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Streit um «Passeport»: Warum eine französische Stadt ein Flüchtlingsstück absetzt

Der neu gewählte rechtsextreme Bürgermeister von Castres ließ eine Aufführung von Alexis Michaliks „Passeport“ absagen.
Castres: Neuer Bürgermeister von Rechtsaußen stoppt Alexis-Michalik-Stück „Passeport“. Copyright  Alejandro Guerrero/Théâtre de la Renaissance
Copyright Alejandro Guerrero/Théâtre de la Renaissance
Von Sarah Miansoni
Zuerst veröffentlicht am
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Bürgermeister stoppt Flüchtlingsstück: In Frankreich wächst der Protest, Kritiker fürchten wachsenden Einfluss der extremen Rechten auf die Kultur.

Trotz drückender Hitze haben sich am Samstag Hunderte Menschen vor dem Theater von Castres im Süden Frankreichs versammelt. Sie standen nicht für eine Aufführung an, sondern protestierten gegen die Absage eines Stücks.

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Auslöser der Demonstration ist ein Streit zwischen dem neu gewählten Bürgermeister von Castres und einem der derzeit erfolgreichsten Dramatiker Frankreichs.

Am 10. Juni überraschte Alexis Michalik die Theaterbranche und das Publikum gleichermaßen: Er gab bekannt, dass er eine für Februar 2027 geplante Aufführung seines Stücks „Passeport“ in Castres abgesagt hat.

Der Autor und Regisseur erklärte auf Instagram, die Entscheidung sei „in letzter Minute auf Wunsch der neu gewählten Vertreter des RN [Rassemblement National, rechtsextreme Partei in Frankreich]“ gefallen.

„Passeport“ hatte 2024 Premiere. Das Stück erzählt die Geschichte von Issa, einem jungen Mann aus Eritrea, der in einem Flüchtlingslager in Nordfrankreich unter Amnesie leidet und sich auf den Weg macht, eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Es verhandelt „Geschichten von Exil, Identität, Integration und Austausch“ – Themen, mit denen sich Castres Bürgermeister Florian Azéma offenkundig schwer tut.

Der Kommunalpolitiker strich das Stück aus dem Kulturprogramm der Stadt für die Saison 2026/2027. Er betonte, er habe „jedes Recht“, diese Entscheidung zu treffen.

„Diese Entscheidungen waren noch unter der vorherigen Mehrheit gefallen, und ich war völlig frei, sie rückgängig zu machen“, sagte Azéma der Nachrichtenagentur AFP. Der rechtsradikale Bürgermeister wetterte gegen ein Stück, das „illegale Einwanderer verherrlicht und ein ziemlich eigenartiges Bild der Polizei zeichnet; das spiegelt natürlich nicht das wider, wofür ich im Bürgermeisterwahlkampf eingetreten bin“.

Azémas Vorgehen fällt in eine Zeit, in der der Umgang der extremen Rechten mit Kultur in Frankreich immer stärker in den Blick gerät. In den vergangenen Monaten meldeten sich Akteurinnen und Akteure der Verlagsbranche und der Filmbranche zu Wort und warnten vor dem wachsenden Zugriff des konservativen Milliardärs Vincent Bolloré auf die Kultur.

Auch Musikerinnen und Musiker äußerten ihre Sorge. In der vergangenen Woche veröffentlichten sie in der französischen Zeitschrift „Politis“ einen Gastbeitrag, in dem sie die „künstlerische Freiheit“ verteidigen und zu „Widerstand gegen die extreme Rechte“ aufrufen.

Bei den diesjährigen Kommunalwahlen rückte die Frage vor allem lokal in den Fokus. Der Rassemblement National und seine Verbündeten gewannen 2026 63 weitere Städte hinzu – darunter Castres.

„Ich mache mir nicht nur um ‚Passeport‘ Sorgen“, schrieb Michalik auf Instagram. „Ich mache mir Sorgen um alle Werke, alle Künstlerinnen und Künstler und alle Programmverantwortlichen, die morgen dasselbe Schicksal treffen könnte.“

Der Dramatiker erhält breite Unterstützung, unter anderem von Kulturministerin Catherine Pégard. Sie nannte die künstlerische Freiheit „einen Grundpfeiler unserer demokratischen Gesellschaft“.

„Ich verurteile die Absage dieser Aufführung allein mit der Begründung, dass ihr Thema nicht mit den politischen Ansichten des Bürgermeisters von Castres übereinstimmt“, sagte sie am 16. Juni in der Nationalversammlung.

Auch Tiago Rodrigues, Direktor des renommierten Festival d’Avignon, erklärte sich mit Michalik „solidarisch“. Er bekräftigte zugleich, er werde „nicht mit einem gewählten Vertreter des RN zusammenarbeiten“.

In Castres wird „Passeport“ zwar nicht auf die Bühne kommen. Im Pariser Théâtre de la Renaissance läuft die Erfolgsproduktion jedoch weiter – das Haus bietet Menschen, die in Castres geboren sind oder dort leben, sogar 50 Prozent Rabatt auf den Eintritt.

Der sozialistische Bürgermeister von Lomme in Nordfrankreich bot außerdem an, das Stück im Dezember in seiner Stadt zu zeigen. Anfang Januar kehrt „Passeport“ dann für eine Sonderaufführung auch in den Süden des Landes zurück.

„Die Aufgabe eines gewählten Vertreters besteht nicht darin zu bestimmen, was die Menschen sehen oder denken dürfen“, schrieb der sozialistische Präsident des südfranzösischen Départements Tarn, Christophe Ramond, auf X. „Kultur darf niemals zum Spielball der Politik werden.“

Weitere Quellen • La Dépêche

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