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Chaos, Nähe, Fremdscham: die besten Karaoke-Szenen im Film

Scarlett Johansson singt im Film „Lost in Translation“ in einer Karaoke-Bar „Brass in Pocket“ von The Pretenders.
Scarlett Johansson singt im Film 'Lost in Translation' in einer Karaoke-Bar 'Brass in Pocket' von The Pretenders. Copyright  American Zoetrope / Focus Features / Tohokushinsha
Copyright American Zoetrope / Focus Features / Tohokushinsha
Von Amber Louise Bryce
Zuerst veröffentlicht am
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Sandra Hüller greift im Sci-Fi-Blockbuster „Project Hail Mary“ zum Mikro und singt „Sign of the Times“. Euronews Culture erinnert an legendäre Karaoke-Szenen im Kino.

Fast jeder Mensch hat einen Karaoke-Klassiker – bei Sandra Hüller ist es „Sign of the Times“ von Harry Styles.

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Die deutsche Schauspielerin bestand Medienberichten zufolge darauf, den Popsong für eine Szene in ihrem neuesten Film, Project Hail Mary, zu verwenden. Darin wird der Lehrer Dr. Ryland Grace (Ryan Gosling) ins All geschickt, um die Welt zu retten. Bei einer Abschiedsparty schnappt sich Hüller, die die Projektleiterin Eva Stratt spielt, ein Mikrofon und legt los.

Dieser unerwartete Moment der Ruhe zeigt die Verletzlichkeit ihrer Figur – und erinnert an das allzu vertraute Unbehagen, wenn jemand wirklich schlecht performt.

Karaoke, auf Japanisch „leeres Orchester“, übt auf Filmschaffende seit Langem einen besonderen Reiz aus. Einerseits ist es kitschig, witzig und ein dankbarer Auftritt für Komik. Andererseits wirkt es peinlich, entwürdigend und ein bisschen traurig – wie ein Heliumballon, der langsam die Luft verliert.

Aus dieser Spannung zwischen Auftritt und Wirklichkeit sind einige der bewegendsten Kinomomente entstanden. Figuren legen plötzlich ihre tiefsten Wahrheiten offen, während der Liedtext im Hintergrund albern über die Leinwand hüpft.

Ob als Quelle für Humor, Absurdität oder herzzerreißende Emotionen – meist Letzteres – hier sind einige Karaoke-Szenen, die uns bis heute im Ohr bleiben, im Guten wie im Schlechten.

Marriage Story (2019)

🎤 “Someone to need you too much / Someone to know you too well / Someone to pull you up short / To put you through hell”

Noah Baumbachs Film über das Zerbrechen der Ehe zwischen Theaterregisseur Charlie (Adam Driver) und Schauspielerin Nicole (Scarlett Johansson) ist ein schonungsloses Porträt einer Liebe, die vergiftet ist. Charlie verdrängt lange, wie unglücklich Nicole geworden ist. Seine freundliche Distanziertheit kippt in Wut, bevor sie langsam in Akzeptanz übergeht. Wenn er „Being Alive“ aus Stephen Sondheims Musical Company singt, wirkt das wie eine überfällige Katharsis. Zugleich feiert der Auftritt die Verletzlichkeit: das Risiko, sich immer wieder kopfüber in die Liebe zu stürzen, obwohl man den möglichen Schmerz kennt.

Lost in Translation (2003)

🎤 “More than this / You know there's nothing / More than this”

Zwei verlorene, einsame Amerikaner finden in Sofia Coppolas Oscar-prämiertem Film eine unerwartete Verbindung – mitten im flirrenden Neonregen von Tokio. Die junge Charlotte (Scarlett Johansson), Ehefrau eines ständig reisenden Fotografen, streift tagsüber planlos durch die Stadt. Der ältere Schauspieler Bob (Bill Murray) sitzt derweil im Hotel fest, ruhelos und grübelnd. Sie erkennen die gleiche Fremdheit im jeweils anderen, treffen sich abends auf einen Drink und bauen nach und nach eine intime, unausgesprochene Nähe auf.

Der Film fängt meisterhaft das Gefühl ein, im Leben zu treiben, unsichtbar zu sein, jeden Moment davonzuschweben.

Als die beiden spontan in einer Karaokebar landen, legen sie ihre Unsicherheiten kurz ab und wagen es, sich wirklich zu zeigen. Bobs Version von Roxy Musics „More Than This“ trifft besonders ins Schwarze. Sein sonstiger Sarkasmus weicht einer zarten Aufrichtigkeit, mit der er Charlotte spüren lässt, wie wichtig sie ihm geworden ist.

Aftersun (2022)

🎤 “I thought that I heard you laughing / I thought that I heard you sing / I think I thought I saw you try”

Kaum ein Film der vergangenen Jahre zermürbt die Gefühle so sehr wie Charlotte Wells’ Meisterwerk. Es spielt überwiegend Ende der Neunziger in einem türkischen Ferienresort und begleitet die elfjährige Sophie (Frankie Corio) und ihren Vater Calum (Paul Mescal) in ihrem letzten gemeinsamen Urlaub. Die körnigen, warmen Bilder der Videokamera führen in die Gegenwart, in der Sophies Erinnerungen schärfer werden – und eine erschütternde, kaum greifbare Trauer sichtbar machen.

Die Brüche in ihrer Vater-Tochter-Beziehung treten in einer Karaoke-Szene besonders deutlich hervor. Calum weigert sich, mit Sophie R.E.M.s „Losing My Religion“ zu singen. Ihre Kränkung und seine wachsende Scham werden greifbar – beide entspringen seiner Lähmung durch Depression. Der Song über unerwiderte Liebe spiegelt dabei die Themen des Films. Sophies Stimme, klein und kämpfend, versucht verzweifelt, ihren Vater zu erreichen.

(500) Days of Summer (2009)

🎤 “Out by the boxcar waitin' / Take me away to nowhere plains”

Die Kultromanze erzählt ihre Liebesgeschichte zwischen Tom (Joseph Gordon-Levitt) und Summer (Zooey Deschanel) in gebrochenen Erinnerungsbildern. Bei einem Karaoke-Abend mit den Kolleginnen und Kollegen beginnt ihre – am Ende zum Scheitern verurteilte – Beziehung. Toms angeheiterter Auftritt mit dem Pixies-Song „Here Comes Your Man“ zeigt bereits seine Neigung zu Größenfantasien.

Summer sagt früh sehr klar, dass sie keine feste Beziehung will. Tom klammert sich trotzdem an die Vorstellung, ihre Verbindung sei schicksalhaft, Summer sei sein Fluchtweg aus der Eintönigkeit des Alltags. So wie Karaoke einen für ein paar Minuten zum Rockstar machen kann, steht es hier für Toms naive Romantik – stets im schmerzhaften Konflikt mit der Realität.

Rye Lane (2023)

🎤 “Bright as the sun, I wanna have some fun / Come and give me some of that yum-yum”

David Jonsson und Vivian Oparah in „Rye Lane“
David Jonsson und Vivian Oparah in „Rye Lane“ Searchlight Pictures

Im Gegensatz zu vielen eher düsteren Beispielen in dieser Liste nutzt die britische Romantic Comedy Rye Lane Karaoke für eine deutlich heiterere Botschaft.

Ein zufälliges Treffen bringt die frisch getrennten Fremden Dom (David Jonsson) und Yas (Vivian Oparah) zusammen. Sie verbringen einen turbulenten Tag im Süden Londons und nähern sich über ihre vergangenen Beziehungen an. Yas gibt sich als Doms Freundin aus, um seine Ex eifersüchtig zu machen, und erzählt dazu die erfundene Geschichte ihres Kennenlernens bei einem Hip-Hop-Karaoke-Abend. Später wird genau so ein Abend zur Bühne ihrer echten Romanze: Bei einem gemeinsamen Auftritt mit Salt-N-Pepas Neunzigerjahre-Hit „Shoop“ finden beide im wahrsten Sinne des Wortes den gleichen Ton – und küssen sich endlich.

Bridget Jones's Diary (2001)

🎤 "Well, I can't forget this evening / Or your face as you were leaving"

Renée Zellweger grölt betrunken „Without You“ in „Bridget Jones's Diary“
Renée Zellweger grölt betrunken „Without You“ in „Bridget Jones's Diary“ Miramax Films

Manchmal steckt hinter Karaoke keine große Symbolik. Man zerschießt einfach eine Powerballade, nachdem man bei der Weihnachtsfeier im Büro zu viel Prosecco erwischt hat. Genau so läuft es bei der kettenrauchenden und chronisch solo lebenden Bridget (Renée Zellweger), die sich lallend durch „Without You“ kämpft, während Schwarm Daniel Cleaver (Hugh Grant) sie unausweichlich fasziniert und angewidert anstarrt. Es ist zum Fremdschämen und schmerzhaft nachvollziehbar – ein Beispiel dafür, welche Grausamkeiten dieses öffentliche Demütigungsritual bereithält. Da Zellweger eigentlich singen kann, ist es zugleich eine beeindruckend schlechte Performance.

Saltburn (2023)

🎤 "You dress me up, I'm your puppet / You buy me things, I love it"

Barry Keoghan singt „Rent“ von den Pet Shop Boys in „Saltburn“
Barry Keoghan singt „Rent“ von den Pet Shop Boys in „Saltburn“ Amazon MGM Studios

Emerald Fennells Tumblr-Ästhetik-Variante von Obsession und Begehren ist alles andere als subtil. Eine der deutlichsten Szenen kreist um eine besonders demütigende Karaoke-Wahl. Der „arme“ Oxford-Student Oliver (Barry Keoghan) versucht, sich in die wohlhabende Familie seines Freundes Felix (Jacob Elordi) hineinzudrängen. Felix revanchiert sich, indem er Oliver „Rent“ von den Pet Shop Boys singen lässt – ein Song über Beziehungen gegen Gegenleistung, der ihn an seinen niedrigeren gesellschaftlichen Status erinnern soll.

The Cable Guy (1996)

🎤 “Don't you want somebody to love / Don't you need somebody to love"

Ein wiederkehrendes Motiv dieser Liste: Karaoke zeigt, wer Figuren im Innersten sind. Für Jim Carreys komplett durchgeknallten Kabeltechniker gilt das ganz besonders.

In Ben Stillers düster-komischer, erstaunlich vorausschauender Satire auf Vereinsamung durch Technologie gerät die Freundschaft zwischen Chip (Carrey) und seinem neuen Nachbarn Steven (Matthew Broderick) endgültig aus den Fugen, nachdem Chip bei einer Party Jefferson Starships „Somebody to Love“ performt. Mit aufgerissenen Augen, offenem Mund und wilden Hüftbewegungen verwandelt er seinen Auftritt in einen psychedelischen Energiesturm. Steven bricht daraufhin den Kontakt ab – ein Vorgeschmack auf den obsessiven Wahnsinn, der noch folgt.

When Harry Met Sally… (1989)

🎤 “When we hit that road, hell for leather, cats and dogs will dance in the heather”

Billy Crystal stimmt kurz einen „Oklahoma!“-Song in „When Harry Met Sally...“ an
Billy Crystal stimmt kurz einen „Oklahoma!“-Song in „When Harry Met Sally...“ an Amazon MGM Studios

In Rob Reiners geliebter Komödie über eine Freundschaft, aus der langsam Liebe wird, gibt es eine Szene, in der Harry (Billy Crystal) das Mikrofon einer tragbaren Karaoke-Anlage schnappt und „The Surrey with the Fringe on Top“ aus „Oklahoma!“ anstimmt. Kaum hat er ein paar Zeilen gesungen, tritt der Albtraum ein: Seine Ex-Freundin kommt mit ihrem neuen Partner herein. Der dünne, fröhliche Backingtrack läuft weiter und begleitet Harrys Verzweiflung. Der kurze Moment zeigt, wie schwer es beiden Hauptfiguren fällt, ihre Schutzmauern fallen zu lassen – sie jagen ihren Vorstellungen hinterher, statt zu sehen, was die ganze Zeit direkt vor ihnen liegt.

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