Neue Studie: Essstörungen haben eine biologische Grundlage, die sich nicht allein mit Körpergewicht erklären lässt.
Essstörungen gelten meist als psychische Erkrankungen, die vor allem mit Gewicht und Körperbild zu tun haben. Eine neue Studie zeigt jedoch, dass die Lage deutlich komplexer ist.
Für die Untersuchung des Karolinska-Instituts in Schweden haben Forschende genetische Faktoren analysiert, die bei Essanfällen und Magersucht eine Rolle spielen könnten.
Essstörungen betreffen weltweit Millionen Menschen, vor allem in Ländern mit hohem Einkommen. In Westeuropa ist die Belastung seit Jahren am höchsten.
Typisch sind ein gestörtes Essverhalten und eine starke gedankliche Beschäftigung mit Nahrung, verbunden mit großer Sorge um Gewicht und Körperform. Die Symptome gefährden die Gesundheit und den Alltag erheblich. Schätzungen zufolge treten 95 % der Erstdiagnosen vor dem Alter von 25 Jahren auf.
Die Studie, veröffentlicht im Fachjournal Nature Mental Health (Quelle auf Englisch), umfasste knapp 40.000 Menschen mit Essanfällen und rund 25.000 Menschen mit Magersucht. Die Forschenden verglichen sie mit mehr als 1,2 Millionen Personen ohne Essstörungen.
Die Forschenden identifizierten genetische Varianten, die statistisch mit einem erhöhten Risiko für Essstörungen wie Essanfälle oder Magersucht verbunden sind.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Essstörungen nicht nur mit dem Körpergewicht zu tun haben“, sagte Lu Yi, Hauptverantwortliche der Studie am Institut für medizinische Epidemiologie und Biostatistik des Karolinska-Instituts. „Viele der genetischen Varianten, die wir gefunden haben, unterscheiden sich von jenen, die beeinflussen, wie viel eine Person wiegt.“
„Das vermittelt ein differenzierteres Bild der biologischen Grundlagen von Essstörungen“, fügte sie hinzu.
Das Team fand sechs genetische Marker, die mit Essanfällen zusammenhängen, und acht Marker, die mit Magersucht verknüpft sind. Zwei der mit Magersucht verbundenen Marker waren bislang unbekannt.
Aus diesen Markern lässt sich ein sogenannter polygenischer Risikowert berechnen. Er fasst die vielen kleinen Effekte der Marker zusammen, die eine Person trägt. Wer einen hohen Wert hat, weist mehr dieser Risikomarker auf und entwickelt mit höherer statistischer Wahrscheinlichkeit eine Essstörung.
Biologische Verbindung zu anderen Erkrankungen
Die Studie zeigt außerdem, dass bestimmte Marker auf eine gemeinsame biologische Verwundbarkeit für andere Eigenschaften hindeuten können. Einige Marker für Essanfälle stehen auch mit Impulskontrollproblemen in Verbindung, etwa mit Rauchverhalten oder Risikofreude, mit einem höheren Body-Mass-Index (BMI) und mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS).
Marker für Magersucht standen dagegen stärker mit Zwangsstörungen (OCD) in Zusammenhang.
Außerdem stellten die Forschenden fest, dass die genetischen Zusammenhänge bei Essanfällen und Magersucht sich von jenen Faktoren unterscheiden, die den Body-Mass-Index beeinflussen. Das gilt, obwohl das Körpergewicht in beiden Erkrankungen eine wichtige Rolle spielt.
Das spreche dafür, dass sich Essstörungen nicht allein über Gewicht oder Stoffwechsel erklären lassen, betonten die Autorinnen und Autoren.
„Die Studie zeigt, dass verschiedene Essstörungen teilweise von unterschiedlichen biologischen Mechanismen gesteuert werden“, sagte Lisa Dinkler, Assistenzprofessorin am Karolinska-Institut.
„Langfristig kann dieses Wissen zu gezielteren Behandlungsstrategien beitragen, die die Besonderheiten jeder einzelnen Erkrankung berücksichtigen.“
Die Forschenden warnten jedoch, dass diese Marker bislang nur schwache Hinweise auf den individuellen Status liefern. Um das persönliche Risikoprofil zu erfassen, müssen sie mit weiteren Risikofaktoren kombiniert werden.