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Im Ruhestand und trotzdem im Job: Wo in Europa treibt Geldnot die meisten weiter an?

Rentner und Patienten protestieren am zweiten Tag des Streiks des Gesundheitspersonals in Bellvitge in Spanien am Mittwoch, 16. November 2011.
Rentner und Patienten protestieren am zweiten Tag des Streiks des Gesundheitspersonals in Bellvitge, Spanien, am Mittwoch, 16. November 2011. Copyright  Copyright 2011 AP. All rights reserved.
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Von Servet Yanatma
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Rund 13 Prozent der Rentnerinnen und Rentner in der EU arbeiten weiter. Oft steckt Geldmangel dahinter, aber auch neue Normen, Demografie und anhaltender Fachkräftemangel.

Renten fallen in allen europäischen Ländern deutlich niedriger aus als das letzte Erwerbseinkommen. In der EU bekam jemand, der zwischen 50 und 59 Jahren 100 Euro verdiente, im Jahr 2023 zwischen 65 und 74 Jahren im Schnitt 58 Euro Rente, so Eurostat.

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Für viele Ältere wird es dadurch schwer, ihren Lebensstandard nach dem Ruhestand zu halten. In der EU gilt fast jede sechste Rentnerin und jeder sechste Rentner als armutsgefährdet.

Viele Pensionierte arbeiten deshalb auch nach Rentenbeginn weiter. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Am häufigsten nennen sie Freude an der Arbeit und das Bedürfnis, produktiv zu bleiben (36,3 Prozent). Doch auch finanzielle Notwendigkeit ist ein wichtiger Antrieb (28,6 Prozent).

In welchen Ländern arbeiten Menschen nach Beginn der Altersrente besonders häufig weiter? Und in welchen europäischen Staaten spielt Geld den größten Ausschlag?

Im Jahr 2023, dem aktuellsten verfügbaren Jahr, arbeiteten in der EU 12,9 Prozent der Menschen in den ersten sechs Monaten nach Bezug ihrer ersten Altersrente weiter.

Der Anteil schwankt stark: Er reicht laut Eurostat von 1,7 Prozent in Rumänien bis 54,9 Prozent in Estland.

Mehr als zwei Fünftel der Rentnerinnen und Rentner arbeiten auch in Lettland (44,2 Prozent), Litauen (43,7 Prozent) und Schweden (41,7 Prozent) weiter. Es folgen zwei weitere nordische Länder, Norwegen (37,7 Prozent) und Finnland (28,5 Prozent). Zypern liegt mit 29,7 Prozent im Mittelfeld.

Neben Rumänien (1,7 Prozent) sind die Werte besonders niedrig in Griechenland (4,2 Prozent), Spanien (4,5 Prozent) und Kroatien (5 Prozent).

„Früher verfolgte Griechenland eine sehr strenge Linie gegenüber arbeitenden Rentnerinnen und Rentnern. Die Krise, Rentenkürzungen und die Rentenreform haben diese Position aufgeweicht“, sagte Professor Platon Tinios von der Universität Piräus Euronews Business.

Er ergänzte, eine wichtige Gesetzesänderung im Jahr 2022 habe zu einem sprunghaften Anstieg der registrierten arbeitenden Rentner geführt. Dieser Anstieg schlage sich jedoch noch nicht in den Daten nieder, weil er erst nach der zweiten Jahreshälfte 2023 einsetzte.

In mehreren Ländern ist finanzielle Not der Hauptgrund, weiterzuarbeiten. Unter jenen, die im Ruhestand weiterarbeiten, reicht der Anteil derjenigen, die finanzielle Gründe nennen, von 9,4 Prozent in Schweden bis 68,5 Prozent in Zypern.

„Wo immer Menschen angeben, aus finanzieller Notwendigkeit zu arbeiten, bedeutet das, dass sie ihre Rente als nicht ausreichend empfinden“, sagte Dr. Olga Rajevska von der Riga Stradins University gegenüber Euronews Business.

„Ein hoher Anteil solcher Antworten deutet darauf hin, dass das Rentensystem im jeweiligen Land unzureichend ist und kein ausreichendes Einkommen sichert.“

In Rumänien (54,3 Prozent) und Bulgarien (53,6 Prozent) gab mehr als die Hälfte an, aus finanzieller Not weiterzuarbeiten. In Kroatien (48,2 Prozent), Lettland (47,9 Prozent), Portugal (39 Prozent), Ungarn (38,1 Prozent), Frankreich (37,7 Prozent) und Deutschland (35,8 Prozent) liegt der Anteil jeweils bei mehr als einem Drittel.

Unter den vier größten Volkswirtschaften der EU weist Spanien mit 19,6 Prozent den niedrigsten Wert auf. Italien (29,7 Prozent) liegt knapp über dem EU-Durchschnitt.

Am unteren Ende folgen Norwegen (9,8 Prozent) und Schweden (9,4 Prozent) dicht aufeinander. In Tschechien und Luxemburg liegt der Anteil der aus finanziellen Gründen weiterarbeitenden Rentnerinnen und Rentner jeweils unter 15 Prozent.

Wie viele Rentner aus Not weiterarbeiten

Werden der Anteil der nach Rentenbeginn weiterarbeitenden Menschen und der Anteil mit „finanzieller Notwendigkeit“ als Hauptgrund zusammengeführt, zeigt sich der Gesamtanteil der Rentnerinnen und Rentner, die aus finanzieller Not arbeiten.

Auf EU-Ebene liegt dieser Wert bei 3,7 Prozent und reicht in Europa von 0,9 Prozent in Rumänien bis 21,2 Prozent in Lettland.

Zypern (20,3 Prozent) liegt ebenfalls bei mehr als einem Fünftel. Estland (17,3 Prozent) und Litauen liegen im zweistelligen Bereich.

„In den baltischen Staaten ist der wichtigste Faktor die finanzielle Notwendigkeit, weiterzuarbeiten, weil die Renten dort weit unter dem europäischen Durchschnitt liegen“, sagte Rajevska.

„Solange Menschen gesundheitlich dazu in der Lage sind, arbeiten sie weiter – schlicht, um sich einen angemessenen Lebensstandard leisten zu können.“

In Bulgarien (8,9 Prozent), Ungarn (7,7 Prozent) und der Slowakei (7,5 Prozent) arbeiten jeweils mindestens 7,5 Prozent aller Rentnerinnen und Rentner aus finanzieller Not weiter.

Unter den großen Volkswirtschaften hat Deutschland mit 4,5 Prozent den höchsten Anteil, Frankreich (3,7 Prozent) entspricht dem EU-Durchschnitt.

Spanien (1 Prozent) verzeichnet den geringsten Anteil an aus finanzieller Not arbeitenden Ruheständlern. Italien (2,8 Prozent) liegt ebenfalls unter dem EU-Durchschnitt.

Rentner heute gesünder und besser gebildet

Professor Kène Henkens vom Niederländischen Interdisziplinären Demografischen Institut (NIDI) betonte, dass Menschen in Ländern mit niedrigen Renten eher gezwungen sind weiterzuarbeiten. Aber auch in Ländern mit vergleichsweise guten Renten nehme die Erwerbstätigkeit nach dem Ruhestand zu. Dahinter stecken mehrere Gründe.

„Rentnerinnen und Rentner sind heute gesünder und besser ausgebildet als früher und haben deshalb eine stärkere Bindung zum Arbeitsmarkt“, sagte er Euronews Business.

„In den Eurostat-Zahlen sieht man, dass die meisten arbeitenden Ruheständler vor allem aus Freude und wegen der sozialen Kontakte weiterarbeiten.“

Normen im Wandel

Diese Entwicklung werde durch veränderte Einstellungen in den Unternehmen zusätzlich verstärkt, so Henkens.

„In den Niederlanden sehen wir sehr deutlich, dass Arbeitgeber der Beschäftigung von Menschen über das Rentenalter hinaus zunehmend positiv gegenüberstehen. Das hängt auch mit dem demografischen Wandel und anhaltenden Arbeitskräftemangel zusammen. Rentnerinnen und Rentner gelten als zusätzliche Arbeitskräfte-Reserve“, erklärte er.

Viele würden gern arbeiten, finden aber keinen Job

Henkens warnte, dass viele Rentnerinnen und Rentner in ärmeren Ländern zwar arbeiten möchten, aber keine Stelle finden. Die Zahlen erfassten nur diejenigen, die tatsächlich arbeiten. Die Zahl der Ruheständler, die unfreiwillig ohne Beschäftigung sind, könne sich von Land zu Land deutlich unterscheiden.

Tinios wies zudem darauf hin, dass die Möglichkeit, im Ruhestand weiterzuarbeiten, ein wichtiger Baustein einer Strategie für aktives Altern ist. Sie erhöhe die Flexibilität beim Übergang vom Vollzeitjob in den vollständigen Ruhestand. Gleichzeitig könne die Gesellschaft von der Erfahrung älterer Menschen profitieren und Lücken auf dem Arbeitsmarkt schließen, die durch demografische Entwicklungen entstehen.

Finanzielle Not ist ein relativer Begriff

Professor Lauri Leppik von der Universität Tallinn betonte, „finanzielle Notwendigkeit“ sei ein relativer Begriff und beziehe sich nicht automatisch auf die absolute Höhe der staatlichen Rente.

Er hob hervor, dass wirtschaftliche Motive – finanzielle Bedürfnisse oder der Wunsch, die staatliche Rente durch Erwerbseinkommen aufzustocken – wichtige Triebkräfte hinter der Erwerbstätigkeit von Rentnerinnen und Rentnern sind. Der Zusammenhang zwischen Rentenhöhe und Erwerbsarbeit im Rentenalter sei jedoch nicht geradlinig, sondern deutlich komplexer.

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