Vor fast 500 Jahren verwandelte eine beispiellose Dürre Mitteleuropa in eine staubtrockene Landschaft. Flüsse trockneten aus, Ernten verbrannten, Menschen und Tiere starben. Was die Megadürre von 1540 über die Risiken extremer Hitze verrät.
Ein Jahr, in dem es elf Monate lang nicht regnen sollte, ist heute kaum vorstellbar. Doch Mitteleuropa hat diese Trockenphase erlebt - vor rund 486 Jahren.
Als der Januar 1540 trocken begann, wussten die Leute noch nicht, wie lange sie auf den nächsten richtigen Niederschlag warten werden müssen. Ein internationales Forscherteam hat diese sogenannte "Megadürre" untersucht.
Auf der Grundlage von mehr als 300 dokumentarischen Wetterberichten aus erster Hand ermittelten die Wissenschaftler das Ausmaß der Dürre von 1540. Federführend war Oliver Wetter von der schweizer Universität Bern, die Studie wurde 2014 in der Fachzeitschrift Climatic Change veröffentlicht.
In den Berichten aus Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland wurde die Bodentrocknung festgehalten. Das hat Rückschlüsse auf die Temperaturen ermöglicht. Weitere Berichte über die Flusspegel sowie Feld-, Wald- und Siedlungsbrände stützten die Ergebnisse. Insgesamt war ein Gebiet von zwei bis drei Millionen Quadratkilometern Grundlage der Untersuchung.
Der Winter warm "wie im Juli"
"Es regnete nur mal drei Tage im März", hat der Winzer Hans Stolz im Elsass notiert. Die Nächte in Mitteleuropa waren sternenklar, tagsüber schien auch in den Wintermonaten ständig die Sonne. Kaum Schnee, kaum Eis. In Russland hingegen klagten die Menschen über anhaltenden Schnee und Regenfluten.
Selbst anderthalb Meter unter manchem Flussbett in der Schweiz fand sich "kein Tropfen", so notierte es sich demnach der Chronist Hans Salat im Sommer. Sogar große Ströme wie Elbe, Rhein und Seine "waren so klein, dass man zu Fuß durchging", haben weitere Zeitzeugen niedergeschrieben.
Das Frühjahr verlief sonnig und komplett trocken, zwischen Februar und dem 29. September habe es keinen gesamten Tag oder keine Nacht geregnet, hielt der Zürcher Reformator Heinrich Bullinger fest.
Heute wissen Meteorologen, dass Trockenheit im Süden oft Vorbote für andauernde Hitze im Norden des Kontinents ist. Im Winter 1540 notierte man sich in Italien beispielsweise, dass es warm und "wie im Juli" sei, wie eine Wetterchronik belegt. In Spanien wurden seit Oktober 1540 sogar Bittprozessionen für Regen abgehalten.
Historische Zeugnisse wie die Aufzeichnungen einzelner Landwirte, Weinbauern und anderer Leute geben zwar Auskunft über fehlende Niederschläge, doch es ist davon auszugehen, dass die Informationen lückenhaft und nach persönlichem subjektivem Eindruck niedergeschrieben wurden.
Ausgetrocknete Böden, leere Flussbetten
Risse im Boden waren so tief, dass Leute ihre Füße darin baumeln lassen konnten, heißt es in einer weiteren Chronik. Der ausgetrocknete Boden kühlte außerdem nicht mehr ab, weil Verdunstung unmöglich wurde. "Je weniger Feuchtigkeit für Verdunstung verfügbar ist, umso wärmer wird die Luft", erklärte einer der Forscher, Christian Pfister der Uni Bern, beim Eco-Kongress 2017.
Im Jahr 1540 war es an mindestens dreimal so vielen Tagen wie üblich heißer als 30 Grad. Wasser wurde knapp. Es fehlte nicht nur in den Böden und der Landwirtschaft, es traf auch die Tiere und die Menschen, die auf ihren Feldern kaum noch etwas fanden. Im mitteleuropäischen Durchschnitt soll laut Christian Pfister von der Universität Bern über das gesamte Jahr 1540 nur ein Drittel des sonst üblichen Niederschlags gefallen sein.
Tiere verdursteten und starben an Hitzschlag, Menschen brachen bei der Arbeit zusammen. Auch gesellschaftlich hatte die Hitze und Dürre Auswirkungen: es kam zu Spannungen, Verfolgungen und Hinrichtungen, auch die Angst vor Gewalt stieg an. Brunnen, die noch nicht ausgetrocknet waren, wurden streng bewacht. Krankheiten aufgrund von verunreinigtem Wasser breiteten sich aus.
Folgen von Dürre: Keine Ernte, kein Ertrag, kein Essen
Auch die Ernte gab an vielen Orten nur wenig Ertrag ab. Laut Berichten aus Ulm haben die Bäume bereits im August ihre Blätter abgeworfen. Und der trockene, an vielen Stellen von Rissen durchzogene Boden war leicht entzündlich - in einer Zeit, in der Feuer die primäre Licht- und Wärmequelle für das Kochen und Arbeiten bot. Den Wissenschaftlern zufolge wurden insbesondere in Deutschland mehr Gemeinden als je sonst zu Friedenszeiten von Bränden zerstört. Die Flammen fraßen sich durch staubtrockenes Laub, Geäst und Büsche. Die trockene Vegetation ließ Brände besonders schnell außer Kontrolle geraten
Anfang Juni 1540 soll es so heiß gewesen sein, dass sogar Steinhauer im französischen Besancon freibekommen haben. Im Juli sank der Pegel mehrerer Flüsse auf einen Rekordniedrigstand. Der Bodenseepegel sank ebenfalls auf ein Rekordtief, die auf einer Insel gelegene Stadt Lindau soll den Berichten zufolge mit dem Festland verbunden gewesen sein.
Auch einer Regensburger Chronik zufolge, sei alles, was auf dem Feld hätte wachsen sollen, verbrannt worden, Tiere seien verhungert. Das geht aus einem Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung über die Auswirkungen der Dürre hervor. Demnach seien Wälder und Hölzer verbrannt.
Dürre von 1540 kein Argument gegen Klimawandel
Die Megadürre von 1540 zeigt vor allem eines: Extreme Hitze- und Dürreereignisse gab es auch lange vor der Industrialisierung. Das Klima schwankte schon immer natürlich. Die Forscher um Oliver Wetter betonen selbst, dass das Ereignis wahrscheinlich durch eine außergewöhnliche Kombination natürlicher Wetterlagen entstand.
Zugleich stellten sie fest, dass heutige Klimamodelle ein Ereignis dieser Größenordnung bislang kaum reproduzieren können - ein Hinweis darauf, wie außergewöhnlich die damalige Wetterlage gewesen sein dürfte.
Für Klimaforscher ist die Jahrhundertdürre deshalb kein Argument gegen den menschengemachten Klimawandel. Entscheidend sei nicht, ob ein extremes Ereignis auch ohne den Einfluss des Menschen möglich ist, sondern wie häufig und wie intensiv solche Ereignisse auftreten.
Vielmehr verändert die zusätzliche Erwärmung der Erde die Ausgangsbedingungen, auf denen sich Wetterextreme entwickeln. Studien zur sogenannten Event Attribution zeigen, dass natürliche Wetterlagen und der menschengemachte Klimawandel gleichzeitig wirken können: Die Großwetterlage löst eine Hitzewelle aus, die globale Erwärmung erhöht jedoch deren Intensität und Wahrscheinlichkeit.
Auch der Weltklimarat Intergovernmental Panel on Climate Change kommt zu diesem Schluss. Während sich einzelne Dürren weltweit nur schwer eindeutig dem Klimawandel zuordnen lassen, gilt als gut belegt, dass seit der Mitte des 20. Jahrhunderts warme Temperaturextreme deutlich häufiger geworden sind. Für viele Regionen Europas erwarten die Wissenschaftler zudem längere und intensivere Hitzeperioden sowie in Teilen des Mittelmeerraums zunehmende Trockenheit.
Hitze zählt zu den größten Naturgefahren
Schon heute gilt Hitze als eine der tödlichsten wetterbedingten Naturgefahren Europas. Allein die Hitzewelle des Jahres 2003 wird mit rund 70.000 zusätzlichen Todesfällen in Verbindung gebracht. In den vergangenen Jahren kamen weitere außergewöhnlich heiße Sommer hinzu, die jeweils zehntausende hitzebedingte Todesfälle verursachten.
Anders als bei Überschwemmungen oder Stürmen sterben viele Menschen dabei nicht unmittelbar an der Hitze selbst, sondern an den Folgen für Herz-Kreislauf-System, Atmung oder Vorerkrankungen. Zusammen mit Dürren zählt extreme Hitze deshalb heute nach Einschätzung der Klimaforschung zu den Risiken, deren Bedeutung in Europa in den kommenden Jahrzehnten weiter zunehmen dürfte.