Immer mehr Beschäftigte leiden unter Burn-out oder verfolgen Herzensprojekte. Für sie wird FIRE zunehmend zum Weg, früh finanziell unabhängig zu werden.
Steigende Inflation, höhere Zinsen und der spürbare Druck der Lebenshaltungskosten in vielen Teilen der Welt bringen immer mehr junge Menschen dazu, nach alternativen Wegen zur finanziellen Unabhängigkeit zu suchen. Sie wollen aus dem Hamsterrad aussteigen und sich auf das konzentrieren, was ihnen wirklich wichtig ist.
Die zunehmende geopolitische Unsicherheit der vergangenen Jahre, etwa durch die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine, macht zudem deutlich, wie wichtig ein solider finanzieller Puffer und mehrere Alternativen für den Notfall sind.
Gemeinsam treiben diese Faktoren die Bewegung „Financial Independence, Retire Early“ (FIRE) an. Immer mehr junge Menschen übernehmen die Idee, planen voraus und wollen ihre finanziellen Ziele deutlich früher erreichen.
FIRE wird populär: Warum sich immer mehr Menschen dafür entscheiden
In vielen Regionen der Welt treiben hohe Wohnkosten und stagnierende Löhne klassische Rentenmodelle für ganze Generationen in weite Ferne.
Laut einer aktuellen YouGov-Umfrage (Quelle auf Englisch) haben 57 bis 72 Prozent der Erwachsenen in Europa, die noch nicht im Ruhestand sind, wenig Vertrauen, dass sie im Alter jemals komfortabel leben können.
Deshalb wollen immer mehr Menschen ihre Finanzen selbst in die Hand nehmen und das Risiko von Altersarmut verringern.
Viele leiden zudem unter starkem Burn-out am Arbeitsplatz. Ausschlaggebend sind hoher Druck in Unternehmen, lange Arbeitswege und eine schlechte Balance zwischen Beruf und Privatleben.
Jüngere Beschäftigte legen immer mehr Wert auf Freizeit, Reisen, eigene Projekte und sinnstiftende Arbeit. Der unendliche Aufstieg auf der Karriereleiter oder das Sammeln von Statussymbolen verlieren an Bedeutung.
Neue Werkzeuge wie günstige Indexfonds und Online-Finanzcommunities erleichtern Finanzbildung, Kontrolle der eigenen Geldströme und Vermögensaufbau deutlich. Das gilt selbst in einer Phase zusätzlicher geopolitischer Spannungen und Schwankungen.
Für wen eignet sich FIRE?
FIRE passt nicht zu allen, sondern zu bestimmten Typen. Eine Gruppe sind Besserverdienende mit niedrigen Ausgaben – etwa Fachkräfte in der Tech-Branche, im Ingenieurwesen, in der Medizin oder im Finanzsektor. Sie können hohe Gehälter verdienen und trotzdem vergleichsweise bescheiden leben.
Eine andere Gruppe sind geborene Optimierer. Sie haben Spaß daran, Zahlen zu verfolgen, langfristig zu planen und Budgets zu erstellen und verfügen bereits über ein Grundverständnis für private Finanzen.
Auch Beschäftigte, die starken Stress im Job erleben und finanzielle Freiheit als Ausstiegsstrategie betrachten, können von FIRE profitieren – sofern ihre Situation es zulässt. Ebenso Menschen, die kreative Projekte verfolgen, viel reisen oder sich ehrenamtlich engagieren wollen, ohne sich ständig um ein regelmäßiges Einkommen sorgen zu müssen.
FIRE in der Praxis: Wie sich die Grundregeln anwenden lassen
Die FIRE-Bewegung stützt sich vor allem auf zwei Kennzahlen: die 25‑fach‑Regel und die 4‑Prozent‑Regel. Mit ihnen lässt sich berechnen, wie viel Vermögen für einen komfortablen Ruhestand nötig ist und wie viel Geld man pro Jahr sicher entnehmen kann.
Bei der 25‑fach‑Regel werden die voraussichtlichen jährlichen Lebenshaltungskosten mit 25 multipliziert. Das Ergebnis ist die persönliche FIRE-Zahl – also die Größe des Anlageportfolios, die nötig ist, um den Job dauerhaft zu verlassen.
Die 4‑Prozent‑Regel sieht vor, im ersten Jahr des frühen Ruhestands 4 Prozent des gesamten Portfolios zu entnehmen. Dieser Betrag wird in den Folgejahren an die Inflation angepasst. So sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass das ersparte Geld im Laufe eines typischen Rentenlebens aufgebraucht wird.
Menschen, die FIRE anstreben, sparen meist sehr konsequent. Sie legen oft 50 bis 70 Prozent ihres Nettoeinkommens während der Erwerbsphase zurück. Gleichzeitig leben sie ausgesprochen genügsam und streichen rigoros alle überflüssigen Ausgaben. Dadurch sinken ihre jährlichen Grundkosten – und damit auch das FIRE-Zielvermögen.
Viele investieren zudem offensiv. Sie setzen auf kostengünstige Aktienindexfonds und steuerbegünstigte Konten, um den Zinseszinseffekt maximal zu nutzen.
Grundsätzlich lassen sich vier FIRE-Strategien unterscheiden.
Die erste Variante ist Lean FIRE. Sie richtet sich an Minimalisten und besonders kostenbewusste Menschen, die mit sehr wenig Geld leben wollen – etwa mit weniger als 30.000 Euro pro Jahr –, um so schnell wie möglich in den Ruhestand zu gehen.
Daneben gibt es Fat FIRE für Besserverdienende, die beim Lebensstandard keine Abstriche machen möchten. Sie streben ein deutlich größeres Finanzpolster an, um einen luxuriösen oder ausgabenintensiven Lebensstil beizubehalten.
Barista FIRE beschreibt Menschen, die aus der Konzernwelt aussteigen, aber weiterhin in begrenztem Umfang arbeiten. Sie übernehmen Teilzeitjobs, um zusätzliches Geld zu verdienen oder Vorteile wie eine Krankenversicherung zu sichern.
Coast FIRE wiederum richtet sich an jüngere Erwerbstätige, die früh aufhören wollen, aktiv zu sparen. Sie investieren zunächst viel und lassen den Zinseszinseffekt dann den Rest erledigen, bis sie das klassische Rentenalter erreichen.
Vor dem Einstieg in FIRE: Worauf es zu achten gilt
Finanzielle Unabhängigkeit und ein früher Ruhestand klingen verlockend. Dennoch sollten Interessierte einige Punkte bedenken, bevor sie FIRE für sich übernehmen.
Da FIRE bedeuten kann, bis zu 70 Prozent des Einkommens zu sparen und sehr strikt zu budgetieren, brauchen Anhänger viel Disziplin. Sie müssen bereit sein, über Jahrzehnte Gesundheitskosten und Inflation ohne klassisches Gehalt einzuplanen.
Genügsamkeit und extremes Sparen, vor allem in jungen Jahren, können zudem das Risiko sozialer Isolation erhöhen. Das ist nicht für jeden leicht auszuhalten.
Schwankungen und Einbrüche an den Finanzmärkten können die erwarteten Renditen ebenfalls verändern, insbesondere in den ersten Jahren des Sparens und Investierens.
Manche Menschen kämpfen nach dem Ausstieg aus dem Erwerbsleben mit einem Identitätsverlust. Plötzlich fehlt ein klarer Tagesrhythmus und eine eindeutige Aufgabe.
Und trotz sorgfältiger Planung stellen einige FIRE-Anhänger fest, dass sie nach Jahren oder sogar Jahrzehnten doch wieder arbeiten müssen. Der Wiedereinstieg fällt dann oft schwer, weil Fachwissen, Fähigkeiten und berufliche Netzwerke nicht mehr auf dem neuesten Stand sind.