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Berlinale-Krise: Internationale Festivalchefs stellen sich hinter Tricia Tuttle

Krise bei der Berlinale: Internationale Festivalchefs stellen sich hinter Tricia Tuttle
Berlinale-Krise: Internationale Filmfestival-Leitungen stellen sich hinter Berlinale-Chefin Tricia Tuttle Copyright  AP Photo
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Von David Mouriquand
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„Die Unterstützung der Meinungsfreiheit war noch nie so wichtig.“ Festivalchefs aus Cannes, Locarno, London, San Sebastián, Tokio und Toronto stärken Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle mit einem Brief – aus Sorge, sie könnte wegen Pro-Palästina-Statements entlassen werden.

Leitungen großer Filmfestivals weltweit, darunter der Cannes-Chef Thierry Frémaux, Eugene Hernandez vom Sundance Festival, Kristy Matheson vom London Film Festival und Cameron Bailey vom Toronto International Film Festival, haben eine Erklärung veröffentlicht. Darin stellen sie sich hinter die Berlinale-Direktorin Tricia Tuttle, vor dem Hintergrund von Berichten über eine mögliche Entlassung.

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Tuttle, die sich derzeit im zweiten Jahr ihres auf fünf Jahre angelegten Mandats befindet, sieht sich nach propalästinensischen Reden bei der diesjährigen Preisverleihung der Berlinale erheblichem politischen Gegenwind ausgesetzt.

„Wir unterstützen den Wunsch von Tricia Tuttle, als Direktorin der Berlinale im Amt zu bleiben, in vollem Vertrauen und mit institutioneller Unabhängigkeit“, heißt es in dem Schreiben, das von 32 Führungspersönlichkeiten an der Spitze der weltweit renommiertesten Filmfestivals unterzeichnet wurde.

„Ein zentraler Teil unserer Aufgabe als kulturelle Hüterinnen und Hüter besteht darin, den Raum zu schaffen und zu schützen, in dem Filmemacher, Künstlerinnen, Branchenprofis und Publikum zusammenkommen können“, heißt es weiter. „Dazu gehören Menschen, die nicht nur die gemeinsame Liebe zum Kino mitbringen, sondern auch sehr unterschiedliche Lebenserfahrungen und Sichtweisen.“

„Wir müssen zudem sehr sorgfältig damit umgehen, dass dieses ‚alle‘ auch Menschen einschließt, deren politische und persönliche Ansichten nicht immer zueinander passen oder mit gesellschaftlich akzeptierten oder politisch vorgegebenen Positionen übereinstimmen.“

Scrollen Sie nach unten, um den vollständigen Wortlaut des Schreibens zu lesen.

Zu den Unterzeichnenden gehören außerdem Jung Hanseok (Busan International Film Festival), Ilda Santiago (Festival do Rio), Vanja Kaludjercic (International Film Festival Rotterdam), Karel Och (Karlovy Vary International Film Festival), Giona A. Nazzaro (Locarno Film Festival), Lucía Olaciregui (San Sebastián International Film Festival), Frances Wallace (Sydney Film Festival) und Julie Huntsinger (Telluride Film Festival).

Berlinale-Direktorin Tricia Tuttle - 2026
Berlinale-Direktorin Tricia Tuttle - 2026 AP Photo

Zunächst wurde die Berlinale beschuldigt, politische Äußerungen zu zensieren, als prominente Gäste, darunter der Jurypräsident Wim Wenders, sich weigerten, über Politik zu sprechen.

Die Kontroverse eskalierte am Abschlussabend, als einige Preisträgerinnen und Preisträger ihre Dankesreden nutzten, um ihre Unterstützung für Palästina und den Gazastreifen zu bekunden.

Der deutsche Bundesumweltminister Carsten Schneider verließ die Zeremonie, nachdem der palästinensische Regisseur Abdallah Al-Khatib, dessen Film Chronicles From The Siege den Hauptpreis in der Sektion Perspektive gewann, der Bundesregierung vorgeworfen hatte, „durch Israel Mitschuld am Völkermord in Gaza zu tragen“ – und spielte damit auch auf die ausgeprägt proisraelische Haltung Deutschlands an, die aus der historischen Verantwortung erwächst.

Die konservative Boulevardzeitung Bild, die offen proisraelisch auftritt, suggerierte, Tuttle stehe vor der Entlassung. In einer Kolumne warf ihr der rechtsgerichtete Journalist Gunnar Schupelius vor, sie habe „für Gaza-Propaganda posiert“ und verwies auf ein Foto, das Tuttle zusammen mit Al-Khatib und dem Chronicles From The Siege Team bei der Berlinale-Weltpremiere des Films zeigt. Zudem beschuldigte er sie, zugelassen zu haben, dass die Berlinale als Bühne für „antisemitische“ Aktivisten diene.

Diesen Vorwürfen stand breite Unterstützung für Tuttle gegenüber – nicht nur innerhalb der Berlinale, sondern auch von mehr als 3.000 Filmschaffenden, die einen offenen Brief unterzeichneten. Darin heißt es, die Stärke der Berlinale „liege in ihrer Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und einer Vielzahl von Stimmen Sichtbarkeit zu verschaffen“.

Gegenüber der deutschen Presse räumte Tuttle ein, dass sie bei einer Sitzung des Aufsichtsrats in der vergangenen Woche mit Kulturminister Wolfram Weimer „über die Möglichkeit eines gemeinsamen Rücktritts“ gesprochen habe. Zugleich betonte sie, sie wolle ihr Amt unbedingt weiter ausüben.

„Ich bin sehr stolz auf mein Team und das Festival und möchte die Arbeit, die wir gemeinsam begonnen haben, mit vollem Vertrauen und institutioneller Unabhängigkeit fortsetzen“, sagte Tuttle der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Wir müssen Räume bewahren, in denen Unbehagen ausgehalten wird, Debatten weit geführt werden können, neue Ideen entstehen und unerwartete – bisweilen widersprüchliche – Perspektiven sichtbar werden. 
Letter from international film festival directors

Hier der vollständige Unterstützungsbrief der Festivalleitungen:

Als Direktorinnen, Direktoren und Verantwortliche von Filmfestivals unterstützen wir den Wunsch von Tricia Tuttle, ihre Arbeit als Direktorin der Berlinale fortzusetzen – in vollem Vertrauen und mit institutioneller Unabhängigkeit.

Die Debatten rund um die Berlinale 2026 und andere kulturelle und künstlerische Veranstaltungen der vergangenen Monate zeigen uns den wachsenden Druck auf Filmfestivals weltweit. Sie müssen sich durch eine volatile Zeit bewegen und zugleich sichere Räume für den Austausch über Filme und Ideen bewahren.

Ein Kernstück unserer Aufgabe als Hüterinnen und Hüter der Kultur ist es, Räume zu schaffen und zu schützen, in denen Filmemacherinnen und Filmemacher, Künstlerinnen und Künstler, Fachleute und Publikum zusammenkommen können. Dazu gehören Menschen, die nicht nur die Liebe zum Kino teilen, sondern auch sehr unterschiedliche Erfahrungen und Blickwinkel mitbringen. Genau das verleiht unseren Festivals Vitalität, Relevanz und Wert – und daraus entsteht der Festivalgeist.

Wir müssen zudem vorsichtig damit umgehen, dass dieses „alle“ auch Menschen mit politischen und persönlichen Überzeugungen umfasst, die nicht immer zueinander passen oder mit gesellschaftlich akzeptierten oder politisch vorgegebenen Positionen übereinstimmen. Und auch wenn traditionsreiche, gut besuchte Filmfestivals wie unzerstörbare Treffpunkte wirken, sind diese Räume in Wahrheit fragil, mühsam errungen und schwierig zu erhalten.

Filmfestivals, wie wir sie kennen und brauchen, lassen sich in einem Klima, in dem das Gespür für Nuancen schwindet, immer schwerer aufrechterhalten. Die echte Meinungsfreiheit zu schützen – auch die Freiheit, unvollkommene oder unpopuläre Ansichten zu äußern – war nie wichtiger. Wir müssen Räume bewahren, in denen Unbehagen zugelassen wird, Debatten weit geführt werden können, neue Ideen entstehen und unerwartete, mitunter widersprüchliche Perspektiven sichtbar werden.

Wir brauchen alle unsere Partnerinnen und Partner – Publikum, Kreative, Festivalteams, öffentliche und private Förderer, Branche, Medien und befreundete Institutionen –, die einander Großzügigkeit, Respekt und Solidarität entgegenbringen, als Gemeinschaften und Netzwerke, die durch die Liebe zum Film verbunden sind. Sonst riskieren wir, diese Räume ganz zu verlieren. Zerstören geht so viel schneller als aufbauen.

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