In manchen europäischen Ländern warten Patienten jahrelang auf Behandlungen – mit gravierenden Folgen, warnen Experten. Euronews Health analysiert die Lage in mehreren Bereichen.
Wussten Sie, dass im Vereinigten Königreich mehr als jede zehnte Patientin und jeder zehnte Patient, die eine Fachärztin oder einen Facharzt brauchen, länger als ein Jahr auf einen Termin warten? Und dass Patientinnen und Patienten in Slowenien für einen Hüftgelenksersatz fast zwei Jahre – 667 Tage – Geduld haben müssen?
Die Zahlen stammen aus dem Bericht „Health at a Glance 2025“ der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Er macht eines der drängendsten Probleme der europäischen Gesundheitspolitik sichtbar: die langen Wartezeiten.
Das sind womöglich mit die schlechtesten Werte in Europa. Die Wartezeitenkrise reicht jedoch weit über diese zwei Länder hinaus.
„Wer auf erwartete Behandlungen warten muss, lebt länger als nötig mit Schmerzen und Einschränkungen. Das kann die Gesundheitsergebnisse nach dem Eingriff verschlechtern“, heißt es in dem Bericht.
Welche europäischen Länder lassen ihre Patientinnen und Patienten am längsten warten? Wie gravierend ist das Problem auf dem Kontinent? Und wie lange dauert es tatsächlich, bis ein Operationssaal frei ist?
Der OECD-Bericht zeigt lange Wartezeiten in vielen Bereichen der Gesundheitsversorgung. Selbst auf einen Termin bei Hausärztinnen, Hausärzten oder Pflegekräften warten Menschen in mehreren europäischen Ländern im Jahr 2023 mindestens eine Woche.
In Deutschland und Frankreich wartet rund ein Fünftel der Patientinnen und Patienten wochenlang nur auf einen Hausarzttermin. In Schweden müssen 23 Prozent länger als eine Woche auf einen Termin bei Hausarzt oder Pflegepersonal warten. In Frankreich und Deutschland trifft das auf jeweils ein Fünftel (20 Prozent) zu, im Vereinigten Königreich liegt der Anteil mit 18 Prozent nur wenig darunter.
Zählt man auch diejenigen hinzu, die sechs bis sieben Tage auf einen Termin warten, steigen die Anteile weiter: Schweden kommt dann auf 30 Prozent, Frankreich auf 28 Prozent, das Vereinigte Königreich auf 27 Prozent und Deutschland auf 26 Prozent.
Die Wartezeiten lassen sich wegen unterschiedlicher Erhebungsmethoden nicht eins zu eins zwischen den Ländern vergleichen.
Facharzttermine: Patientinnen und Patienten warten teils jahrelang
Für manche Patientinnen und Patienten in Europa ist mehr als ein Jahr Wartezeit auf einen Facharzttermin bittere Realität. Besonders sticht das Vereinigte Königreich heraus: Elf Prozent berichten, dass sie länger als ein Jahr auf einen Termin beim Spezialisten gewartet haben. In Frankreich und Deutschland liegt der Anteil bei jeweils zwei Prozent.
Doch auch kürzere Wartezeiten sind alles andere als kurz. In Frankreich warten mehr als zwei von fünf Patientinnen und Patienten (43 Prozent) zwischen zwei Monaten und einem Jahr. Im Vereinigten Königreich sind es 32 Prozent, in Schweden 29 Prozent und in Deutschland 22 Prozent.
Grauer Star: monatelange Wartezeiten auf Operation
Die Wartezeiten für Operationen am Grauen Star zeichnen ein ähnliches Bild. Der Indikator erfasst, wie viele Patientinnen und Patienten mehr als drei Monate vom Facharzturteil bis zur Behandlung warten müssen.
In Norwegen warteten 2024 vier von fünf Betroffenen (81 Prozent) länger als drei Monate. Finnland lag mit 71 Prozent nur knapp dahinter.
Auch im Vereinigten Königreich und in Portugal wartete eine Mehrheit länger als drei Monate, jeweils 58 Prozent. In Spanien waren es 53 Prozent. Deutlich niedrigere Anteile meldeten Polen (13 Prozent), Ungarn (17 Prozent), Schweden (22 Prozent) und Italien (27 Prozent).
Grauer Star: Wartezeiten länger als vor der Pandemie
Unter neun ausgewerteten europäischen Ländern sind die Wartezeiten für Grauen-Star-Operationen 2024 in sieben Staaten im Vergleich zu 2019 gestiegen. Nur in Polen und Ungarn gingen sie zurück. Das zeigt, wie stark die Folgen der COVID-19-Pandemie weiterhin nachwirken.
Im Vereinigten Königreich hat sich der Anteil der Menschen, die mehr als drei Monate warten, mehr als verdoppelt: von 22 Prozent auf 58 Prozent. In Norwegen stieg er von 65 Prozent auf 81 Prozent.
Diese Zahlen belegen den anhaltenden Druck auf die Gesundheitssysteme nach der Pandemie.
Hüftgelenksersatz: in Slowenien fast zwei Jahre Wartezeit
Auch die mittlere Wartezeit auf einen Hüftgelenksersatz ist bemerkenswert. In Slowenien mussten Patientinnen und Patienten 2024 im Median 667 Tage warten – also fast zwei Jahre.
In Polen lag die mittlere Wartezeit ebenfalls über einem Jahr bei 343 Tagen, gefolgt von Ungarn mit 209 Tagen und dem Vereinigten Königreich mit 174 Tagen. Median bedeutet: Die Hälfte der Betroffenen musste noch länger warten als hier angegeben.
„Wartezeiten für nicht dringliche Behandlungen sind ein großes gesundheitspolitisches Problem in vielen Systemen, in denen Patientinnen und Patienten wochen- oder monatelang auf Leistungen warten müssen“, schrieb Luigi Siciliani von der University of York kürzlich im European Journal of Public Health.
Warum unterscheiden sich die Wartezeiten zwischen den Ländern so stark? Nach Angaben der OECD entstehen Wartelisten meist, weil Nachfrage und Angebot im Gesundheitswesen nicht im Gleichgewicht sind.
Siciliani verweist darauf, dass unterschiedliche Kapazitätsengpässe, Finanzierungsentscheidungen, die verfügbare Zahl an Fachkräften und ein Ungleichgewicht zur wachsenden Nachfrage – bedingt durch alternde Gesellschaften und medizinischen Fortschritt – zu den großen Unterschieden bei den Wartezeiten beitragen.
Nach Angaben von Eurostat sind lange Wartezeiten zudem ein wichtiger Grund dafür, dass dringende medizinische Bedürfnisse ungedeckt bleiben.