasst auch Vereinbarungen zur gemeinsamen Drohnenproduktion und ist Teil einer breiteren Initiative, die europäische Fertigung autonomer Systeme hochzufahren.
Die EU startete Anfang 2026 die European Drone Defence Initiative (EDDI). Ziel ist ein mehrschichtiger, rundum wirkender Drohnenschutzschirm über den Mitgliedstaaten bis 2027.
Das deutsche Unternehmen Quantum Systems, dessen Drohne „Vector“ in der Ukraine im Einsatz war, hat sich zu einem der wichtigsten europäischen Hersteller von Aufklärungs- und Überwachungssystemen (ISR) entwickelt. Die Umsätze wachsen sowohl im militärischen als auch im zivilen Bereich.
3. Cybersicherheit
Der Cyberraum gilt inzwischen als eigenständiges Kriegsgebiet, und Europas Regierungen geben entsprechend mehr aus. Der Schwerpunkt verlagert sich weg von allgemeiner „IT-Sicherheit“ hin zum Schutz kritischer Infrastrukturen.
Im Jahr 2025 stellte die EU 145,5 Millionen Euro bereit, um die Cybersicherheit in kleinen und mittleren Unternehmen, in Behörden und im Gesundheitswesen zu stärken.
Am 20. Januar 2026 legte die EU-Kommission ein neues Cybersicherheitspaket vor. Es enthält Änderungen an der NIS2-Richtlinie, soll die Umsetzung vereinfachen und die europäische IKT-Lieferkette besser gegen Risiken aus Drittstaaten absichern.
Die Europäische Investitionsbank führt Cybersicherheit ausdrücklich als eine ihrer Finanzierungsprioritäten im Bereich Verteidigung und Sicherheit. Die Marktprognosen sind hoch, auch wenn die Methoden der Analysehäuser voneinander abweichen.
Laut Zahlen des CONTEXT Panel Europe stiegen die Umsätze mit Cybersicherheitslösungen in Europa im April 2026 gegenüber dem Vorjahr um zehn Prozent. Besonders stark wuchs mit achtzehn Prozent der Bereich Identity and Access Management, der unmittelbar mit dem Schutz sensibler Regierungs- und Militärsysteme verknüpft ist.
Die Doppelrolle vieler Cybersicherheitslösungen führt dazu, dass höhere Verteidigungsausgaben auch den zivilen Sicherheitsmarkt nach oben ziehen.
4. Industriemetalle
Die Logik ist simpel: Militärgerät ist schwer und besteht aus Metall. Schiffe, gepanzerte Fahrzeuge, Artilleriesysteme, Raketenwerfer – all das verschlingt große Mengen an Metallen, ganz anders als Softwareverträge oder Beratungshonorare.
Nach Berechnungen von Goldman Sachs fließen rund 40 Prozent des zusätzlichen europäischen Verteidigungsbudgets in die Beschaffung metallintensiver Ausrüstung – etwa doppelt so viel wie die sonst in der NATO üblichen 20 Prozent.
In der Summe ist der Effekt beachtlich. Goldman rechnet damit, dass die europäische Wiederbewaffnung die Nachfrage der Region nach Industriemetallen bis 2027 um sechs Prozent steigen lässt – ein auffälliger Sprung, zumal Verteidigung im Jahr 2023 nur etwa zwei Prozent des Metallverbrauchs in Europa ausmachte.
Weltweit könnte der rüstungsbedingte Zusatzbedarf der Bank zufolge die Kupfernachfrage um null Komma neun Prozent erhöhen, Nickel um eins Komma drei Prozent und Stahl um null Komma vier Prozent. Kupfer, das in nahezu allen militärischen Systemen steckt – in Fahrzeugen, Waffen, Verkabelung, Energie- und Kommunikationsinfrastruktur –, dürfte der größte Gewinner sein.
Auch der EU-Branchenausblick 2026 von ING nennt die metallintensive Rüstungsproduktion als einen der wichtigsten Wachstumstreiber der Industrie – neben Künstlicher Intelligenz und dem Ausbau der Elektrifizierungsinfrastruktur.
5. Halbleiter
Dieser Bereich ist für Europa besonders unangenehm, denn der Boom geht auch darauf zurück, dass der Kontinent seine Verwundbarkeit bei Halbleiter-Lieferketten erkannt hat.
Moderne Waffensysteme – von Lenkflugkörpern über Aufklärungsarchitekturen bis zu verschlüsselten Kommunikationsnetzen – basieren auf hochsicheren Prozessoren, die in Europa weitgehend nicht hergestellt werden.
Über Jahrzehnte stützte sich Europa bei verteidigungsfähigen Chips auf US-Anbieter und verlagerte die Fertigung in asiatische Werke. Diese Lieferkette funktionierte in Friedenszeiten effizient, erweist sich in Krisen jedoch als fragil.
Das 2026 gestartete European Defence Industry Programme (EDIP), ein grenzüberschreitendes Beschaffungsinstrument mit einem Volumen von eins Komma fünf Milliarden Euro, soll diese Abhängigkeit gezielt verringern. Nach Angaben des Thinktanks CEPA sind Mittel speziell für Galliumnitrid-Halbleiter vorgesehen, die in Radar- und elektronischen Kampfsystemen zum Einsatz kommen.
Der Chef der Europäischen Verteidigungsagentur warnt jedoch, dass die europäische Rüstungsbasis weiterhin zersplittert und auf nichteuropäische Mikroelektronik angewiesen bleibt.
Wie das Global Policy Journal betont, verschafft Europas Rolle im globalen Halbleiterökosystem zwar politischen Einfluss. Daraus eine eigenständige Produktion verteidigungsfähiger Chips zu machen, ist jedoch ein langfristiges Projekt.