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Euronews Culture: Film der Woche – Wuthering Heights, Brontë-Klassiker als Sexposse

Film der Woche: „Sturmhöhe“ – blasse Neuinterpretation von Brontës Klassiker
Film der Woche: „Sturmhöhe“: belanglose Version von Brontës Klassiker Copyright  Warner Bros. Pictures - Canva
Copyright Warner Bros. Pictures - Canva
Von David Mouriquand
Zuerst veröffentlicht am
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Regisseurin Emerald Fennell verstümmelt einen der emotional brutalsten Romane und reduziert ihn auf harmlose Korsett-Spielereien ohne Biss.

Fast einhundertachtzig Jahre nach der Veröffentlichung von Emily Brontës Gothic-Roman „Wuthering Heights“ verpasst Emerald Fennell (Promising Young Woman, Saltburn) der Geschichte eine komplette Frischzellenkur. Ihr Film wird als frische, stark stilisierte und sexuell aufgeladene Version der stürmischen Beziehung zwischen Catherine Earnshaw und Heathcliff beworben.

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Mit Anführungszeichen im Titel, wohlgemerkt.

Der Film beginnt durchaus vielversprechend: Ein erhängter Mann mit sichtbarer Erektion, die junge Cathy (Charlotte Mellington) schaut zu. Das könnte früh angedeutet haben, dass Fennell Lust- und Todestrieb ausloten will – wie Lebens- und Todesinstinkte ineinandergreifen und in Selbstzerstörung münden, besonders bei Liebe und Begehren. Aber warum sich mit solchen Feinheiten aufhalten, wenn man stattdessen einen immer schrilleren Ton anschlagen kann, irgendwo zwischen surrealer Komödie und bitterem Ernst?

Dann sieht man, wie Cathys Vater (Martin Clunes) einen Straßenjungen (Owen Cooper) mit nach Hause bringt, den sie prompt zu ihrem „Haustier“ erklärt.

Jahre vergehen. Die ältere Cathy (Margot Robbie) entscheidet sich, ihr Herz zu verraten und lieber ein bequemes Leben mit dem reichen Junggesellen von nebenan, Edgar Linton (Shazad Latif), zu führen. Heathcliff (Jacob Elordi) hört, wie Cathy sagt, es würde sie herabwürdigen, ihn zu heiraten. Er verschwindet für Jahre – nur um wieder aufzutauchen: sexuell aufgerüstet, rätselhaft reich und mit einem eindeutig schlüpfrigen Piraten-Ohrring im Ohr ...

"Wuthering Heights"
"Wuthering Heights" Warner Bros. Pictures

Grundsätzlich ist es zu begrüßen, wenn eine Regisseurin mit einem Stoff, der schon unzählige Male für Kino und Fernsehen adaptiert wurde, etwas Neues versucht.

Klar, die Handlung zu straffen, die Hälfte der Figuren zu streichen und die Hauptfigur zu „weißen“ ist fragwürdig – auch das ist schon passiert, wenn man sich die Liste der Schauspieler anschaut, die früher Heathcliff gespielt haben. Doch die Anführungszeichen im Titel signalisieren von Beginn an: Das ist Fennells Version, und sie nimmt sich jede Freiheit, so un-akademisch sie auch wirken mag. Die Filmemacherin hat offen gesagt, sie wolle das Gefühl verfilmen, das sie mit vierzehn beim ersten Lesen von Brontës Roman hatte. Sollen die Literaturpuristen ruhig die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Wenn man aber die Dimension von Herkunft und Hautfarbe komplett ausklammert, die Klassengesellschaft aus dem Blick nimmt und die in der Vorlage angelegten Themen von weitergegebenen Traumata streicht – und all das zugunsten eines Films, der sich kühn, sexy und provokant verkaufen will –, dann muss dieser Film bei genau diesem Dreiklang liefern. Ernüchternd ist, dass „Wuthering Heights“ so erstaunlich brav und langweilig daherkommt, dass man sich nur fragt, wofür der ganze aufgedrehte Hype gut war.

Fennell bekommt weder Hitze noch Camp noch wirkliche Fremdheit in Gang – alles bleibt Lippenbekenntnis und spiegelt sich höchstens in ein paar mutigen Deko-Entscheidungen. Auch den sexuellen Erwachensmomenten und der lustvollen Verdrängung bringt sie keinen echten Nervenkitzel.

Sie begnügt sich damit, zwei genetisch gesegnete Stars – Margot Robbie, die hier eine Art Hermine-Granger-Nummer hinlegt, und Jacob Elordi als glühende Zwei-Meter-Kleiderstange – sofort zusammenzustecken und sie ständig im Regen stehen zu lassen. Und das gefühlt im Minutentakt. Darüber hinaus entsteht kein spürbares Sehnen, keine Erwartung, die einen Raum plötzlich klaustrophobisch wirken lässt. Am Ende reduziert Fennell die leidenschaftliche Anziehung auf ein bisschen schlabbrige Eigelb-Optik, immer gleiche Fingerlutscherei und einen hastigen Kutschen-Quickie. Hätten wir mehr von Cathys lüsternen Regungen gesehen, ausgelöst durch ihren Blick auf eine milde BDSM-Szene, wäre das aufgestaute Begehren und der Reiz des unerfüllten Wollens glaubhafter gewesen. So wirkt es eher wie der durchschaubare Versuch, eine BookTok-Fanfiction zu pushen, die stilistisch gar nicht so weit von E. L. James entfernt ist.

"Wuthering Heights"
"Wuthering Heights" Warner Bros. Pictures

Zur Ehrenrettung der Darsteller: Robbie und Elordi schaffen es immerhin, ein wenig Chemie heraufzubeschwören. Spannung entsteht aber keine, vor allem weil ihre Figuren von Anfang an ständig beieinander sind und man zu ihnen keinerlei Beziehung aufbaut. Eigentlich sollte man gleichzeitig mit ihnen fühlen und sie verabscheuen – für die Art, wie ihre widersprüchlichen Wünsche aus tief sitzenden Verletzungen und wiederholten Missbrauchserfahrungen erwachsen.

Zugestanden: Martin Clunes’ Vaterfigur soll erkennbar sowohl der versoffene Spieler als auch Heathcliffs Peiniger sein – im Roman ist das Cathys Bruder Hindley, der hier komplett fehlt. Doch er wirkt eher wie ein tölpelhafter Säufer als wie jemand, der Angst und Groll auslöst. Das reicht nicht, um Heathcliffs Rachedurst und seine Grausamkeit zu nähren, und erst recht nicht, um diese snobbig verzogene Version von Cathy zu erklären.

Nimmt man den tragischen Liebenden genau die Vorgeschichten, die sie überhaupt erst zu so widersprüchlichen, faszinierenden Hauptfiguren machen, bleiben zwei oberflächliche Schönheiten zurück, deren ermüdendes Hin und Her einen eher dazu bringt, sich nach Cruel Intentions zurückzusehnen.

Das war immerhin eine freizügige Adaption, die Risiken einging – mit einer Regie, die den zugrunde liegenden Stoff verstanden hat.

"Wuthering Heights"
"Wuthering Heights" Warner Bros. Pictures

Im Ergebnis ist „Wuthering Heights“ weniger „Ich hasste dich, ich liebte dich trotzdem“ und mehr „Ähm, keine Ahnung, vielleicht – sieh mich einfach in einem blutroten PVC-Kleid an, bei dem Baz Luhrmann die Shorts enger würden“.

Apropos: Ein verdienter Applaus geht an Jacqueline Durran und Suzie Davies. Ihre maximalistischen Kostüme und das mutige Produktionsdesign gehören zu den wenigen wirklichen Pluspunkten des Films. Fennell wollte auffällige Stilentscheidungen, und die beiden haben den Auftrag verstanden. Dass die Regisseurin aus dieser überhöhten Ästhetik keinen inhaltlichen Mehrwert zieht und scheinbar nur ein von Charli XCX untermaltes Social-Media-Showreel im Sinn hat, kann man ihnen schwer anlasten.

Ein weiterer Lichtblick ist Alison Oliver, die als Edgars Mündel, die prüde Isabella Linton, hervorsticht. Doch erneut verpatzt es Fennell. Oliver ist als komische Figur großartig, aber die Regisseurin lässt ihre Rolle innerhalb von Minuten vom errötenden Unschuldsengel zur willigen Sub kippen. Die Dynamik zwischen Heathcliff und Isabella hätte verstörend und provokant sein können, doch sie endet – wie so viele vielversprechende Momente – als hohle Parodie.

"Wuthering Heights"
"Wuthering Heights" Warner Bros. Pictures

Dass „Wuthering Heights“ so inhaltsleer wirkt, überrascht vielleicht nicht völlig, wenn man bedenkt, wie Fennell in Saltburn alles Interessante aus The Talented Mr. Ripley herausgefiltert hat. Trotzdem markiert dieser Film einen erstaunlich langweiligen neuen Tiefpunkt.

Der Film musste weder subtil sein noch seiner literarischen Vorlage treu bleiben. Wenn das Ergebnis aber einen der emotional brutalsten Romane der Literaturgeschichte ausweidet, nur um mit Korsett-Kink an der Oberfläche zu flirten – und das Ganze die Tiefe und Wucht eines halbherzigen Dessous-Spots hat –, dann ist die Klage über fehlende Subversion, Sinnlichkeit und Herz sehr berechtigt.

So fahren Puristinnen und Puristen mit Andrea Arnolds Version von zweitausendelf deutlich besser. Und Teenager, die sich nach einer Dosis zerstörerischer Co-Abhängigkeit von zwei sexuell aufgeladenen Chaos-Queens sehnen, sollten schleunigst Cruel Intentions entdecken. Der Soundtrack ist dort übrigens auch besser.

„Wuthering Heights“ läuft jetzt in den Kinos.

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