Eine Untersuchung gegen drei Mohelim in Antwerpen hat einen diplomatischen Streit zwischen Brüssel und Washington ausgelöst. Welche Regeln gelten in Belgien und anderswo, und wie reagiert die Religionsgemeinschaft?
Der US‑Botschafter in Belgien, Bill White, wirft seinem Gastland Antisemitismus vor. Anlass sind die belgischen Regeln zur Beschneidung – und nun steckt die Regierung in einem sehr öffentlichen Streit.
Auslöser seiner Kritik ist ein Gerichtsfall aus dem Mai vergangenen Jahres. Damals durchsuchte die Polizei in Antwerpen die Wohnungen von drei Mohelim – religiös geschulten Beschneidern –, die im Verdacht standen, den Eingriff ohne Beteiligung einer zugelassenen medizinischen Fachkraft vorgenommen zu haben.
„In Belgien schreibt das Gesetz klar vor, dass nur Ärztinnen und Ärzte eine Beschneidung oder einen vergleichbaren Eingriff durchführen dürfen“, sagt Dirk Devroey, Professor für Allgemeinmedizin an der Brüsseler Universität VUB, im Gespräch mit Euronews.
Beschneidung hat neben kulturellen oder medizinischen Gründen vor allem eine zentrale religiöse Bedeutung im Judentum und im Islam. Im Islam übernehmen den Eingriff häufig medizinisch geschulte Fachleute. Im Judentum dagegen, wo er Brit Milah oder kurz Bris heißt, muss traditionell ein speziell ausgebildeter Mohel tätig werden.
Die meisten Mohelim sind selbst Ärztinnen, Ärzte oder Rabbiner – oder beides. Zusätzlich absolvieren sie eine intensive Ausbildung in der besonderen Technik der Beschneidung, wie sie der jüdische Glaube vorschreibt.
Nach jüdischer Tradition wird ein Junge am achten Tag nach der Geburt beschnitten. Beim Bris schiebt der Mohel zunächst ein Instrument über die Vorhaut, möglichst dicht an die Eichel, und entfernt die Vorhaut anschließend mit einem Skalpell.
Befürworter sagen, die Beschneidung nach religiösem Ritus sei für das Neugeborene oft weniger schmerzhaft und weniger belastend als ein rein medizinischer Eingriff. Kritiker zweifeln jedoch, ob alle medizinischen Standards eingehalten werden, wenn keine ärztlich zugelassene Fachperson anwesend ist.
„Beschneidungen können gefährlich sein, wenn sie unter nicht sterilen Bedingungen und ohne Betäubung erfolgen“, warnt Devroey. „Der Schmerz vergeht, aber das Infektionsrisiko bleibt – und in manchen Fällen geht dadurch sogar ein Teil des Penis verloren.“
Die Frage, wer den Eingriff durchführen soll, spaltet inzwischen auch Teile der jüdischen Gemeinschaft in Belgien.
Der Antwerpener Rabbiner Moshe Friedman, dessen Beschwerden die aktuelle Untersuchung ausgelöst haben, sagte dem flämischen öffentlich-rechtlichen Sender VRT NWS, es gebe Fälle, in denen Kinder infolge einer rituellen Beschneidung schwere Krankheiten bekommen hätten. In einigen Fällen seien Kinder gestorben, behauptet er.
Rabbiner Menachem Margolin, Gründer und Vorsitzender der European Jewish Association, weist diese Vorwürfe zurück. „Die Eingriffe werden von geschulten Fachleuten vorgenommen, die eine sehr anspruchsvolle Ausbildung durchlaufen“, sagt er zu Euronews.
„Es ist sehr wichtig, dass die Behörden kontrollieren, ob alles korrekt abläuft“, so Rabbiner Margolin. „Aber wenn man etwas infrage stellt, das es seit rund viertausend Jahren gibt und das Millionen Kinder erlebt haben – mein Vater hat mich beschneiden lassen, ich habe meine Kinder beschneiden lassen –, dann sagt man uns im Grunde: ‚Wir trauen euch nicht zu, dass ihr euch um eure Kinder kümmert.‘“
Euronews bat die Staatsanwaltschaft um Belege für Friedmans Angaben. Die Behörde bestätigte, dass er eine Zivilklage eingereicht habe, die das Gericht jedoch für unzulässig erklärt habe. „Eine Berufung könnte noch anhängig sein“, heißt es.
Unabhängig davon läuft laut Staatsanwaltschaft eine gerichtliche Untersuchung zu „illegalen Beschneidungen“. Im Fokus stehen dabei medizinische Eingriffe, die Männer vorgenommen haben, die keine Ärzte sind.
Euronews fragte außerdem beim belgischen Gesundheitsdienst nach, ob Krankenhäuser Fälle von Infektionen bei Säuglingen oder Todesfälle gemeldet hätten. „Der FÖD Volksgesundheit verfügt über keine Zahlen zu solchen Komplikationen“, teilte eine Sprecherin mit.
Unterdessen befürchten einige Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft, dass die Ermittlungen gegen die Antwerpener Mohelim faktisch zu einem Verbot des Bris führen könnten.
Was schreibt das Gesetz vor?
Derzeit gibt es in keinem anderen europäischen Land ein ausdrückliches Verbot der medizinisch nicht notwendigen Beschneidung von Jungen. Island sorgte 2018 für Schlagzeilen, als es als erstes Land ein Verbot prüfen ließ – das entsprechende Gesetz ist jedoch bis heute nicht verabschiedet.
Viele Staaten haben Regeln ähnlich wie Belgien und schreiben vor, dass nur geschulte Fachleute beschneiden dürfen. Andere verlangen eine Betäubung oder die bestmögliche Schmerzlinderung. Aus Skandinavien kamen zudem wiederholt Forderungen, ein Mindestalter festzulegen, damit Jungen selbst einwilligen können.
Dass es kein generelles Verbot gibt, liegt zum Teil an der Sorge, der Eingriff werde sonst außerhalb des medizinischen Umfelds stattfinden. Für Nicolas Maubert, Co‑Vorsitzender der Präventionsorganisation Droit au Corps, spielt jedoch vor allem politischer und religiöser Druck eine Rolle.
„Sobald ein Land versucht, Beschneidungen zu verbieten, setzt religiöser Druck ein – und/oder Druck aus den USA, wie wir ihn derzeit durch Botschafter Bill White sehen“, sagt Maubert zu Euronews.
Er verweist auf Deutschland. Dort entschied das Landgericht Köln 2012, die religiös motivierte Beschneidung kleiner Jungen stelle eine Körperverletzung dar und sei damit rechtswidrig. Das Urteil löste heftige Proteste jüdischer und muslimischer Verbände aus.
Als Reaktion darauf brachten Regierung und Opposition ein Gesetz ein, das die religiöse Beschneidung ausdrücklich für zulässig erklärte.
2013 sorgte der Europarat für Streit, als er eine unverbindliche Resolution verabschiedete. Darin äußerte er Sorge über Verletzungen der körperlichen Unversehrtheit von Kindern und forderte Regeln, die medizinische und schmerzarme Verfahren sicherstellen.
Nach Protesten religiöser Gruppen stellte der Europarat klar, dass es sich nicht um ein verbindliches Verbot handele.
Sorge um Religionsfreiheit
Für religiöse Gemeinschaften greifen Debatten über Verschärfungen oder Verbote an ein Grundrecht.
„Es geht um die Freiheit der Religion, die die gesamte demokratische Welt zu respektieren versprochen hat“, sagt Rabbiner Margolin. „Jeder Versuch, dieses Recht einzuschränken, sendet uns eine deutliche Botschaft: Man will unsere elementarsten Rechte beschneiden. Das können wir nicht akzeptieren.“
Ein Mitglied der jüdischen Gemeinschaft in Belgien, das anonym bleiben möchte, stellt die Frage, wie weit dieser Ansatz gehen soll.
„Wenn jemand sagt, Kinder sollten erst mit achtzehn selbst entscheiden dürfen, frage ich jedes Mal zurück: Sagen Sie mir damit, dass ich als Elternteil keine Entscheidungen für mein Kind treffen darf?“
Das könne man so verstehen, meint er, dass „der Staat es besser weiß“. „Und das ist ein sehr, sehr, sehr gefährlicher Präzedenzfall.“
Er wundert sich zudem, warum die Debatte so viel Aufmerksamkeit bekommt, obwohl es nur um „rund 500 bis 700 Jungen“ pro Jahr geht, die beschnitten werden.
Für Devroey allerdings reicht die Diskussion in Belgien – „einem der Weltmeister bei Beschneidungen“ – weit über religiöse Fragen hinaus. Für ihn steht die Praxis an sich im Mittelpunkt, unabhängig vom Glauben der Eltern.
„Fast nirgendwo sonst wird so viel beschnitten wie in Belgien, und sehr oft ohne wirkliche Notwendigkeit“, erklärt er. Schätzungsweise 26.000 Eingriffe zählt man pro Jahr. „Nur ein Prozent dieser Beschneidungen ist vermutlich medizinisch wirklich nötig.“
Eltern, die ihre Kinder aus religiösen Gründen beschneiden lassen, „dürfen selbstverständlich ihren Glauben leben“, sagt Devroey. Ihn treibt jedoch vor allem die Frage der Einwilligung um.
„Man sollte mit der Beschneidung warten, bis die Person volljährig ist oder zumindest alt genug, um selbst abwägen zu können. Dann kann sie sich auch für diese Religion entscheiden“, so der Mediziner.
Rabbiner Margolin meint, wenn die belgische Regierung sich wirklich um die Gesundheit jüdischer Kinder und die Sorgen der jüdischen Bevölkerung kümmere, solle sie direkt das Gespräch mit der Gemeinschaft suchen.
„Wir haben sehr ernste Probleme, sehr reale Probleme. Beschneidungen und das hygienische Niveau der Mohelim gehören ganz sicher nicht dazu“, sagt Margolin.