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Europas Arbeitstag greift immer stärker in die Freizeit ein

Eine erschöpfte Bürokraft am Schreibtisch, sichtbar gezeichnet von Müdigkeit und Stress – ein typisches Bild für Burnout am Arbeitsplatz.
Erschöpfter Angestellter am Schreibtisch, sichtbar müde und gestresst, ein typisches Bild für Burn-out im Job. Copyright  Nataliya Vaitkevich/Pexels
Copyright  Nataliya Vaitkevich/Pexels
Von Indrabati Lahiri
Zuerst veröffentlicht am
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Etwa jede*r fünfte Beschäftigte in der EU wird mehrmals im Monat nach Feierabend dienstlich kontaktiert – das treibt die Always-on-Kultur und erhöht den Stress deutlich.

Haben Sie schon einmal spät in der Nacht auf berufliche E-Mails geantwortet? Viele Menschen kennen genau diese Situation nur zu gut.

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Homeoffice und andere Formen ortsflexibler Arbeit haben sich stark ausgebreitet. Zusammen mit der anhaltenden Unsicherheit und Entlassungswellen auf dem globalen Arbeitsmarkt verwischt das die Grenze zu angemessenen Arbeitszeiten immer stärker.

Für Millionen Europäerinnen und Europäer greift die Arbeit immer weiter in die Freizeit hinein.

Laut einer wichtigen Eurofound-Studie, die im Juni veröffentlicht wurde, berichtet etwa ein Fünftel der Beschäftigten in der EU, dass sie aus beruflichen Gründen viele Male im Monat außerhalb der üblichen Arbeitszeit kontaktiert werden. Das sorgt für erheblichen zusätzlichen Stress und stärkt eine Always-on-Kultur.

Das Phänomen betrifft auch das Vereinigte Königreich. Der neue „Always-On Workforce Report 2026“ des Lebenslauf-Portals MyPerfectCV zeigt, dass mehr als die Hälfte der britischen Beschäftigten täglich über ihre reguläre Arbeitszeit hinaus arbeitet.

Kontakt außerhalb der Arbeitszeit treibt Stress

Rund 59 Prozent der von Eurofound befragten Beschäftigten in Europa geben an, bei der Arbeit immer oder fast immer unter Stress zu stehen. Je häufiger sie außerhalb der normalen Arbeitszeiten kontaktiert werden, desto höher ist das Stressniveau.

Nur 17 Prozent der Beschäftigten, die nie außerhalb der Arbeitszeit kontaktiert werden, fühlen sich gestresst.

Ähnlich fällt eine aktuelle Auswertung der britischen Arbeitskräfteerhebung durch den Gewerkschaftsbund Trades Union Congress (TUC) aus: Im vergangenen Jahr arbeiteten rund 3,5 Millionen Beschäftigte im Vereinigten Königreich – also etwa jede achte arbeitende Person – regelmäßig unbezahlte Überstunden. Ihr Einsatz entspricht einem geschätzten Gegenwert von 28,5 Milliarden Pfund, also 33,3 Milliarden Euro.

Die immer weiter um sich greifende Always-on-Kultur belastet die psychische Gesundheit und verschiebt die Balance zwischen Arbeit und Privatleben.

Eurofound nennt hohe Arbeitsbelastung als wichtigsten Grund für Kontakt außerhalb der Arbeitszeit in Europa.

Vor allem Beschäftigte im Homeoffice tun sich schwer, klare Grenzen zu ziehen. Sie leisten häufiger Überstunden, haben unregelmäßige Arbeitszeiten und erleben, wie Aufgaben in die Freizeit hineinreichen. Oft kommt noch die Erwartung hinzu, ständig erreichbar zu sein.

„Unter Beschäftigten mit flexiblen Anfangs- und Endzeiten berichten 64 Prozent, zumindest gelegentlich außerhalb der Arbeitszeit kontaktiert zu werden, verglichen mit 49 Prozent bei Beschäftigten mit festen Arbeitszeiten. Ein ähnliches Muster zeigt sich beim Arbeitsort: 63 Prozent der Telearbeitenden erleben solche Kontakte, gegenüber 48 Prozent der Beschäftigten, die ausschließlich in den Räumen ihres Arbeitgebers arbeiten“, heißt es in der Eurofound-Erhebung.

Laut Always-On Workforce Report haben 92 Prozent der Beschäftigten im Vereinigten Königreich Schwierigkeiten, in ihrer Freizeit gedanklich von der Arbeit abzuschalten. Das liegt deutlich über dem europäischen Durchschnitt von 78 Prozent. 88 Prozent fühlen sich zudem unruhig oder schuldig, wenn sie Urlaub beantragen.

Eine Mischung aus betrieblichen, persönlichen und kulturellen Faktoren verhindert oft, dass Beschäftigte wirklich abschalten. Viele fürchten, etwas zu verpassen, möchten Erwartungen ihres Managements erfüllen, haben Arbeits-Apps auf ihren Smartphones oder sorgen sich, als leicht ersetzbar zu gelten.

Europa reagiert: Recht auf Abschalten gewinnt an Bedeutung

Wie Länder das Recht auf Abschalten stärken

Um die Balance zwischen Arbeit und Privatleben besser zu schützen, haben mehrere europäische Staaten, darunter Frankreich, Italien, Belgien, Spanien, Portugal, Irland, Griechenland und Luxemburg, neue Regeln eingeführt. Dazu gehören gesetzliche Vorgaben, arbeitsrechtliche Bestimmungen und betriebliche Kodizes, die den Kontakt außerhalb der Arbeitszeit begrenzen und das Recht der Beschäftigten auf Ruhe sichern sollen.

Die Maßnahmen reichen von einem gesetzlichen Recht auf Unerreichbarkeit über Änderungen der Arbeitsgesetze bis hin zu Tarifverträgen und unverbindlichen Verhaltenskodizes. Im Vereinigten Königreich gibt es dagegen bislang kein eigenes gesetzliches Recht, nach Feierabend nicht mehr erreichbar sein zu müssen.

Trotz dieser Fortschritte bleibt die Umsetzung in der Praxis schwierig. Die nationalen Ansätze unterscheiden sich stark, Europa wirkt regulativ zersplittert. Arbeitgeber stoßen zudem auf tief verankerte Always-on-Kulturen in den Betrieben. Hybride Arbeit, internationale Zusammenarbeit und grenzüberschreitende Teams machen es zusätzlich schwer, klare Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit zu ziehen.

Besonders deutlich wird das bei Führungskräften und Beschäftigten mit flexiblen Arbeitsmodellen. Ihre Jobs bringen oft unregelmäßige Arbeitszeiten, große Eigenverantwortung und Zusammenarbeit über verschiedene Zeitzonen hinweg mit sich. Dadurch ist häufig unklar, wann sie verfügbar sein sollen und wo ihre persönliche Zeit beginnt.

In einigen Ländern gelten bestimmte Pflichten nur für Unternehmen ab einer bestimmten Größe. Beschäftigte in kleineren Betrieben erhalten dadurch mitunter deutlich weniger Schutz.

Viele Beschäftigte beantworten Nachrichten nach Feierabend dennoch freiwillig – aus Angst vor Nachteilen oder davor, als wenig engagiert zu gelten. Für Organisationen wird es dadurch noch schwieriger, eine dauerhafte Veränderung der Unternehmenskultur zu erreichen.

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