Zeitpunkt und Ort der Entstehung unserer Spezies sind nach wie vor unklar, da entsprechende Spuren fehlen. Mit einem Fund in Nordafrika kommen wir dieser Wissenslücke nun näher.
Seit langem rätseln Wissenschaftler über den Ursprung der menschlichen Spezies. Noch ist unklar, von welchem gemeinsamen Urahn sowohl der moderne Mensch als auch Neandertaler und Denisovaner abstammen. Früheren Schätzungen nach lebte dieser Urahn vor etwa 750.000 Jahren.
Neue Untersuchungen von Fossilienfunden in Marokko liefern frische Erkenntnisse über unsere ältesten Vorfahren.
Jean-Jacques Hublin ist einer der prominentesten in Deutschland arbeitenden Urmenschforscher. Der französische Anthropologe ist Professor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, wo er die Abteilung für Humanevolution leitet.
In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature" berichten er und ein internationales Forscherteam über insgesamt 21 menschliche Knochenfossilien, die in einer Höhle in Marokko entdeckt wurden. "Ein plausibler Vorläufer des Homo sapiens", urteilt Hublin. Das heißt: Es könnte sich um Urmenschen handeln, von denen die gesamte heutige Menschheit abstammt.
Hublin ist in Marokko auf Homininen-Fossilien gestoßen, die genau zu jener Zeit und an genau jenem Ort lebten, an dem die Entstehung des Homo sapiens ihren Anfang nahm: vor etwa 800.000 Jahren in Afrika.
Die kürzlich veröffentlichten Fossilien stammen aus Thomas-Quarry-I, einer Ausgrabungsstätte im Südwesten von Casablanca. Archäologen widmen sich dort seit den späten Achtzigern ihren Forschungen, sie fanden Steinwerkzeug - und Knochen von Urmenschen.
Umkehrung des Magnetfeldes der Erde
Die dortigen Archäologen baten Hublin vor rund 30 Jahren um Unterstützung bei ihren ersten Fossilienfunden.
Der Franzose ahnte damals bereits, dass die Funde mindestens eine halbe Million Jahre alt sein mussten und aus der Zeit stammten, in der sich der Homo erectus zum modernen Menschen entwickelte. Nur: Damals fehlten die Mittel, das genaue Alter einzugrenzen.
Bis jetzt: Die Forscherin Serena Perini von der Universität Mailand orientierte ihre Analyse daran, dass sich bei der Ablagerung der Fossilien das Magnetfeld der Erde im Sediment festgehalten hatte.
Im Verlauf der Erdgeschichte kehrt das Magnetfeld der Erde nämlich immer wieder seine Polarität um. Diese paläomagnetischen Umkehrungen treten weltweit auf und geschehen auf geologischer Zeitachse praktisch augenblicklich, wobei sie in Sedimenten ein deutliches Signal hinterlassen.
Perinis Untersuchung mittels magnetostratigrafischer Analysen zeigte, dass sich das Magnetfeld genau in jener Zeit umgekehrt hatte, als die Homininen dort lebten – ein Ereignis, das Geologen sehr präzise datieren können. So konnten Hublin und seine Kollegen das Alter der in Casablanca gefundenen Fossilien auf etwa 773.000 Jahre festlegen.
Nach Aussage von Hublin stammen die Knochen von mindestens drei Individuen: zwei Erwachsenen und einem Baby. Bissspuren an einem Oberschenkelknochen zeigen, dass ein Raubtier daran genagt hat. "Wahrscheinlich eine Hyäne", vermutet Hublin. Offenbar diente die Höhle, in der die Fossilien gefunden wurden, auch Raubtieren als Unterschlupf.
Die Funde zeigen einige Gemeinsamkeiten mit dem südeuropäischen Homo antecessor, was auf eine enge Verwandtschaft der beiden Spezies hindeutet. Gleichzeitig lassen sich in den Gebissen Merkmale erkennen, die bereits auf den späteren Homo sapiens verweisen. Forscher hatten vor rund 30 Jahren Überreste des Homo antecessor in der Gran-Dolina-Höhle in Atapuerca, Spanien gefunden.
Jetzt steht fest: Der gemeinsame Vorfahr aller drei Menschengruppen lebte deutlich früher als bislang angenommen – und die Aufspaltung fand tatsächlich in Afrika statt: Aus seinen Nachfahren entwickelten sich in Eurasien über Homo antecessor die Neandertaler und Denisovaner, während die Fossilien aus Marokko offenbar zu jener Nachfahrenlinie gehören, aus der schließlich der Homo sapiens hervorging.
Hublin und seine Kollegen gehen mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass an der Wurzel dieser beiden Linien die Art Homo erectus steht – die erste Homo-Spezies, die aus Afrika auswanderte.
Die Geschichte unserer Art beginnt also in Afrika, doch ihre Wege führten weit darüber hinaus. Dem Max-Planck-Forscher zufolge hatten die Urmenschen in Spanien und Marokko zwar gemeinsame Vorfahren – aber jeder Zweig schlug einen eigenen Pfad ein. Vor rund 800.000 Jahren wanderte ein Teil der afrikanischen Homo-Population über den Nahen Osten nach Europa aus. Einige dieser frühen Reisenden erreichten die Iberische Halbinsel, wo sie sich eigenständig weiterentwickelten.
Die Fossilien aus Casablanca, Marokko erzählen die Geschichte derjenigen, die in Afrika blieben. Aus dieser Linie entstand rund eine halbe Million Jahre später der moderne Homo sapiens.
Doch wie genau diese Entwicklung verlief, bleibt im Dunkeln: Für die entscheidende Zeit zwischen 800.000 und 300.000 Jahren existieren kaum Fossilien, die Licht ins Dunkel bringen könnten. Eines aber ist sicher: Die Entstehung des Homo sapiens war kein geradliniger Weg.