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'Museum der Unschuld': Die Erinnerung an eine Liebe, eine Stadt und ihre Dinge

Selahattin Paşalı spielt Kemal.
Selahattin Paşalı spielt Kemal. Copyright  Netflix
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Von Buse Keskin
Zuerst veröffentlicht am
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In den siebziger Jahren in Istanbul erzählt die Geschichte von einem Mann, der nicht eine Frau liebt, sondern die gemeinsam erlebte Zeit und die Dinge, die seine Erinnerungen tragen.

'Es war wohl der glücklichste Moment meines Lebens, und ich wusste es nicht'

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Orhan Pamuks Roman „Das Museum der Unschuld“ aus dem Jahr zweitausendacht gilt in der türkischen Literatur als eine der feinsten Erzählungen über Erinnerung, Verlust und Begehren. Nun, viele Jahre später, ist diese vielschichtige Geschichte bei Netflix gelandet – nicht nur als einfache Serienadaption, sondern als Versuch, das gedankliche Universum des Romans respektvoll neu zu erschaffen.

Regie führt Zeynep Günay, das Drehbuch stammt von Ertan Kurtulan. In den Hauptrollen sind Selahattin Paşalı und Eylül Lize Kandemir zu sehen. Zum Ensemble gehören außerdem die renommierten Schauspielerinnen und Schauspieler Oya Unustası, Tilbe Saran, Bülent Emin Yarar, Gülçin Kültür Şahin und Ercan Kesal.

Die Handlung spielt im Istanbul der siebziger Jahre. Im Zentrum steht die leidenschaftliche Liebe zwischen Kemal, dem Sohn aus einer wohlhabenden Familie, und seiner entfernten Verwandten Füsun. Die Serie folgt den Spuren von Liebe, Glück, Sehnsucht und verpassten Möglichkeiten und führt das Publikum mit einer vielschichtigen Erzählweise in das vergangene Istanbul zurück.

Seit die Serie bei Netflix gestartet ist, beginnt der Roman „Das Museum der Unschuld“ aus den Regalen der Buchhandlungen zu verschwinden. In den sozialen Medien dominieren Szenen aus der Serie die Feeds. Wahrscheinlich wird in den kommenden Tagen auch das reale Museum der Unschuld im Istanbuler Viertel Çukurcuma, das denselben Namen wie das Buch trägt, von Besucherinnen und Besuchern überrannt.

Wie Roman, Museum und Erinnerung entstehen

Orhan Pamuks „Museum der Unschuld“ ist nicht nur als literarisches Werk entstanden, sondern von Beginn an auch als Idee. Pamuk wollte sich nicht damit begnügen, eine Liebesgeschichte zu erzählen. Er plante, die Dinge, die in dieser Geschichte vorkommen, in einem „realen“ Museum zu zeigen und so die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu verwischen. Entstanden ist ein Projekt, das gleichzeitig erfunden und physisch greifbar ist und eine imaginäre Geschichte mit wirklichen Objekten weiterleben lässt.

Nach Vorstellung des Autors soll eine Besucherin oder ein Besucher im Museum irgendwann die gleiche Gewissheit spüren wie eine Leserin, die an die Existenz der Romanfigur Kemal als wirkliche Person glaubt. Pamuk dachte beim Schreiben jedes einzelnen Gegenstandes als Träger einer Geschichte. Deshalb hat er das Museum nicht nur als Ausstellungsraum, sondern als eine Art enzyklopädisches Wörterbuch der Gefühle konzipiert.

Für Pamuk ist „Das Museum der Unschuld“ ebenso sehr Roman wie Erzählform. Wenn er über Dinge Gefühle beschreibt, sucht er Liebe, Ungeduld, Eifersucht, Scham und Verlust in der Erinnerung der Objekte. Die Dinge sind so lebendig wie die Figuren. Jedes einzelne steht für eine konkrete Erinnerung, ein Gefühl, eine Spur eines gelebten Moments.

Seit seiner Kindheit fasziniert Orhan Pamuk das Sammeln, Aufbewahren und Ordnen. In seinen jungen Jahren, als er sich intensiv mit Malerei beschäftigte, gewöhnte er sich daran, über Formen und Objekte nachzudenken. Mit der Zeit verlagerte er dieses visuelle Interesse auf Worte. In „Rot ist mein Name“ taucht er tief in die Innenwelten von Malerfiguren ein. Im „Museum der Unschuld“ zeichnet er nun die emotionale und historische Erinnerung der Dinge nach.

Der erste Funke für Roman und Museum sprang im Jahr neunzehnhundertzweiundachtzig über, als Orhan Pamuk einen der letzten osmanischen Prinzen, Ali Vasıb Efendi, kennenlernte. Dessen Exil, das abgebrochene Leben fern vom Palast und die Auseinandersetzung mit einer zerschnittenen Erinnerung brachten Pamuk auf den Gedanken, „ein Leben in ein Museum zu verwandeln“. Diese Begegnung bildet den konzeptionellen Kern des „Museums der Unschuld“ und den Ausgangspunkt für das Thema der „persönlichen Geschichte“, das er in späteren Büchern weiterführt.

Nach dem Erdbeben von neunzehnhundertneunundneunzig begann Pamuk, ausgedehnte Spaziergänge durch Cihangir und Çukurcuma zu machen. Dabei fand die Geschichte ihren Schauplatz. Ein altes Mietshaus wurde zum zentralen Ort des Romans und später zur Adresse des realen Museums. Dieses Gebäude ist Schauplatz von Kemals Liebe und wird zugleich zur Bühne, auf der die Besuchenden selbst in die Geschichte eintreten.

Im Frühjahr zweitausendzwölf öffnete das „Museum der Unschuld“ seine Türen. Es wurde als Erinnerungsraum geschaffen, in dem die im Roman beschriebenen Objekte tatsächlich ausgestellt sind. Jedes einzelne Objekt – Füsuns Ohrring, ein Feuerzeug, ein Parfümflakon, ein Zigarettenstummel – bezeugt Kemals verlorene Liebe. Wer an den Vitrinen entlanggeht, betrachtet nicht nur Dinge, sondern folgt auch den Spuren eines Lebens. So wird das Museum zu einer räumlich gewordenen Erzählung.

Dieses ständige Hin und Her zwischen Roman und Museum spielt in Pamuks Poetik eine zentrale Rolle. Der Roman verwandelt sich in ein Museum, das Museum wiederum in einen Roman. Diese doppelte Struktur lässt die Grenze zwischen „Wirklichkeit und Fiktion“ verschwimmen. Pamuk schafft einen Erfahrungsraum, in dem man eine Geschichte nicht nur liest, sondern buchstäblich durch sie hindurchgehen kann.

Der Autor beschreibt das Projekt als „eine erfundene Geschichte, die in der Unschuld wirklicher Dinge verborgen liegt“. Das „Museum der Unschuld“ erzählt deshalb weniger nur eine Liebesgeschichte, als vielmehr die Beziehung des Menschen zu Dingen, zu Erinnerung und zu Zeit. Roman und Museum von Orhan Pamuk verweben Literatur und Raum zu einem einzigartigen Experiment des Erinnerns, das unsere Vorstellungen vom Gedächtnis neu sortiert.

Eylül Lize Kandemir in der Rolle der Füsun.
Eylül Lize Kandemir in der Rolle der Füsun. Netflix Türkiye.

'Die Unschuld der Dinge' und die Schuld des Erinnerns

Im Zentrum des Romans steht eine Art „Archäologie der Dinge“ rund um Kemals Liebe zu Füsun. Nach dem Verlust der Geliebten rekonstruiert Kemal jedes gemeinsam erlebte Moment über Gegenstände. Dieses Sammeln ist mehr als ein Hobby. Es ist die greifbare Form seines unstillbaren Wunsches zu erinnern.

Ein Zigarettenstummel, eine Haarspange, eine Tasse – sie alle werden zu Trägern einer bestimmten Zeit, eines Blicks, einer Berührung. In Füsuns Abwesenheit sind die Dinge die einzige Möglichkeit, ihre Präsenz wachzuhalten. Pamuks Idee einer „Korrelation zwischen Ding und Erinnerung“ verwandelt sich in der Serie in eine visuelle Landkarte des Gedächtnisses: Die Objekte erscheinen nicht als bloße Requisiten, sondern als emotionale Zeugen.

Kemals Museum wirkt wie eine emotionale Architektur, die einen Verlust ausgleichen soll. Jede Vitrine trägt einen Teil dieser Liebe in sich und stellt dem Publikum eine Frage: „Haben wir einen Menschen geliebt – oder die Zeit, die wir mit ihm verbracht haben?“

Besonders auffällig an der Netflix-Produktion ist die Entscheidung der Macherinnen und Macher, Orhan Pamuk selbst als Figur ins Geschehen zu holen – sowohl als Romanautor als auch als Schriftsteller innerhalb der Serie. Diese mehrschichtige Erzählweise verstärkt visuell, was der Roman schon in Worten tut: Er lässt die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen.

Der Autor wandelt dabei fast wie ein Hüter des Gedächtnisses zwischen seinen Figuren. Er ist zugleich Zeuge der Geschichte und ihr Schöpfer.

Liebe oder Obsession?

Einer der stärksten Momente der Serie ist der Blick auf diese asymmetrische Liebe im Zentrum des Romans. Sie wird nicht moralisch bewertet, sondern als zwei sehr unterschiedliche Arten zu lieben erzählt. Kemals Liebe ist intensiv, besitzergreifend und von einem zwanghaften Erinnern geprägt.

Füsuns Gefühl hingegen bleibt leise, unterdrückt und bewegt sich innerhalb enger gesellschaftlicher Grenzen. Diese beiden Erfahrungen zeigen, dass es keine einzige Definition von Liebe gibt. Im Mittelpunkt steht dennoch Kemal. Die Art, wie er diese Liebe lebt, verändert seine Identität und sein gesamtes Dasein.

Manche Kritikerinnen und Kritiker verurteilen, dass Kemal eine Beziehung zu einer deutlich jüngeren Frau eingeht. Andere sehen in seinem Sammeln von Füsuns Dingen eine Form von Kleptomanie oder Obsession. Doch im Kern erzählt die Geschichte weniger von einer pathologischen Fixierung, sondern davon, wie Liebe sich in Kemals Innenwelt formt. Es ist eine Erfahrung, die durch seinen Blick gefiltert wird – weder idealisiert noch verdammt, sondern schlicht erzählt, wie sie ist. Von niemandem wird erwartet, sich mit einer der Figuren vorbehaltlos zu identifizieren.

In der Serie tritt dieser Unterschied durch das nuancierte Spiel der Darstellerinnen und Darsteller deutlich hervor. Jede Berührung Kemals ruft eine Erinnerung wach. Jedes Schweigen Füsuns wird zu einer eigenen Form des Widerstands. So rückt die Frage „Wer hat wen mehr geliebt?“ in den Hintergrund. Stattdessen bleibt am Ende eine andere Frage: „Wer hat diese Liebe stärker erinnert?“ Wer Kemals Gefühl nur als Obsession abtut, blendet die Komplexität der Emotion und die tragische Tiefe des Erinnerns aus.

Ästhetik der Epoche: Die sinnliche Erinnerung an das Istanbul der achtziger Jahre

Die Serie erzählt nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern rekonstruiert auch das soziale Gefüge des Istanbuls der achtziger Jahre mit großer Sorgfalt. Licht, Kleidung, die Textur der Innenräume und sogar die Musik im Hintergrund rufen die Atmosphäre dieser Zeit wach, ohne in kitschige Nostalgie zu kippen.

Diese Realistik bewahrt auch das Gefühl der „zeitlichen Entfremdung“, das den Roman prägt. Das Publikum spürt die sozialen Hierarchien jener Jahre und wie Klassenunterschiede in die Liebesgeschichte eindringen. In diesem Sinne gelingt der Serie ein ungewöhnlich starkes Porträt der damaligen Epoche.

Ein weiterer kluger Griff ist die Entscheidung, eine noch wenig bekannte Schauspielerin mit der Rolle der Füsun zu betrauen. Gerade weil Eylül Lize Kandemir dem Publikum weniger vertraut ist, bleibt um Füsun eine Distanz bestehen, die ihre rätselhafte Welt wahrt und ihre Wirkung vertieft.

Lohnt sich das Ansehen?

Die Serie „Das Museum der Unschuld“ bleibt dem Roman treu und übersetzt ihn doch selbstbewusst in eine bildhafte Sprache. Dialoge, zeitgenössische Details, bedeutsame Pausen und der symbolische Einsatz des Museums transportieren die emotionale Tiefe des Buches auf den Bildschirm.

Pamuks Idee einer „Korrelation zwischen Ding und Erinnerung“ erhält hier eine konkrete Form. Erinnerungen leben nicht mehr nur in Worten, sondern in den Oberflächen der Dinge. Genau darin liegt die Stärke der Serie: Sie erzählt weniger eine Liebesgeschichte als die Ästhetik des Erinnerns. Am Ende ist diese Adaption nicht bloß eine Nacherzählung, sondern eine filmische Verbeugung vor Orhan Pamuks Universum – die Geschichte eines Mannes, der eine Frau liebt, sie verliert und versucht, diesen Verlust mit Hilfe von Dingen unsterblich zu machen.

Vor allem aber lädt die Serie dazu ein, einen Satz neu zu durchdenken: „Du liebst nicht einen Menschen, sondern die Zeit mit ihm. Und manchmal erinnern sich nur die Dinge an diese Zeit.“ Mit all diesen Schichten „Das Museum der Unschuld“ zu den feinsten Produktionen des türkischen Fernsehens, die das visuelle Gedächtnis ins Zentrum stellen – nicht nur als Adaption, sondern als Spurensuche danach, wie ein Gefühl, eine Epoche und eine Stadt erinnert werden wollen.

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