SpaceX, OpenAI und Anthropic planen in den nächsten Monaten den Börsengang. Ihr Wert könnte 4 Billionen Dollar erreichen – an der Wall Street mischt sich Euphorie mit Sorge.
An den Finanzmärkten hat es in ihrer Geschichte noch nichts gegeben wie das, was im Jahr 2026 bevorsteht.
SpaceX, OpenAI und Anthropic, drei private Schwergewichte mit einer gemeinsamen, geschätzten Bewertung von fast vier Billionen US-Dollar (3,44 Billionen Euro), bereiten sich darauf vor, innerhalb weniger Monate an die Börse zu gehen.
Das schiere Ausmaß dieser Pläne übertrifft alles, was es bisher gab. Es wirft die Frage auf, die sich Banker, Fondsmanager und Kleinanleger zunehmend dringlich stellen: Können die Aktienmärkte alle drei Emissionen verkraften?
Die Antwort lautet vorerst: ja – allerdings mit deutlichen Einschränkungen und mit der Aussicht auf eine schwierige Eingewöhnungsphase.
SpaceX macht den Auftakt – und zielt hoch
Als erstes stellt sich SpaceX dem Publikum, Elon Musks Raketen- und Satellitenfirma. Sie peilt ein Nasdaq-Debüt unter dem Kürzel SPCX an – geplant ist der Börsenstart an diesem Freitag.
Im Februar übernahm das Unternehmen xAI, ein weiteres Unternehmen von Musk, in einer reinen Aktien-Transaktion. SpaceX kam dabei auf eine Bewertung von einer Billion US-Dollar (842 Milliarden Euro), xAI auf 250 Milliarden US-Dollar (210 Milliarden Euro). So entstand eine Einheit mit einer damals gemeldeten Bewertung von 1,25 Billionen US-Dollar (1,05 Billionen Euro) – und SpaceX erhielt einen direkten Zugang zum boomenden KI-Geschäft.
Laut einem vergangenen Mittwoch bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereichten Prospekt setzt SpaceX einen festen Ausgabepreis von 135 US-Dollar je Aktie an. Das Unternehmen will damit 75 Milliarden US-Dollar (64,5 Milliarden Euro) einsammeln und peilt eine Gesamtbewertung von rund 1,75 Billionen US-Dollar (1,5 Billionen Euro) an.
Schon die Mechanik dieser Preisfindung ist bemerkenswert. Firmen, die an die Börse gehen, geben normalerweise eine Preisspanne vor und lassen dann die Nachfrage der Investoren den endgültigen Preis bestimmen.
SpaceX verzichtet komplett auf diese gängige Praxis und veröffentlicht einen Fixpreis, noch bevor die Roadshow begonnen hat. Laut mehreren Berichten sprechen Investoren, die das Geschäft kennen, von einem Angebot, das sich deutlich von früheren Börsengängen unterscheidet. Das überrascht kaum, denn SpaceX zielt auf einen Rekorderlös.
Die Platzierung führen Goldman Sachs an, gemeinsam mit Morgan Stanley, Bank of America, Citigroup und JPMorgan Chase.
Gelingt es SpaceX, wie geplant 75 Milliarden US-Dollar (64,5 Milliarden Euro) aufzunehmen, würde der Konzern den bisherigen Rekord für ein IPO klar übertreffen. Den hält Saudi Aramco: Der staatliche Ölkonzern aus Saudi-Arabien sammelte 2019 beim Börsengang in Riad 29,4 Milliarden US-Dollar (25,3 Milliarden Euro) ein und erhöhte den Betrag 2020 noch, als er von einer Mehrzuteilungsoption Gebrauch machte.
Der Börsengang von SpaceX hat ein derartiges Gewicht, dass sich die Finanzmärkte schon jetzt auf ihn einstellen.
Indexanbieter überarbeiten ihre Regeln für die Aufnahme in Leitindizes. So senken Nasdaq-100 und FTSE Russell die Zahl der Handelstage, die vergehen müssen, bis Indexfonds die neuen Aktien automatisch zu kaufen beginnen – von mehreren Monaten auf die erste Woche.
Am vergangenen Donnerstag erklärte S&P Dow Jones Indices hingegen: „Für diese Indexfamilie gibt es keine Änderungen an der bestehenden Methodik.“ Damit stellte der Anbieter klar, dass er nicht nachzieht und den Anlegerschutz in den Vordergrund stellt.
Anbieter passiver Fonds berechnen, welche automatischen Kaufströme ein Indexeinzug von SpaceX auslösen würde. ETF-Gesellschaften arbeiten mit Hochdruck an neuen Produkten rund um die Aktie, und Banken haben die Mindestanforderungen für Kunden gesenkt, die zeichnen wollen.
So senkte zum Beispiel Fidelity die Mindestkontogröße für eine Teilnahme am IPO von bis zu 500.000 US-Dollar (430.500 Euro) auf nur zweitausend US-Dollar (1.700 Euro).
Laut Berichten will Elon Musk zudem bis zu dreißig Prozent der Aktien von Beginn an für Privatanleger reservieren und ihnen damit einen ungewöhnlich breiten Zugang verschaffen. Bei Großemissionen erhielten Privatanleger historisch meist nur fünf bis zehn Prozent der angebotenen Aktien.
SpaceX bezeichnet die Beteiligung von Kleinanlegern ausdrücklich als Priorität und verweist Interessenten auf eine Liste von Online-Brokern, darunter SoFi, Robinhood, E*Trade, Schwab und Fidelity.
Musk versucht, Liquidität aus möglichst vielen Quellen zu bündeln. Gleichzeitig weist SpaceX in den Risikohinweisen darauf hin, dass hohe Privatanlegerbeteiligung die Kursschwankungen verstärken könnte.
OpenAI und Anthropic stehen bereit
Im Hintergrund positionieren sich Anthropic und OpenAI – die beiden dominierenden Konzerne im Rennen um die nächste Generation von KI-Modellen.
Anthropic, das Unternehmen hinter der Claude-Familie von KI-Systemen, hat vergangene Woche Montag vertraulich bei der SEC einen Börsengang beantragt. Zuvor hatte es eine Series-H-Finanzierungsrunde über 65 Milliarden US-Dollar (56 Milliarden Euro) abgeschlossen und nach eigenen Angaben eine Bewertung von 965 Milliarden US-Dollar (831 Milliarden Euro) erreicht.
Damit überholte Anthropic bei der Bewertung erstmals OpenAI.
Banker taxieren den möglichen Börsenwert von Anthropic auf rund eine Billion US-Dollar (861 Milliarden Euro). Grundlage sind unter anderem die Erlöse: Nach Unternehmensangaben lag der annualisierte Umsatz im Mai bei rund 47 Milliarden US-Dollar (40,4 Milliarden Euro), ein deutlicher Sprung gegenüber etwa zehn Milliarden US-Dollar (8,6 Milliarden Euro) im Vorjahr.
OpenAI, der Entwickler von ChatGPT und einer der weltweit führenden KI-Anbieter, hat Ende Mai 2026 vertraulich einen Börsenprospekt eingereicht. Berater sind Goldman Sachs und Morgan Stanley.
Im März 2026 nahm OpenAI 122 Milliarden US-Dollar (105 Milliarden Euro) ein. Die Runde bewertete das Unternehmen laut mehreren Berichten mit 852 Milliarden US-Dollar (733,7 Milliarden Euro).
Analysten gehen davon aus, dass OpenAI an der Börse eine Bewertung zwischen diesem Wert und einer Billion US-Dollar (861 Milliarden Euro) anstrebt. Ein Listing-Fenster ab September gilt als möglich, geplant ist eine Kapitalaufnahme von mindestens 60 Milliarden US-Dollar (51,6 Milliarden Euro).
Zusammen könnten SpaceX, Anthropic und OpenAI innerhalb weniger Monate bis zu vier Billionen US-Dollar (3,44 Billionen Euro) an Marktkapitalisierung hinzufügen. Laut Schätzungen von Goldman Sachs könnten sie dabei insgesamt mehr als 200 Milliarden US-Dollar (172,2 Milliarden Euro) einsammeln.
Ein Stresstest ohne Vorbild?
Zur Einordnung: Goldman Sachs hatte bislang prognostiziert, dass der gesamte US-Markt für Börsengänge im Jahr 2026 rund 160 Milliarden US-Dollar (137,7 Milliarden Euro) einsammeln könnte.
Die drei Emissionen zusammen würden diesen Wert, falls sie ihre Ziele erreichen, allein übertreffen.
Von 2016 bis 2025 sammelte der gesamte US-IPO-Markt nach Daten des auf Börsengänge spezialisierten Analysehauses Renaissance Capital rund 469 Milliarden US-Dollar (403,8 Milliarden Euro) ein.
Die drei Unternehmen wollen nun in wenigen Monaten fast die Hälfte dieses Betrags vom Markt holen.
Es gibt allerdings einen technischen Punkt, der den unmittelbaren Druck auf die Märkte mindert.
Indexanbieter wie Nasdaq und FTSE Russell gewichten neue Unternehmen nicht nach ihrer gesamten Marktkapitalisierung, sondern nach dem sogenannten Free Float, also nur nach dem Anteil der Aktien, der tatsächlich frei handelbar ist.
SpaceX bringt zum Start beispielsweise nur rund vier Prozent seines Eigenkapitals in den Handel. Das bedeutet: In den großen Indizes hat die Aktie zunächst nur ein Gewicht von Bruchteilen eines Prozents. Indexfonds, die diese Benchmarks nachbilden, müssen daher nicht sofort große Pakete kaufen.
Diese Sicht teilt auch Citi. Analyst JP Coviello schrieb vergangene Woche in einer Notiz an Kunden, die Welle an Mega-IPOs sehe im historischen Vergleich groß aus, „doch wir glauben, der Markt kann sie absorbieren“. Anfangs würden die Indexgewichte eher moderat sein und sich nur langsam erhöhen, so Coviello.
Morgan Stanley, das beim Börsengang von OpenAI mitberät, beurteilt das Umfeld ähnlich positiv.
Eddie Molloy, Global Co-Head of Equity Capital Markets der Bank, beschreibt die Lage so: Die Aktivität bei Börsengängen ziehe in vielen Branchen an, getrieben vom Fokus der Investoren auf langfristige Strukturtrends. Als Beispiele nennt er den Ausbau der KI-Infrastruktur sowie Luft- und Raumfahrttechnologien – zwei Kräfte, die die Emissionspipeline neu formen.
Sperrfristen für Altaktionäre verlängern diesen Prozess. Die meisten Insiderbeteiligungen an SpaceX dürfen mindestens ein Jahr lang nicht verkauft werden. Ähnliche Klauseln erwarten Beobachter auch bei Anthropic und OpenAI.
Die volle Wirkung dieser Börsengänge auf die Aktienmärkte entfaltet sich daher eher über Jahre als über Wochen. Das verringert das Risiko eines plötzlichen Liquiditätsschocks, vor dem viele Marktteilnehmer bislang warnten.
Wie tragfähig sind Billionen-Bewertungen?
Offen bleibt, ob sich die angestrebten Bewertungen mit den zugrunde liegenden Geschäften rechtfertigen lassen.
Keines der drei Unternehmen schreibt nach gängigen Maßstäben schwarze Zahlen. Interne Prognosen von OpenAI sehen allein für 2026 einen Verlust von vierzehn Milliarden US-Dollar (12 Milliarden Euro) vor. Anthropic rechnet im zweiten Quartal mit einer operativen Marge von rund fünf Prozent – wenig für ein Unternehmen, das an der Börse nahe einer Billion US-Dollar (861 Milliarden Euro) wert sein möchte.
Studien, die Börsengänge von 1980 bis 2024 auswerteten, zeigen: Firmen mit Bewertungen von mehr als dem Vierzigfachen ihres Umsatzes schnitten in den drei Folgejahren im Schnitt schlechter ab als der Gesamtmarkt.
SpaceX würde bei der geplanten Bewertung von 1,75 Billionen US-Dollar (1,5 Billionen Euro) zu einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von über neunzig starten. Im Prospekt weist das Unternehmen für 2025 einen Umsatz von 18,7 Milliarden US-Dollar (16,1 Milliarden Euro) aus.
Die Gegenposition der Skeptiker stützt sich auf etwas schwer Messbares: die Möglichkeit, dass KI-Einsatz die Produktivität tatsächlich so stark verändert, dass herkömmliche Bewertungsmaßstäbe nicht mehr greifen.
Die OECD verweist in ihrem jüngsten Economic Outlook auf den Handel mit KI-bezogenen Gütern und Dienstleistungen als einen der zentralen Treiber des weltweiten Wachstums im Jahr 2025. Demnach trugen hohe KI-bezogene Handelsvolumina dazu bei, dass der Warenhandel im vergangenen Jahr um fünf Prozent zunahm – besonders deutlich in vielen asiatischen Volkswirtschaften.
Die Organisation nennt außerdem Investitionen in KI als einen der wichtigsten positiven Risikofaktoren für die globale Konjunktur. „Die Wirkung auf das Wachstum könnte sich verstärken, falls diese Ausgaben zu einer nachhaltigen Verbesserung der gesamtwirtschaftlichen Produktivität führen“, heißt es im Bericht.
Die OECD stellt zudem fest, dass das Vertrauen der Investoren in Produktivitätsgewinne durch KI dazu beigetragen hat, die hohen Bewertungen an den Finanzmärkten und günstige Finanzierungsbedingungen zu stabilisieren – trotz belastender geopolitischer Spannungen.
Das ist eine gewichtige Bestätigung der Grundthese hinter den aktuellen Bewertungen. Zugleich betont die OECD, „dass Ausmaß und Zeitpunkt der Produktivitätsgewinne durch KI-Einsatz hoch unsicher sind“.
Dennoch äußern einige Analysten und Fondsmanager zunehmend Zweifel an den Bewertungszielen von SpaceX. So setzt das Analysehaus Morningstar den fairen Wert von SpaceX auf weniger als die Hälfte der 1,75 Billionen US-Dollar (1,5 Billionen Euro), die das Unternehmen beim Börsengang anstrebt.
„Wir glauben, dass langfristig orientierte Investoren, die an den künftigen Projekten und möglichen Erfolgen von SpaceX teilhaben möchten, noch Gelegenheiten bekommen, dies mit größerer Sicherheitsmarge zu tun, als es die Erstnotiz voraussichtlich erlaubt“, heißt es in einer Analyse.
Der KI-Boom ist noch nicht endgültig bewiesen. Er ist jedoch so plausibel, dass einige der größten Konzerne der Welt – darunter Amazon, Nvidia und SoftBank, die alle an der Finanzierungsrunde von OpenAI im März beteiligt waren – bereits enorme Wetten darauf abgeschlossen haben.
Klar ist: Die kommenden Monate werden zu einem der wichtigsten Stresstests, die die öffentlichen Aktienmärkte je erlebt haben. Sollte der Börsenstart von SpaceX misslingen, dürfte das nicht nur die eigenen Aktionäre treffen.
Unternehmen mit KI-Bezug machen nach Marktdaten bereits rund zwei Fünftel des Werts im Leitindex S&P 500 aus.
Ein schwaches Börsendebüt einer der drei Emissionen würde zwangsläufig eine breitere Debatte darüber auslösen, ob die Bewertungen im gesamten KI-Sektor der Realität davongelaufen sind.