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Wer hat Angst vor dem Wolf? Wie Italien mit wachsenden Beständen zwischen Mythos und Alarmismus lebt

Aufnahme vom 24. Januar 2025, bereitgestellt vom Arizona Game and Fish Department, zeigt einen freilebenden mexikanischen Grauwolf.
Aufnahme vom 24. Januar 2025 des Arizona Game and Fish Department zeigt einen wild lebenden mexikanischen Grauwolf. Copyright  AP Photo
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Von Euronews Roma
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In Italien leben laut letzten Daten rund 3.500 Wölfe, Tendenz steigend. Zwischen Sichtungen und Angst: Was wird getan, damit Herdenhalter, Bevölkerung und Wölfe zusammenleben können?

Von den Angriffen in Apulien bis zu Sichtungen in Emilia-Romagna, Umbrien und Latium: Der Sommer 2026 stand im Zeichen eines ausgeprägten Alarmismus rund um den Wolf.

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In Italien leben derzeit rund 3.500 Wölfe, laut den Daten der letzten landesweiten Bestandsaufnahme des Umweltforschungsinstituts Ispra (Quelle auf Italienisch) aus dem Jahr 2022. Inzwischen ist die Population um etwa 150 Tiere gewachsen, vor allem im Alpenraum.

Die Debatte über den Wolf entzünden aber nicht nur die steigende Zahl der Tiere oder die Sichtungen in der Nähe von Ortschaften.

Im März 2026 trat in Italien die EU-Richtlinie von 2025 zum Schutzstatus des Wolfs in Kraft. Sie ersetzt die Vorgaben aus dem Jahr 1992. Der Wolf gilt nun nicht mehr als „streng geschützte Art“, sondern als „geschützte Art“. Fachleute bezweifeln, wie sinnvoll diese Herabstufung tatsächlich ist.

Gibt es zu viele Wölfe in Italien? Wie konkret ist die Gefahr für Menschen in den Städten und wie sollte man sich verhalten? Euronews hat Fachleute befragt, um Mythen und Alarmismus einzuordnen.

Muss man Angst vor dem Wolf haben?

„Angriffe durch Wölfe bleiben ein extrem seltenes Phänomen. Es gibt also kein wirkliches Risiko für die Bevölkerung. In den vergangenen Jahren beobachten wir aber mehr solcher Fälle und verfolgen sie sehr genau“, sagt Piero Genovesi, Leiter des Fachbereichs Wildtiermanagement bei Ispra, im Gespräch mit Euronews.

Das Institut hat erstmals eine nationale Erhebung zum Bestand und zur Verbreitung des Wolfs in Italien mit einheitlich strengen wissenschaftlichen Methoden durchgeführt. Früher erfassten Regionen und Kommunen die Tiere auf Basis von Sichtungen und Schätzungen, allerdings mit sehr unterschiedlichen Methoden.

Die Ispra-Studie lief von 2018 bis 2022. Sie nutzte ein einheitliches Proben- und Auswertungsprotokoll für das gesamte Land sowie die derzeit anspruchsvollsten statistischen Verfahren. Die Zahl von 3.500 Tieren gilt daher als sehr genaue Schätzung des tatsächlichen Bestands, nicht als Mindestwert, betonen Expertinnen und Experten.

„Zahlen erzählen nur einen Teil der Geschichte: Wölfe sind territoriale Tiere, sie leben in Rudeln und dulden in ihrem Gebiet keine anderen Wölfe. Dadurch wächst ihre Zahl nicht explosionsartig. Stattdessen besiedelt die Art nach und nach jede freie Fläche“, erklärt Genovesi. Vor rund fünfzig Jahren galt der Wolf in Italien fast als ausgerottet, heute kommt er fast überall vor – von den Stränden bei Rom und in Apulien bis in die Po-Ebene.

Diese große Anpassungsfähigkeit erklärt, warum Sichtungen in der Nähe von Städten heute keine Seltenheit mehr sind.

Von 2017 bis 2024 registrierte Ispra 19 Angriffe von Wölfen auf Menschen. Die Daten stammen aus der Zusammenarbeit mit dem Projekt Life Wild Wolf (Quelle auf Italienisch), das von der Europäischen Union kofinanziert wird und Behörden bei der Vorbeugung und im Umgang mit Konflikten zwischen Mensch und Wolf unterstützt.

Ein wichtiger Punkt ist die Zahl der beteiligten Tiere: Nur sieben Wölfe waren für sämtliche Angriffe verantwortlich, eine einzige Wölfin für elf davon. Statistisch gesehen handelt es sich um Ausnahmen, bei denen einzelne Tiere ein abweichendes Verhalten entwickelt haben. Das bestätigen auch Langzeitstudien und Fachleute, die den Wolf seit Jahrzehnten erforschen.

Was bedeutet „auffälliges“ oder „konfidentes“ Verhalten?

„Eigentlich muss man vor dem Wolf keine Angst haben. Er bleibt ein scheues Wildtier, ein nachtaktives Tier, das Menschen eher meidet“, sagt Marco Antonelli, Zoologe und Großraubtier-Experte beim WWF Italien.

Ispra hat ein eigenes Protokoll für das Management von urbanen und an Menschen gewöhnten Wölfen entwickelt. Es stuft ihr Verhalten nach Gefährdungsgrad ein. Gelegentliche Sichtungen in der Nähe von Häusern hat es immer gegeben und sie sind an sich nicht gefährlich. Problematisch wird es, wenn sich Wölfe dauerhaft in Siedlungsnähe niederlassen. Dann steigt das Risiko, bis hin zu deutlich kritischeren Situationen wie Übergriffen auf Haustiere oder im Extremfall aggressivem Verhalten gegenüber Menschen.

„Die Gründe für solches Verhalten sind unterschiedlich. Bestimmte menschliche Handlungen führen dazu, dass Wölfe sich an Menschen gewöhnen und mehr Vertrauen entwickeln“, erklärt Antonelli. Manchmal spielt aber auch der Charakter einzelner Tiere eine Rolle, die sich anders verhalten als die überwiegende Mehrheit.

Bild eines Wolfs, aufgenommen mit einer Fotofalle
Bild eines Wolfs, aufgenommen mit einer Fotofalle Foto concesse dall'Istituto di Ecologia applicata, in collaborazione con il progetto Life Wild Wolf

Herabstufung und Rechtslage in anderen europäischen Ländern

Die große Neuerung im Jahr 2026 ist das sogenannte „Downlisting“, also die Herabstufung von der Kategorie „streng geschützte Art“ zur „geschützten Art“. Auf dem Papier unterscheidet nur ein Wort die beiden Stufen. In der Praxis bleibt abzuwarten, wie groß der Unterschied sein wird.

Italien hat die EU-Richtlinie von 2025 im März übernommen und muss seine bisherigen Regeln bis Januar 2027 anpassen. Die Entscheidung sorgt europaweit für Bewegung: Deutschland etwa hat die Richtlinie bereits umgesetzt und bereitet Änderungen im nationalen Jagdrecht vor.

„Das war eine politische Entscheidung, vorangetrieben von Kommissionspräsidentin von der Leyen. Notwendig war sie nicht. Wölfe konnten auch bisher schon im Rahmen von Ausnahmeregelungen geschossen werden“, sagt Luigi Boitani, emeritierter Professor der Universität La Sapienza in Rom und einer der international renommiertesten Wolfsexperten.

Seine Einschätzung stützt sich auf Zahlen: Auch in Italien gab es bereits genehmigte Abschüsse auf Basis solcher Ausnahmen. In einigen Staaten war das Routine, etwa in Frankreich, wo pro Jahr 250 Wölfe geschossen wurden.

Nach Ansicht von Piero Genovesi bringt die Herabstufung im italienischen System vor allem technische Änderungen und kürzere Verwaltungswege.

„Früher entschied das Umweltministerium, gestützt auf eine technische Stellungnahme von Ispra. Jetzt treffen die Regionen diese Entscheidungen selbst, ebenfalls auf Grundlage einer fachlichen Bewertung“, sagt Genovesi.

Das neue System gilt als deutlich flexibler. Es löst aber nicht das grundlegende Problem der wachsenden Wolfspopulation in Europa.

„Die Herabstufung ist im Kern eine politische Entscheidung gewesen – ausgelöst durch starken Druck von Agrarlobbys auf EU-Ebene, um den alten Konflikt zwischen Wolf und Nutztierhaltung zu entschärfen“, sagt Marco Antonelli gegenüber Euronews.

Schwierige Koexistenz von Wölfen und Viehhalterinnen und Viehhaltern

Die Tierhaltung steht im Zentrum dieses Konflikts. Landwirtinnen und Landwirte beklagen seit jeher die Schäden, die Wölfe ihren Betrieben zufügen, und die Gefahren für Schafe, Ziegen oder Rinder.

„Für die vergangenen zehn Jahre wird geschätzt, dass der Wolf für die Risse an rund einem halben Prozent der Weidetiere in Europa verantwortlich ist. Die Zahlen in Italien sind sehr ähnlich“, sagt Antonelli. Das Problem sei dennoch ernst und verlange wirksame Präventionsstrategien.

Als besonders wirkungsvoll gilt der Einsatz sogenannter Herdenschutzhunde. Es handelt sich um speziell gezüchtete Hirtenhunde, die Herden bewachen und schützen. In Italien ist eine der weltweit bewährtesten Rassen dafür zu Hause: der Maremmen-Abruzzen-Schäferhund.

Weitere moderne Maßnahmen sind elektrifizierte, teilweise eingegrabene Zäune und erhöhte Nachtpferche, die die Tiere zuverlässig schützen. Abschüsse können helfen, wenn einzelne Wölfe auffällig werden. Auf Dauer ermöglicht aber nur ein Paket an Schutzmaßnahmen ein Zusammenleben von Wölfen und Tierhalterinnen und Tierhaltern im Alltag.

„Die Daten zeigen klar: Vorbeugende Maßnahmen sind deutlich wirksamer als jede Abschussstrategie. Lösungen gibt es, aber sie sind komplexer, als es manche darstellen. Deshalb braucht es auch den Einsatz der Behörden“, sagt Antonelli.

Wolfsrudel, das im Rahmen des Projekts Life Wild Wolf mit Fotofallen überwacht wird
Wolfsrudel, das im Rahmen des Projekts Life Wild Wolf mit Fotofallen überwacht wird Foto concesse dall'Istituto di Ecologia applicata, in collaborazione con il progetto Life Wild Wolf

Über die Lager hinaus: „Koexistenz ist ein Kompromiss“

Auch Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner spielen eine Rolle. Sie sollten wissen, wie sie Konflikte vorbeugen können. Entscheidend ist zunächst eine korrekte Entsorgung von Abfällen, denn Müll lockt viele Wildtiere an.

Wichtig ist zudem der Umgang mit Haustieren. In Gegenden mit vielen Sichtungen raten Fachleute, Hunde und Katzen nicht unbeaufsichtigt draußen zu lassen – und vor allem kein Futter auf der Straße stehen zu lassen, das Wölfe anziehen könnte.

„Die drastischste Veränderung, die wir derzeit beobachten, ist die Polarisierung der öffentlichen Meinung über den Wolf. Immer mehr Menschen wollen ihn unbedingt schützen, ebenso viele fordern seine drastische Reduzierung“, sagt Luigi Boitani.

„Die Mitte ist noch schwach ausgeprägt, dabei ist genau sie entscheidend: Koexistenz bedeutet Kompromiss“, betont der Professor. Wissen über die Art – jenseits von Mythen und Vorurteilen – ist noch immer begrenzt, bleibt aber der einzige Weg zu einer tragfähigen Lösung.

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