In Cannes sprach Fabio Bin mit Euronews. Er erzählte, wie er nach der Shortlist-Nominierung für den European CMO of the Year Award aus persönlichem Frust eine schnell wachsende Social-Travel-Marke machte.
Als Erwachsener neue Freundschaften zu schließen, ist nicht immer einfach. Volle Terminkalender, Homeoffice, schrumpfende Freundeskreise und ein Leben, das sich immer stärker ins Netz verlagert, machen es vielen Menschen so schwer wie nie, echte neue Beziehungen aufzubauen.
Der Trend ist so ausgeprägt, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO Einsamkeit 2023 zu einem globalen Gesundheitsproblem erklärt hat. Nach ihren Schätzungen ist weltweit etwa jeder sechste Mensch betroffen.
Für Fabio Bin, Mitgründer und CMO von WeRoad, steckt in dieser Herausforderung eine Chance. Was als einfache Lösung für die Frage begann, mit wem man verreisen kann, hat sich zu einer der bekanntesten Social-Travel-Marken Europas entwickelt.
Euronews Culture hat mit Bin beim Cannes Lions International Festival of Creativity gesprochen. Dort stand er auf der Shortlist für den erstmals vergebenen European CMO of the Year Award.
Im Gespräch erzählt Bin, wie aus einer Idee für alle, die allein reisen, eine Community entstanden ist, warum es wichtig ist, die eigene soziale Blase zu verlassen, und wie sich WeRoad weiterentwickeln will.
Euronews Culture: Was ist WeRoad – für Menschen, die die Marke nur aus dem Netz oder aus sozialen Medien kennen? Wie beschreiben Sie, was Sie machen?
Fabio Bin: Wir organisieren Reisen für kleine Gruppen von Menschen, die sich vor der Abfahrt nicht kennen.
Die Idee ist, einen Rahmen zu schaffen, in dem Menschen auf Reisen miteinander ins Gespräch kommen. Man sucht sich ein Reiseziel aus – Indonesien, Peru, Island, was auch immer – und bricht auf. Vor Ort trifft man dann in der Regel 15 bis 50 Fremde aus derselben Altersgruppe.
Man reist, erlebt das Ziel so nah wie möglich am Alltag der Einheimischen und findet gleichzeitig neue Freundinnen und Freunde aus dem eigenen Land.
Können Sie etwas mehr über die Erfahrung erzählen, die Sie anbieten wollen, und wie das Unternehmen entstanden ist?
Die Idee entstand aus einem sehr persönlichen Bedürfnis. Mein Geschäftspartner und ich waren in unseren Dreißigern – ich war fast vierzig – und es wurde immer schwieriger, Menschen zu finden, mit denen wir reisen konnten.
Heute leben Menschen sehr unterschiedlich, und vieles ist kompliziert. Jobs, Urlaubszeiten oder selbst die Wunschziele passen nicht unbedingt zu denen der eigenen Freunde. Ich möchte vielleicht wandern gehen, eine Freundin oder ein Freund hätte lieber etwas ganz anderes.
Es ist sehr schwierig, diese Bedürfnisse mit Freundinnen und Freunden unter einen Hut zu bringen.
Ich glaube außerdem, die letzte soziale Institution, in der man wirklich leicht Freundschaften schließt, ist die Universität. Danach wird es im modernen Leben schwer, neue, authentische Freundschaften aufzubauen. Am Arbeitsplatz wollen manche gar nicht mit Kolleginnen und Kollegen privat zu tun haben. So entstehen selten echte, tiefgehende Beziehungen zu neuen Menschen.
Also dachten wir zunächst: Wir brauchen einfach nur jemanden zum Reisen. Erst später haben wir verstanden, dass das eigentliche Bedürfnis Verbindung ist. Uns ging es anfangs ums Reisen und darum, Mitreisende zu finden. Doch wir merkten schnell: Der Hauptgrund, warum Menschen mit uns unterwegs sind, ist der Wunsch, neue Freundschaften zu schließen.
Wenn man zehn Tage lang mit 15 bis 50 zunächst fremden Menschen unterwegs ist, passiert etwas. Am Anfang ist es oft ein bisschen unangenehm, man fragt sich: „Wer sind diese Leute?“ Nach ein, zwei Tagen fühlt es sich an, als würde man sich schon ewig kennen. Diese Beziehungen halten. Viele kommen wieder, reisen erneut mit uns – manchmal mit denselben Menschen, manchmal, um ganz neue kennenzulernen. So erweitern sie ihren Freundeskreis.
Das ist spannend – diese Frage nach Authentizität. Haben Sie den Eindruck, dass viele Menschen weg von Bildschirm und Digitalleben wollen und wieder mehr echte Begegnungen suchen?
Absolut. Viele sehnen sich regelrecht danach. Wir haben die Pandemie und Covid erlebt, in dieser Zeit explodierten Dating-Apps. Die Menschen gewöhnten sich daran, ständig am Handy zu sein.
Doch inzwischen spricht man viel von „Dating-Fatigue“, also einer Art Dating-Müdigkeit. Menschen hängen auf ihren Bildschirmen fest und haben, wenn es dann tatsächlich ein Match gibt, oft keine Energie mehr, sich im echten Leben zu treffen. Sie erscheinen einfach nicht. Das ist ein Problem.
Wir versuchen, diese Technologieschicht so weit wie möglich herauszunehmen. Für uns ist Technik nur ein Werkzeug. Man muss niemanden matchen, man sucht sich einfach eine Reise aus. Das ist sehr wichtig. Manche fragen, warum wir keine Matching-Algorithmen einsetzen. Ich glaube, die größte Stärke von WeRoad ist der Zufall, die Serendipität.
Zwar reisen die Menschen in Altersgruppen – 25 bis 35 und 35 bis 49 –, sie gehören also derselben Generation an. Aber sobald dieser Rahmen steht, ist alles andere zufällig. Das Reiseziel sorgt für den „Match“. Nur so lernt man Menschen kennen, die außerhalb der eigenen Bubble liegen.
Sprache kann ein Hindernis sein – wie lösen Sie das?
Das war eine strategische Entscheidung ganz am Anfang. Wir organisieren unsere Reisen in der jeweiligen Sprache für europäische Reisende. Französinnen und Franzosen reisen also mit anderen Französinnen und Franzosen, Spanierinnen und Spanier mit Spanierinnen und Spaniern, Deutsche mit Deutschen und so weiter. Dazu kommt der englischsprachige Markt.
Gestartet sind wir in Großbritannien. Inzwischen bedienen wir den Rest Europas und expandieren in die USA.
Die Leute können eine Tour in ihrer eigenen Sprache wählen und fühlen sich so beim Kennenlernen wohler. Manche entscheiden sich bewusst für eine andere Sprache, weil sie eine andere Kultur erleben wollen.
Im Allgemeinen ist Englisch die gemeinsame Sprache. Deshalb haben wir auch Reisen, bei denen Menschen aus aller Welt zusammenkommen.
Nachhaltigkeit ist ein großes Thema im Reisebereich. Haben Sie Alternativen wie Zugreisen oder andere, weniger klimaschädliche Verkehrsmittel eingeplant?
Ja, darüber denken wir nach. Es hängt aber stark vom Reiseziel und von der Route ab. Bei unseren sogenannten Self-Driving-Touren, oft in Ländern in Lateinamerika oder in nordischen Ländern, mieten Gruppen mit rund 15 Personen Autos und fahren selbst.
In Island zum Beispiel mieten wir Autos und reisen gemeinsam als Gruppe. In Vietnam nutzt man Nachtzüge, um durchs Land zu kommen. In Japan setzen wir auf den öffentlichen Verkehr, weil Schnellzüge die Wege zwischen den Städten deutlich verkürzen.
Es kommt also immer auf das Ziel an.
Wie wird sich WeRoad in den nächsten fünf Jahren entwickeln?
Wir haben schnell gemerkt, dass es den Menschen nicht nur ums Reisen geht, sondern um Verbindung. Deshalb haben wir unser Angebot bereits auf das ausgedehnt, was man heute Real-Life-Interaction nennt. Wir organisieren inzwischen täglich Veranstaltungen in rund 40 Städten in Europa.
Darunter sind Hunderte Events, die unsere Reiseleiterinnen und Reiseleiter oder unsere Community – die „WeRoaders“ – selbst auf die Beine stellen. Das kann Yoga im Park sein, Laufgruppen, Kinoabende mit anschließenden Drinks oder Diskussionen über Filme. Ziel dieser Treffen ist, dass Menschen sich auch in ihren Städten begegnen, nicht nur unterwegs.
Unsere Vision war immer, Menschen, Kulturen und Geschichten miteinander zu verbinden. Es geht nicht nur ums Reisen, sondern um Verbindung. In den nächsten fünf Jahren sehe ich uns über Europa hinaus wachsen. Wir haben vor neun Jahren begonnen und sind heute die einzige Marke in Europa, die genau das macht. Wir expandieren in die USA und womöglich darüber hinaus.
Außerdem wollen wir über Reisen hinausgehen – hin zu anderen sozialen Aktivitäten und Erlebnissen, die Menschen zusammenbringen und ihnen helfen, aus ihrer Blase auszubrechen.
Eine letzte Frage – wollen Sie auch die Altersgrenzen erweitern, zum Beispiel auf Menschen in ihren 50ern?
Diese Frage bekommen wir sehr oft. Wir sprechen intern intensiv darüber. Momentan arbeiten wir mit klaren Altersgruppen, aber die Nachfrage von Menschen um die fünfzig ist stark.
Wir werden wahrscheinlich ein Angebot für diese Zielgruppe entwickeln, vermutlich allerdings unter einer anderen Marke. Wir arbeiten daran – man sollte also aufmerksam bleiben. Früher oder später wird es so kommen.