In ganz Europa treten immer mehr Ärztinnen und Ärzte in den Streik. Sie fordern höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Anerkennung.
Assistenzärztinnen und -ärzte in England treten im Juni in einen viertägigen Streik. Es ist bereits die 16. Runde im laufenden Tarifkonflikt um ihre Bezahlung.
Der Ausstand beginnt am Montag, dem 15. Juni, um 7 Uhr britischer Sommerzeit (BST) und soll bis Freitag, den 19. Juni, um 6.59 Uhr dauern.
Die Entscheidung fiel nach einem Treffen zu Wochenbeginn zwischen dem neuen britischen Gesundheitsminister James Murray und der Ärztegewerkschaft British Medical Association (BMA). Murray hat Anfang Mai das Amt von Wes Streeting übernommen.
Murray hat bereits klargemacht, dass er für weitere Gehaltsverhandlungen nicht zur Verfügung steht. Die Forderungen der Gewerkschaft nannte er „unrealistisch und unerschwinglich“.
Derzeit liegen die Einstiegsgehälter für Assistenzärztinnen und -ärzte in England nach Angaben des Gesundheits- und Sozialministeriums bei etwas mehr als 40.000 Pfund (46.150 Euro). Erfahrene Assistenzärztinnen und -ärzte erhalten ein Grundgehalt von rund 76.500 Pfund (88.295 Euro).
In den vergangenen vier Jahren gab es bereits Gehaltszuwächse von insgesamt 33 Prozent, dazu kommt ein Plus von 3,5 Prozent in diesem Jahr. Sie können außerdem deutlich mehr verdienen, wenn sie zusätzliche Stunden leisten oder abends sowie am Wochenende arbeiten.
Nach Berechnungen der BMA verdienen Ärztinnen und Ärzte inflationsbereinigt jedoch immer noch weniger als 2008. Grundlage ist der britische Einzelhandelspreisindex (Retail Prices Index, RPI).
„Wir waren bereit, Herrn Murray Zeit zu geben, sich in seine Rolle einzuarbeiten, bevor wir die Arbeit fortsetzen, die sein Vorgänger offengelassen hat“, sagte der Vorsitzende der BMA-Assistenzärztinnen und -ärzte, Dr. Jack Fletcher, laut BBC.
„Stattdessen hören wir die immer gleichen ausgeleierten Formeln: Unklarheit über neue Stellenund kein zusätzliches Geld. Man kann nicht von uns verlangen, wochenlang ernsthaft zu verhandeln, um uns dann mitzuteilen, bei der Bezahlung gebe es nichts mehr zu verhandeln und zu Stellen lägen weiterhin keine Details vor.“
Die BMA weist außerdem darauf hin, dass junge Assistenzärztinnen und -ärzte häufig hohe Studienkredite abbezahlen müssen. Steigende Zinsen verschärfen ihre finanzielle Lage zusätzlich.
Zugleich wächst die Sorge, dass Ärztinnen und Ärzte ohne angemessene Bezahlung nach Ländern wie Australien oder Kanada auswandern. Das würde den Druck auf den staatlichen Gesundheitsdienst NHS weiter erhöhen.
Die britische Regierung betont hingegen, die Gehaltssteigerungen der vergangenen vier Jahre zählten zu den höchsten im öffentlichen Dienst. Weitere Aufschläge würden Mittel von der Patientenversorgung und von Programmen zum Abbau der NHS-Wartelisten abziehen.
Sie hält den RPI zudem für kein geeignetes Maß mehr, da er offiziell nicht mehr als nationale Statistik gilt. Legt man stattdessen den heute üblichen Verbraucherpreisindex (Consumer Prices Index, CPI) zugrunde, fällt der reale Einkommensverlust deutlich geringer aus.
Ärztestreiks in Europa gehen weiter
Auch andere europäische Länder kämpfen derzeit mit Ärztestreiks. In Deutschland, Spanien und Portugal berichten die Berufsverbände von ähnlichen Problemen.
In Deutschland verhandeln die Ärztinnen und Ärzte an Universitätskliniken, vertreten durch den Marburger Bund, über neue Gehaltstarifverträge. Kernforderung ist ein Lohnplus von acht Prozent binnen zwölf Monaten.
Nach der zweiten Verhandlungsrunde Ende Mai ist allerdings kaum Bewegung in den Gesprächen. Kommt es bald zu keiner Einigung, drohen Warnstreiks. Davon könnten nicht dringende Behandlungen, geplante Operationen und Vorsorgeuntersuchungen betroffen sein. Anfang Juni sollen die Gespräche fortgesetzt werden.
In Spanien finden ebenfalls wiederkehrende landesweite Ärztestreiks statt. Der nächste Ausstand ist vom 15. bis 19. Juni geplant.
Sie richten sich vor allem gegen die von der Regierung geplante Reform des Rahmenstatuts „Estatuto Marco“, das die Arbeitsbedingungen regelt. Das medizinische Personal fordert nun ein eigenes Gesetz nur für Ärztinnen und Ärzte, mit einer Obergrenze von 35 Wochenarbeitsstunden und besserer Anerkennung von Verantwortung und Weiterbildung.
In Portugal protestieren der Ärzteverband FNAM und andere Gesundheitsgewerkschaften gegen die aus ihrer Sicht fortschreitende „Zerstörung“ des staatlichen Gesundheitsdienstes SNS.
Der Dienst findet wegen schlechter Bezahlung und mangelnder Anreize kaum noch junge Ärztinnen und Ärzte und kann sie auch nicht halten. Das erhöht den Druck auf das verbleibende Personal, das häufig unter extremer Unterbesetzung und ausufernden Zusatzdiensten leidet. Die Behandlungsqualität gerät dadurch zunehmend in Gefahr.