Immer mehr Angriffspläne auf Synagogen in Europa werden bekannt. Islamismus-Experten sehen die Gefahrenlage aufgrund des Iran-Krieges und des Konflikts im Nahen Osten aktuell hoch. Sogar vor einer Radikalisierungswelle wird gewarnt.
Am Montag um vier Uhr in der Nacht gab es plötzlich eine Explosion vor der Synagoge in Lüttich (Belgien). Ein historisches Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, das auch als Museum für die jüdische Gemeinde genutzt wird. Die Polizei prüft einen Terrorverdacht.
Am Dienstag wurde auf Zypern (Griechenland) ein mutmaßlicher Hamas-Waffenschmuggler festgenommen, die Waffen sollten für Anschläge genutzt werden. "Die Operation diente der Vorbereitung tödlicher Anschläge der Hamas auf israelische oder jüdische Einrichtungen in Deutschland und Europa", hieß es seitens der Bundesanwaltschaft.
Am 7. Oktober 2023 verübte die Terrororganisation Hamas einen Angriff auf Israel. Nun folgte am 28. Februar 2026 der Angriff der USA und Israels auf den Iran angegriffen. Droht durch den sich weiter verschärfenden Konflikt im Nahen Osten eine noch höhere Terrorgefahr für Juden?
"Klar ist, die Bedrohungen für Juden und Israelis in Europa haben in den letzten zweieinhalb Jahren zugenommen und nehmen weiter zu", sagt Lorenzo Vidino, Direktor des Programms für Extremismus an der George Washington University, zu Euronews.
Terrorexperte Hans-Jakob Schindler warnt sogar vor einer neuen Radikalisierungswelle im Zuge des Nahostkonflikts: "Sowohl online als auch offline findet aktuell eine weitere Radikalisierung des gesamten gewaltorientierten islamistischen Spektrums statt."
Immer mehr Angriffe auf jüdische Einrichtungen in Europa
Tatsächlich gab es in den letzten zweieinhalb Jahren immer mehr versuchte und vollendete Angriffe auf jüdische und israelische Einrichtungen. Besonders in Deutschland.
Allein im Mai 2024 gab es acht bekannte begangene oder vereitelte Angriffe, darunter auf Synagogen und Botschaften. Beispiel: Im Mai 2024 wurde ein Hamas-Plot gegen die israelische Botschaft in Berlin vereitelt. Im September desselben Jahres schoss ein verdächtiger Islamist auf ein israelisches Generalkonsulat in München.
Auch in anderen Staaten in Europa nehmen diese Taten besorgniserregend zu. Seit Oktober 2023 gab es in Frankreich 92 Vorfälle nahe Synagogen und jüdischen Schulen allein im Oktober 2023 (Brandbomben, Bedrohungen), so ein Bericht einer Behörde des französischen Innenministeriums. Zudem steigen die antisemitischen Vorfälle insgesamt. Im Januar 2024 wurde bekannt, dass sich die Zahl antisemitischer Taten in Frankreich 2023 vervierfacht hat.
Ebenso nehmen in Großbritannien Terrorakte auf Juden zu. So fand am 2. Oktober 2025 (Yom Kippur, heiligster Tag im jüdischen Kalender) in Manchester ein Terroranschlag auf die Heaton Synagoge statt. Zwei Menschen wurden getötet. Sowohl in der Anzahl der Vorfälle als auch in der Schwere haben Angriffe auf jüdische Einrichtungen im Vereinigten Königreich deutlich zugenommen. Laut dem Community Security Trust (CST) gab es 2023 bis 2025 insgesamt 562 Vorfälle, die Synagogen betrafen.
Vor kurzem traf es sogar Aserbaidschan, das an der Grenze zwischen Europa und Asien liegt. Die Behörden haben nach eigenen Angaben mehrere Anschlagspläne mit mutmaßlichen Verbindungen zum Iran vereitelt. Laut Ermittlern sollen Angriffe unter anderem mit dem Sprengstoff C-4 auf jüdische Einrichtungen geplant gewesen sein.
Könnte im Zuge des Iran-Konflikts etwa eine neue, stärkere Angriffswelle gegen jüdische Einrichtungen entstehen?
Täter: „Komplexes, heterogenes Bedrohungsumfeld“
Der italienisch-amerikanische Islamismus-Forscher Lorenzo Vidino erklärt, dass die Täter hinter all den Angriffen in den letzten Jahren oftmals unterschiedlichen Gruppen oder Ideologien angehörten: "Im Wesentlichen sprechen wir von einem sehr komplexen und heterogenen Bedrohungsumfeld!".
Einige davon seien Einzeltäter, so Vidino: "Einige Taten gehen auf das Konto isolierter Einzelpersonen ohne Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die jedoch extrem antiisraelische, antijüdische Ansichten hegen. Die Hintergründe dieser Täter sind vielfältig: Muslime – Sunniten und Schiiten, religiöse und säkulare – sowie Nichtmuslime – sowohl aus dem linken als auch aus dem rechten politischen Spektrum."
Ein anderer Teil der Taten wurde organisiert: "1. Einige wurden von dschihadistischen Gruppen koordiniert. 2. Einige wurden vom Iran koordiniert, sowohl mit eigenen Agenten als auch mit einem breiten Netzwerk von Stellvertretern (oftmals Mitglieder der lokalen Unterwelt). 3. Einige wurden von Russland koordiniert", meint der Terrorexperte.
Terrorexperte warnt vor neuen Radikalsierungen
Hans Jakob Schindler, Senior Director beim Counter Extremism Project (CEP), warnt im Gespräch mit Euronews vor neuen Radikalisierungen im Zuge des Iran-Krieges: „Leider ist aktuell festzustellen, dass das Personenpotential der Gefährder nicht auf das gewaltorientierte schiitisch-islamistische Spektrum begrenzbar ist."
Sondern: "Sowohl online als auch offline findet aktuell eine weitere Radikalisierung des gesamten gewaltorientierten islamistischen Spektrums statt."
Das Gefährliche laut Schindler: Da das iranische Regime nicht nur schiitische Terrorgruppen (Hezbollah, Houthis) unterstütze, sondern auch die sunnitische Terrorgruppe Hamas, komme es zu Solidarisierungseffekten im islamistischen Milieu generell.
Besonders jüdische, israelische und amerikanische Ziele seien aktuell gefährdet.
"Eine effektivere Beobachtung der entsprechenden Netzwerke in den sozialen Medien und Messengerdiensten in der aktuellen Situation ist wichtiger, denn je", sagt der Terrorexperte. Denn: "Auf den sozialen Medien und in Messengerdiensten findet maßgeblich die entsprechende Radikalisierung von Einzelpersonen, aber auch die Koordinierung von Anschlägen statt."
Haben die Mullahs auch saudische und emiratische Ziele im Visier?
Weitere gefährdete Ziele sieht auch Rebecca Schönenbach, Beraterin im Bereich der Terrorismusbekämpfung: "Die Gefahr ist durch den Iran-Krieg jetzt höher. Weil das Regime schon immer Anschläge auf israelische und jüdische verübt hat, und nun noch weitere Ziele, saudische und emiratische, dazu kommen könnten".
Das iranische Mullah-Regime habe "ein sehr gut organisiertes Netzwerk aufgebaut" Schönenbach erklärte: "Sie haben eigene Agenten, die häufig mit der Botschaft verbunden sind. Zudem haben sie freie Agenten, die bei Revolutionsgarden ausgebildet wurden. Dann haben sie noch ein System perfektioniert, wo sie Service-Anschlagsmorde beauftragen. Das funktioniert durch organisierte Kriminalität und Kleinkriminelle."
Schönenbach: "Für Einzelpersonen sind Einzeltäter am gefährlichsten – für Einrichtungen die organisierten kriminellen Agenten. Die Gefahrenlage bleibt so lange hoch, solange der Iran-Krieg und das Regime existieren". Die Ermittler bräuchten endlich bessere Befugnisse und die Politik müsse viel schärfer, regelmäßiger Angriffe ansprechen und verurteilen.