Die Spielzeuge stehen vor einer neuen Existenzkrise: der Technik. Schafft es der fünfte Film, den Zauber zurückzubringen, der bei „Toy Story 4“ fehlte?
Kein Filmfranchise hat je einen wirklich guten fünften Teil hervorgebracht.
Im Gegenteil: Teil fünf bedeutet für eine Reihe meist das Todesurteil.
Die Beispiele sprechen für sich – Reboots und Prequels zählen dabei nicht mit. Dirty Harry nahm mit The Dead Pool einen wenig würdevollen Abschied. Die Reihe Die Hard endete mit dem desaströsen A Good Day To Die Hard. Ghostbusters: Frozen Empire markierte einen Tiefpunkt des Franchise – hoffentlich als Schwanengesang. Die Serie Pirates of the Caribbean ging seit dem ersten Teil steil bergab und stürzte mit Dead Men Tell No Tales endgültig ab. Harrrison Ford hätte für Indiana Jones and the Dial of Destiny einen besseren Abschied verdient. Und wer meinte, Jason Bournes perfekte Trilogie brauche zwei Fortsetzungen und könne mit dem wackligen Jason Bourne enden, gehört ins Filmgefängnis.
Apropos perfekte Trilogien: Pixar gelang genau das im Jahr 2010 mit Toy Story 3. Der Film setzte der Reihe, mit der das Studio 1995 seine Kinogeschichte begann, ein makelloses Finale. Er war spannend und vielschichtig, schenkte dem Publikum den besten Schurken seit Hannibal Lecter – Sunnysides charismatischen, gequälten und geradezu genozidalen Lots-O'-Huggin’ Bear. Und das Finale traf emotional so tief, dass man jeden Zuschauer ohne Träne im Auge problemlos in einen abgedunkelten Raum zur Voight-Kampff-Prüfung abführen konnte.
Neun Jahre später würdigte Pixar diesen eigenen Coup offenbar nicht mehr ausreichend. Mit Dollarzeichen in den Augen legte das Studio einen vierten Teil nach – ein Pseudo-Epilog mit einem suizidalen Spielzeug und erstaunlich düsteren Horrorelementen. Als Geschichte über persönliches Wachstum und die vielen Abschiede im Leben war das mutig. Trotzdem haftete dem Film etwas Überflüssiges an, und an die Qualität der ersten drei Teile kam er nicht heran.
Ein weiterer Nachschlag war trotzdem unausweichlich: Toy Story 4 spielte weltweit mehr als eine Milliarde Dollar ein. Und so lässt sich nun mit schwerem, wenn auch kaum überraschten Herzen verkünden: Toy Story 5 bestätigt die Regel vom missglückten fünften Teil.
Das heißt nicht, dass der Film missraten wäre. Er ist klar stärker als sein Vorgänger und trägt einige der typischen Reize der Reihe in sich. Dennoch wirkt alles wie ein leicht luftleerer Recyclingversuch. Man kann sich eben nur eine begrenzte Zahl von Abschieden von unseren Lieblingsspielzeugen zumuten, bevor sich das Ganze wie eine von oben verordnete Gefühlsattacke des Studios anfühlt.
Toy Story 5 führt die Reihe zurück in Bonnies Kinderzimmer. Cowgirl Jessie (Joan Cusack) ist inzwischen Sheriff und führt die Spielzeuge an, die sich einer neuen existenziellen Bedrohung stellen müssen: der Technologie.
Weil sie keine Freunde findet und Kinder kaum noch mit Spielzeug spielen, wird die einsame Bonnie schnell zum iPad-Kind. Ihre Eltern geben nach und kaufen ihr ein Tablet namens Lilypad (Greta Lee).
Bonnie verfällt dem Bildschirm und vergisst die eigentliche Freude am Spielen. Ihre Spielzeuge werden nervös wegen des technischen Eindringlings, und Jessie schmiedet einen Plan, um das Mädchen zu retten. Dabei gerät sie von der Gruppe getrennt und muss sich ihren alten Traumata stellen. Woody (Tom Hanks), Buzz (Tim Allen) und der Rest der Bande machen sich auf, sie zurückzuholen.
Zusammen mit Kenna Harris geschrieben und von Andrew Stanton inszeniert, profitiert Toy Story 5 von einem hochaktuellen Thema. Der Film erzählt von Bildschirmabhängigkeit, sozialer Isolation und den oberflächlichen Bindungen einer angeblich „vernetzten“ Zeit. Passend dazu denken immer mehr Länder über Social-Media-Verbote für unter Sechzehnjährige nach – zuletzt das Vereinigte Königreich.
Positiv ist, dass das Drehbuch Lilypad nicht einfach als böse abstempelt. Es vermeidet die simple Gleichung „Technik = schlecht, Altmodisch = gut“ und lässt Raum für Nuancen, wenn es um die Entwicklung menschlicher Beziehungen geht. Doch die Geschichte läuft auf ein enttäuschend zahmes Fazit hinaus. Es wirkt, als hätten Harris und Stanton kurz vor Schluss die Nerven verloren und ihre Erzählung über aufdringliche, potenziell schädliche Technik lieber als sanften Rat denn als ernsthafte Warnung verstanden.
Dieser Schwachpunkt – ebenso wie eine deutlich zähere erste Hälfte mit einer ganzen Armada von Lightyears – wird immerhin durch eine andere Entscheidung aufgewogen: Jessie rückt endlich ins Zentrum.
Sie übernimmt endlich die Bühne vom Duo Woody und Buzz. Ihre Mission, Bonnie zu einer echten Freundin zu verhelfen, sorgt für einige Momente, die an den Tränendrüsen zupfen. Toy Story 5 knüpft zudem an die herzzerreißende, mit „When She Loved Me“ unterlegte Montage aus Toy Story 2 an und taucht erneut in Jessies alte Verlassenheitsängste ein. Doch auch hier trifft die Auflösung nicht so hart, wie sie könnte, und ein Großteil des emotionalen Abschlusses wirkt wie eine Wiederholung früherer Filme.
Trotzdem bleibt Joan Cusack ein Schatz. Mehr von ihr im Kino, bitte.
Unbestreitbar ist: Selbst ein schwacher Toy Story-Film ist immer noch ein guter Film. Auch diese fünfte Geschichte berührt liebgewonnene Motive der Reihe – Erwachsenwerden, die Kraft der Fantasie, Verlust – und das warmherzige Finale lässt sich schwer kritisieren. Doch wie ein trauriges Spielzeug es formuliert: „Das Zeitalter der Spielzeuge ist vorbei.“ Und nach Toy Story 5 zu urteilen, reicht der Zauber von Pixars Abenteuern nicht mehr bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter.
Wenn ein Film sich wie eine Best-of-Zusammenstellung für eine neue Generation anfühlt und die Frage „Brauchten wir wirklich einen neuen Toy Story?“ offen lässt, ist es vielleicht an der Zeit, endlich erwachsen zu werden, die Spielzeuge in die Kiste zu räumen – und den besten Pixar-Film noch einmal anzuschauen.
Ratatouille. Natürlich Ratatouille. Und wer anderer Meinung ist, bestätigt nur, dass Buzz aus dem Jahr 1995 recht hatte, als er sagte: „Anscheinend gibt es hier kein intelligentes Leben.“
Toy Story 5 startet weltweit am 19. Juni in den Kinos.